Politik

Gierige Funktionäre

Auch der DFB muss sich reformieren und transparente Strukturen schaffen

Der französische Philosoph und Schriftsteller Albert Camus schrieb einmal: „Alles, was ich über Moral und Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball.“ In diesen Tagen würde sich Camus genüsslich zurücklehnen und die zahlreichen Schmierenstücke verfolgen, die die Herren der führenden Fußballvereinigungen Fifa, Uefa und jetzt auch DFB aufführen. Im Streit um gekaufte Stimmen, schwarze Kassen und wirre Überweisungen zerlegt sich die nationale und internationale Funktionärselite derzeit selbst. Den vorläufigen Höhepunkt lieferte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, dessen als Befreiungsschlag angekündigter Auftritt eher an die Beschreibung einer gängigen Geldwäschepraxis erinnerte. Niersbachs Vorgänger Theo Zwanziger befeuerte danach die Diskussion, indem er seinen Nachfolger der Lüge zieh.

Und mittendrin die Lichtgestalt, der Franz, der als einziger Mensch in der Geschichte des Fußballs die WM als Spieler und dann als Trainer gewann und sie als Funktionär auch noch in das Heimatland holte. Der Handaufleger des Fußballs, der Kaiser, er schenkte uns das Sommermärchen, über das sich jetzt Schatten legen und ihm möglicherweise ein paar Glühlampen aus der Fassung schießen.

Egal, was am Ende von den Vorwürfen bleibt, ob korrupte Strukturen bis weit in den Deutschen Fußball-Bund hineinreichen oder nicht, welche Millionenzahlungen im Zusammenhang mit der Deutschland-WM 2006 tatsächlich von hier nach da flossen und wer davon wusste – das System Fußball, so wie es ist, kann so nicht weiterbestehen.

Dabei hat genau das doch jahrelang den Charme des Fußballs ausgemacht: Er wurde von Menschen betrieben, die so waren wie wir. Die in der Kneipe ein Bier mit den Fans tranken, schnelle Autos mochten und auch mal fünfe gerade sein ließen. Beckenbauer blieb der Franz, Blatter blieb der Sepp. Das funktionierte bis zu dem Zeitpunkt, als sich der Fußball dem Geld verschrieb. Aus der Fußball-WM wurde das eingetragene Markenzeichen Fifa-Fußball-WM, aus Vereinen wurden ausgegliederte Unternehmen oder Aktiengesellschaften, Spielerwechsel wurden zum Handel von Transferrechten, und die Spieltage werden immer weiter differenziert, sodass in Deutschland schon jetzt in Europapokalwochen an jedem Wochentag mindestens ein Fußballspiel stattfindet und im Pay-TV zu sehen ist.

Und die Fußballfunktionäre bleiben gierig. Die Fifa rechnet für die WM 2014 mit einem Gewinn von fünf Milliarden Euro, für Adidas ist allein der Verkauf des WM-Balls ein Milliardengeschäft. Mit Sportschuhen und Trikots setzt das Unternehmen ein Vielfaches um.

Doch wo so viel Geld auf biedere Vereinsmeier trifft, da ist Gefahr im Verzug. Die Strukturen und Personen sind nicht in gleichem Maß gewachsen wie das globale Fußballgeschäft der vergangenen 30 Jahre. Der Franz, der Sepp, der Günter und der Uli sowieso – sie sind alle noch da. Es ist ein Hohn, dass Fifa und DFB bis heute wie Karnickelzüchtervereinigungen als eingetragene Vereine und steuerbevorteilt geführt werden. Da passt das Schmierenstück, das die Fifa seit Jahren, der DFB seit Tagen abgibt, fast schon wieder ins Bild. Wie die Fifa braucht der DFB eine grundlegende Reform, zeitgemäße Strukturen, Transparenz und Fachleute in den führenden Positionen.

Denn die Idee des Fußballs ist groß. Jedes Wochenende findet eine Völkerwanderung statt. Allein in Berlin kicken 3300 Mannschaften mit 140.000 Spielern aus 403 Vereinen gegeneinander. Sie alle liefern die Dramen, Legenden und Geschichten, die der Fußball schreibt. Es wird gekämpft, gegrätscht, gejubelt und gehadert, aber auch getreten und gehasst. Diese lokale Verbundenheit ermöglicht überhaupt erst das weltumspannende große Theater in den Arenen. Blatters Geschichte ist fast erzählt, Niersbachs möglicherweise bald zu Ende. Vielleicht erleben wir gerade die Befreiung des Fußballs von seinen altmännerbündischen Fesseln.