Beata Szydło

Kaczyńskis Mädchen

Die Partei PiS hat die Wahl in Polen gewonnen. Spitzenkandidatin Beata Szydło gilt bei vielen als roboterhaft, doch in ihr steckt mehr.

Beata Szydło soll Polens nächste Regierungschefin sein.

Beata Szydło soll Polens nächste Regierungschefin sein.

Foto: PAWEL KOPCZYNSKI / REUTERS

Warschau.  Beobachter, die Beata Szydło weniger wohlgesinnt sind, beschreiben die 52-Jährige gern als roboterhaft. Im polnischen Wahlkampf habe die Spitzenkandidatin der nationalkonservativen PiS wie eine Maschine gestanzte Sätze produziert. Andere, die es gut mit Szydło meinen, beschreiben sie als strategisch denkenden Kopf, als klug und loyal. Was weder Freund noch Feind in den Sinn kommt, sind Begriffe wie „Warmherzigkeit“ oder „menschliche Nähe“.

Tatsächlich wirkt Szydło, die nach dem Willen von PiS-Chef Jarosław Kaczyński Polens neue Regierungschefin werden soll, im Auftreten kalt. Wenn sie lächelt, dann schmallippig oder sogar verkniffen – fast wie Kaczyński selbst. Dabei müsste Szydło eigentlich wissen, wie sie mit Menschen umgeht. Sieben Jahre lang war die studierte Ethnografin einst Bürgermeisterin der südpolnischen Kleinstadt Brzeszcze, nicht weit von ihrem Geburtsort Auschwitz (Oswiecim) entfernt. Dennoch gilt Szydło, die das braune Haar meist kurz und gescheitelt trägt, vor allem als unnahbar und unscheinbar.

Es wäre ihr oder ihren Beratern kaum in den Sinn gekommen, dass sie beim TV-Duell der Spitzenkandidaten ein knallrotes Jackett tragen konnte, wie ihre schärfste Kontrahentin dies tat, Amtsinhaberin Ewa Kopacz. Es hätte auch nicht zu Szydło gepasst, dieser Mutter zweier erwachsener Söhne, die seit fast 30 Jahren mit dem bodenständigen Schuldirektor Edward Szydło verheiratet ist, einem passionierten Jäger und Hobbyimker.

Kaczynski könnte Regierung aus dem Reihenhaus führen

Szydło ist nun designierte Ministerpräsidentin. Ob sie das höchste Regierungsamt tatsächlich auf Dauer ausüben wird, ist allerdings offen. Die 52-Jährige selbst überließ am Sonntag Kaczyński das Feld und gab lediglich zu Protokoll: „Wir sind Mannschaftsspieler und werden es bleiben.“ Die vielleicht weitsichtigste Analyse der personellen Situation in der PiS lieferte Polens Ex-Präsident Aleksander Kwaśniewski: „Ich denke, dass Kaczyński das Amt des Regierungschefs nicht anstrebt. Er will die Rolle eines (nationalen) Führers ausfüllen“, erklärte Kwaśniewski, wobei der Begriff „Führer“ (lider) im Polnischen weniger drastisch klingt als im Deutschen.

Für die „Führer-These“ spricht auch Kaczyńskis Umgang mit dem im Mai gewählten Präsidenten Andrzej Duda, einem 43-jährigen PiS-Politiker, der bis zu seiner Wahl ein ähnlich unbeschriebenes Blatt war wie Szydło. Polnische Medien berichteten unlängst darüber, wie Kaczyński den Staatschef mitsamt Entourage zu sich in sein Warschauer Reihenhaus zitierte, wo Duda dem Parteiübervater Bericht erstatten musste. Keine Frage: Die Tatsache, dass der Präsident, der mit Vetorechten ausgestattet ist, ein enger, abhängiger Vertrauter ist, hilft Kaczyński bei seiner „Mission Nationalverfassung“.

Rhetorik erinnert an Merkel

Beata Szydłos politischer Aufstieg vollzog sich geradlinig und ist eng mit dem Namen Kaczyński verbunden. 2005 trat sie der PiS bei und wurde sofort mit einem Traumergebnis in den Sejm gewählt. Es war jenes Jahr, in dem die Kaczyński-Zwillinge Lech und Jaroslaw bei der Präsidenten- und der Parlamentswahl triumphierten. Szydło wechselte damals nach Warschau, wurde später Schatzmeisterin und Vizechefin der Partei. Im Frühjahr 2015 managte sie den erfolgreichen PiS-Wahlkampf des heutigen Präsidenten Andrzej Duda.

Dieses Meisterstück verhalf Szydło zur Spitzenkandidatur. Der Übervater der PiS, Jaroslaw Kaczyński, erkannte nach eigener Aussage ihre „Zielstrebigkeit und Kompetenz“. Ihr Wahlspruch „damy radę“ (in etwa: Wir schaffen das) erinnert an die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die größte Rolle dürfte allerdings ihre Loyalität gespielt haben. Davon sind fast alle politischen Beobachter überzeugt, die in Szydło eine Marionette des PiS-Chefs sehen. Doch das ist, wenn nicht ein reines Vorurteil, so doch ein vorschnelles Urteil. Mag sein, dass sie Kaczyńskis „Mädchen“ ist, wie Angela Merkel einst „Kohls Mädchen“ war. Doch Fakt ist auch: Die Zeit der Beata Szydło beginnt erst.