Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen.

Die Nette aus dem Süden

Am Morgen des Spaziergangs wird spontan der Ort verlegt. Alexandra Neldel möchte sich doch nicht in der Pariser Straße, sondern im „Café am Neuen See“ treffen. „Wegen des Regens“, steht in der Mail. Dabei regnet es gar nicht, es ist nur ungemütlich. Wäre man ein voreingenommener Mensch, würde man die Schauspielerin als kompliziert einstufen. Dann wäre wohl die erste provokante Frage: „Was haben Sie gegen Regen?“ Und als Schlagzeile stünde über dem Text: „Neldel – eine regenscheue Diva“.

Eine Diva. Ab in die Charakterschublade und fertig. Das haben Journalisten mit vielen anderen Menschen gemein: Sie wollen Prominenten bestimmte Rollen zuweisen. Die Diva, die Brave, der Vamp. Was die Öffentlichkeit besonders interessiert, sind private Dinge. Nun ist die Schauspielerin Alexandra Neldel keine, die in sozialen Netzwerken Foto um Foto postet oder die zeigt, wie schön es am Set und im Urlaub ist. Privates bleibt bei ihr privat. Das steht auch so ziemlich in jedem Interview mit ihr.

Und trotzdem oder wohl gerade deshalb will jeder Interviewer ins Private vordringen. Dann wird nach der Kinderlosigkeit der 39-Jährigen gefragt. Ob sie einen Partner habe? Wie sehr sie sich eigentlich mit ihrer Rolle als „sexy Wanderhure“ identifiziere. Und erst neulich wurde sie nach dem Ring an der rechten Hand gefragt, mal wieder. „Wie schön“, habe die Interviewerin mit unschuldigem Blick gesagt – in der Hoffnung, mehr über das Schmuckstück zu erfahren. Womöglich ein Verlobungsring?

Sie hat einen großen Regenschirm mitgebracht

Jetzt sind wir auch neugierig. Also auf zum Treffen im „Café am Neuen See“. Neldel ist schon vor der vereinbarten Zeit am Ort. Sie entschuldigt sich für das kurzfristige Verlegen des Treffpunkts, das sei ein Missverständnis gewesen. Probleme mit Regen? Aber nein! Sie hält einen Regenschirm hoch. Für uns, sagt sie. Wenn später noch spaziert werden soll und es regnet, dann seien wir damit ausgerüstet. Also doch keine Diva. Anpassungsfähig. Nur ihr Schuhwerk ist vielleicht etwas ungeeignet: Lederstiefel mit sehr hohen Absätzen. Eigentlich, erzählt sie, wollte sie Gummistiefel anziehen. Nur müsse sie gleich weiter zu einem Termin nach Hamburg, da würden solche Schuhe nicht passen. Wir stehen erst wenige Minuten zusammen, doch von Unnahbarkeit keine Spur. Alexandra Neldel plaudert. „Ich fühle mich etwas zerknautscht heute. Das liegt sicher am Wetter.“ Natürlich sieht sie nicht zerknautscht aus.

Neldel stellt sich ganz selbstverständlich als Alex vor. „Klar duzen wir uns“, sagt sie. So, als wären wir uns schon häufiger begegnet. Womöglich glaubt sie das auch wirklich. Denn wenig später gibt sie zu, dass sie sich sehr schwer damit tut, Namen bestimmten Gesichtern zuzuordnen. Vor dem Café begrüßt sie an der Tür der Betriebsleiter, ein Herr im karierten Hemd. Man kennt sich, klar. „Dieser Ort steht für den Flair von West-Berlin“, findet Neldel. Zurückgenommen, stilvoll und trotzdem entspannt-familiär. Sie kommt hier gerne hin. Außerdem hängen Erinnerungen am Tiergarten. Damals, die Loveparade und die endlose Feierei danach, unweit von hier am Ende des Tiergartens. Alexandra Neldel war zwar kein typisches 90er-Jahre-Techno-Mädchen, aber dabei war sie doch. Schon aus Interesse wollte sie zumindest einmal miterleben, wie sich dieser wummernde Umzug anfühlt.

Wenn Alexandra Neldel von sich und ihrer Vergangenheit erzählt, dann scheint es so, als hätte sie nie eine wirklich rebellische Phase in ihrem Leben gehabt. Aber wer weiß. Vielleicht verbirgt sie diese Seite von sich aber auch geschickt. Hinter ihrer äußerst lieben und sympathischen Art vermutet man automatisch irgendeinen Abgrund. Braucht ein Schauspieler nicht eine dunkle Seite, um eine Rolle komplex zu spielen? Oder reicht nur nett?

Die Antwort gibt Neldel von ganz alleine. „Ich bin eben einfach so nett, vielleicht liegt das an meiner Erziehung.“ Nett – das sei ja so ein profilloses Wort geworden. Aber sie sei trotzdem lieber „nur“ nett, als aufgesetzt aufmüpfig.

Die Schauspielerin redet viel, kann aber auch zuhören. Sie ist keine, die sich gerne im Mittelpunkt sieht und auch keine mit von Gott gegebenen Entertainmentqualitäten. Und sie versteht nicht recht, wieso sie auf dem roten Teppich einer Filmpremiere etwas Persönliches sagen soll, wenn es an jenem Abend doch überhaupt nicht um sie gehe: „Den Sack habe ich noch nie aufgemacht.“

Nun stellt sich die Frage: Hat da jemand das Promi-Spiel nicht richtig verstanden? Oder ist Neldel am Ende die Klügere, weil sie sich mit ihrer Verweigerung heraushebt aus der Prominentenmasse? An Arbeit mangelt es ihr ja nicht. Alexandra Neldel ist sehr populär. Nicht nur durch ihre Rolle als „Wanderhure“. Auch als die auf hässlich gemachte Lisa Plenske in einer der ersten deutschen Telenovelas „Verliebt in Berlin“ hat sie sich in die Herzen gespielt. Zwischendrin gab es noch einige Kinofilme, in denen sie in Nebenrollen zu sehen war. Und nun, am 30. Oktober, wird sie wieder im Fernsehen in einer Hauptrolle zu sehen sein: als Hochzeitsplanerin Rosa, die ihren Ehemann drei Mal am Altar stehen lässt. Ein ARD-Vierteiler. Für Produzenten scheint Neldel der perfekte Publikumsmagnet. Mehrteilige Produktionen zählen zu ihren Hauptarbeiten. Guter Mainstream halt.

Und doch – irgendwie lässt einen der Gedanke nicht los, dass es in ihrem Leben doch mal eine andere Alex gab. Nicht die zurückhaltende, attraktive, mal braun-, mal blondhaarige Frau aus dem Süden Berlins. Seit zwei Jahrzehnten steht sie in der Öffentlichkeit. Mit 19 Jahren stand sie zum ersten Mal in der Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ vor der Kamera.

Wie wurde sie entdeckt? Verrückte Geschichte. 1996 auf einem Poloturnier. Eine Freundin hatte sie damals mitgenommen – es lockte die Aussicht auf Gratis-Erdbeerbowle und Gratis-Törtchen am Spielfeldrand. Simone Bär, Cas­terin der Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, sprach die junge Alexandra Neldel damals an, die eigentlich als Zahnarzthelferin arbeitete. Ob sie nicht in der Serie, die in Potsdam gedreht wird, mitspielen wollte? Niemals hätte sie sich vorstellen können, welchen Weg sie danach zurücklegte, sagt sie heute. Seither ist die West-Berlinerin omnipräsent in der deutschen Medienlandschaft.

Sie spielte damals Katja Wettstein in der Soap, eine zwielichtige Figur. Die musste auf dem Schulhof Drogen verkaufen, weil sie ihr Vater dazu zwang. „Dabei konnte ich damals noch nicht mal Zigaretten drehen.“ Egal. In diese Zeit fällt dann auch das einzig wirklich Verruchte in Neldels Karriere. Sie zog sich Ende der 90er-Jahre für den „Playboy“ aus. Und auch danach hat sie immer wieder sehr sexy Auftritte gehabt wie bei der „Wanderhure“. Trotzdem bleibt ihre Erotik seltsam clean. Zumindest wird das Image nie schmutzig.

Vielleicht liegt das an ihrer Mädchenhaftigkeit. Vor einem steht eine Frau, die trotz ihrer erwachsenen Klamotten – Marlene-Hose und Cashmerepullover mit Pailletten bestickt – eher wie eine Heranwachsende wirkt, die Pilze sammeln im Regen mag. Mag sie auch wirklich. Auch ihre Stimme ist für ihr Alter ungewöhnlich niedlich, ohne dass sie gespielt oder wie eine plumpe Masche wirkt. „Niedlich“, das ist so ein Wort wie „nett“. Aber es ist wirklich nichts Abfälliges dabei. Neldels Stimme klingt genauso, wie im Duden „nett“ definiert wird: „so angenehm, dass man es sofort mag“.

Wenig später, als der Fotograf Reto Klar Bilder von ihr macht, merkt man: Neldel ist tatsächlich erfreulich natürlich. Uneitel läuft sie über den aufgeweichten Weg vor dem Café bis zur Spitze des schmalen Stegs. Sie stellt ihre Ledertasche von Aigner auf das glitschige Holz. Das gute Stück! Ob man die Tasche nicht lieber für sie halten soll? „Ach Quatsch“, sagt Neldel. Sie folgt den Anweisungen des Fotografen, ohne sich zu zieren, hat keine Einwände. Sie lacht und freut sich über die Motivation, die da hinter der Kamera herrscht. Fotograf Reto Klar hält mit Freude drauf.

Alles wirkt so kitschig: die bunten Blätter, die auf die Wasseroberfläche fallen, der Weitblick auf den See. Eine perfekte romantische Kulisse für ein Katalog-Shooting. Doch wir sind in Berlin, mitten in der Großstadt. Hier ist nie etwas perfekt. Denn plötzlich treibt ein totes Kaninchen auf dem Wasser. Neldel, die es als Erste sieht, schreit kurz auf. In ihrem Gesicht erkennt man Mitleid, das tote Tier wird sie noch eine Weile beschäftigen.

Kindheit im Grünen, Disco in Steglitz

Neldel ist im Grünen aufgewachsen. In Steglitz, genau genommen Lichterfelde-West. Ein sehr behüteter Bezirk. Zwischen Altbauwohnung und Schrebergarten pendelte sie mit ihrer Familie hin und her. Mittlerweile ist sie nur noch sehr selten in der Ecke. Auch ihre Eltern wohnen nicht mehr da. Nur eine enge Freundin ist noch dort geblieben. Neldels Freundeskreis besteht überwiegend aus Menschen von früher. Richtige Freundschaften mit Leuten aus ihrer Branche hat sie kaum. Vielleicht sieht man sie deshalb auch so selten auf öffentlichen Veranstaltungen.

Fragt man sie nach Lieblingsorten, muss sie überlegen und sagt dann: zu Hause. Sie weiß auch oft nicht, was sie Berlinbesuchern unbedingt empfehlen sollte. Manchmal gönnt sie sich einen ganzen Tag nur in ihrer Wohnung, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Das musste sie richtig lernen, sagt sie, aber inzwischen funktioniert es. Ihr Kiez erstreckt sich grob zwischen der Pariser Straße bis zum Kudamm und Lietzensee. Neldel ist ein richtiges West-Mädchen geblieben. Steglitz, Schmargendorf, Charlottenburg. „Da bin ich ja weit gekommen“, witzelt sie über sich selbst. Mitte und Prenzlauer Berg mag sie zwar, aber für sie fühlt es sich dort immer noch wie eine kleine Reise in eine andere Stadt an. „Alles ist dort so schnell gewachsen ohne tiefere Verwurzelung“, findet sie.

Das Inselgefühl im ehemaligen Westen der Stadt, von dem so häufig die Rede sei, kenne sie nicht mehr. Für sie war die Mauer einfach eine Tatsache. Sie ist mit der Teilung aufgewachsen. Vielleicht war sie damals noch zu jung, um zu realisieren, was die Teilung politisch bedeutete. Da war halt diese Grenze – und eine holprige Transitstraße, die hinaus aus der Stadt führte. Nur die 48er-Packung Toffifee in den Intershops sei ihr noch gut in Erinnerung, erzählt sie lachend. Und der Mauerfall? Ihre Mutter kam damals morgens in ihr Zimmer und sagte, dass die Mauer gefallen sei. Danach wollten sie mit der U-Bahn in die Stadt fahren. Doch nichts ging.

Auch danach hielt sie sich hauptsächlich im Westen auf. Nachts ging sie ins „PopInn“, eine Jugenddisco in Steglitz, in die man schon mit 16 durfte. Man musste seinen Ausweis abgeben, um zehn Uhr dann wieder gehen. Später war der Szeneclub 90 Grad in Schöneberg angesagt. Die Ecke dort ist heute kaum mehr wiederzuerkennen, sagt sie. „All diese seelenlosen Neubauten.“ Die seien Neldel erst vor Kurzem aufgefallen.

Und wie lebt sie heute? Sie trinkt ihren Kaffee am liebsten mit Mandelmilch. Jeden Morgen macht sie sich einen gesunden Smoothie. Am Wochenende kauft sie bei ihrem Lieblingsbäcker an der Pariser Straße, eine Brezel, die sie zu Hause mit Nutella bestreicht. Und manchmal geht sie in den Wald und sammelt Moos, um damit ihre Wohnung zu dekorieren.

Den Schirm musste sie übrigens während des Spaziergangs kein einziges Mal aufspannen. Es hat ja nicht geregnet. Aber eins ist sicher: Sie hätte auch nichts gegen den Regen gehabt. Denn gegen etwas zu sein, liegt einfach nicht in Alexandra Neldels Natur.