DoBova

Ein neuer Tag, ein neuer Treck

Der Flüchtlingsstrom bahnt sich seinen Weg durch den Balkan: Slowenien ist die nächste Staustufe

DoBova. Das Morgengrauen in Dobova riecht nach verbranntem Plastik. Der junge Salman am Stahlgitter. „Fucking cold“, sagt er. Kinder hocken hinter ihm um das Feuer, das Männer angezündet haben. Als in der Nacht kein Holz mehr da war, fingen sie an, Plastikflaschen, Tüten und Pullover zu verbrennen.

Auf der Wiese vor dem alten Fabrikgebäude sammeln Männer und Frauen ihre Decken ein, manche klappen ihre kleinen Iglu-Zelte zusammen, andere werfen zerrissene Pappkartons ins Feuer, die sie sich in der Nacht gegen die Kälte zwischen Körper und Gras gelegt haben. Der Plastikgestank sei gar nicht so schlimm, sagt Salman. „Die Helfer haben uns gestern Dosen mit Sardinen gegeben.“ In den Ecken und an Bäumen liegen noch leere Konserven. „Und dann schlafen alle mit offenem Mund, bah!“ Europa schmeckt nach Brot mit Sardinen. Er kann darüber noch lachen.

Es ist kurz nach sieben Uhr in dem slowenischen Dorf an der Grenze zu Kroatien. Gemeinsam mit 300, vielleicht 350 anderen Menschen lag Salman draußen unter freiem Himmel, weil die Feldbetten in der Fabrik belegt waren. Ein neuer Tag auf seiner Flucht, die schon 15 Tage dauert. Begonnen hat sie im Libanon. Vielleicht kommen sie alle gleich weiter, mit dem Bus oder dem Zug. Aus dem Lager an der slowenisch-kroatischen Grenze in Richtung Österreich. Richtung Deutschland. Eigentlich ist es Salman egal, wohin. Hauptsache weiter. Hauptsache weg.

Aber erstmal geht hier gar nichts.

Es gibt an diesem Morgen die Welt von Salman und den anderen Männern, Frauen und Kindern aus Syrien, Irak und Afghanistan, aber auch aus Pakistan, Libanon und Albanien. Ihre Welt ist eingezäunt von Stahlgitter, Polizisten mit Helmen und Soldaten in Uniformen. Helfer vom Roten Kreuz schenken heißen Tee in Plastikbechern aus und verteilen Äpfel.

Auf dem Balkan übernahmen Staaten das Schleusergeschäft

Die andere Welt bündeln Politik und Medien in dem Schlagwort der „großen Flüchtlingskrise“. Gerade ist Slowenien, das kleine Land zwischen Österreich, Adria und Kroatien mit gut zwei Millionen Einwohnern, der Fixpunkt dieser Krise. Am Freitag sollen 14.000 Flüchtlinge durch Slowenien gereist sein.

Schon am Vortag zählte Slowenien 12.000 Flüchtlinge. Jedenfalls sind das die offiziellen Zahlen. Vor einigen Wochen führte die Hauptroute noch über Mazedonien, Serbien und vor allem den EU-Staat Ungarn. Doch seitdem die ungarische Regierung einen Stacheldrahtzaun an der Grenze zu Serbien und Kroatien bauen ließ, fliehen die Menschen über Kroatien und Slowenien.

Es ist eine Flüchtlingskrise, aber es sind zwei Welten. Die große mit täglich aktualisierten Rekordzahlen und Statements der Politiker der Europäischen Union. Gerade bat Sloweniens Regierung um 60 Millionen Euro Hilfe für sechs Monate. Und es gibt die kleine Welt in den Camps. Salman fragt: Wie weit ist es noch bis Österreich? Fahren wir mit dem Bus? Warum können wir nicht raus und uns im Supermarkt Zigaretten oder Käse kaufen? Die Polizisten und die Helfer haben keine Antworten.

Ein slowenischer Polizist vor dem Zaun sagt, dass man sehr gut mit den Kollegen aus Österreich und Deutschland zusammenarbeite. Aber Slowenen und Kroaten reden nicht miteinander. „Die laden die Menschen in Zügen an der Grenze ab und dann winken sie nur noch in unsere Richtung.“ So sehen sie das in Slowenien. In Kroatien schimpfen sie zurück.

Masyon ist gemeinsam mit ihrem Mann und ihren vier Kindern aus Syrien geflohen. Jetzt warten sie auf einem Feld vor Dobova. Wieder sind es viele Hundert. Doch weil in den Auffanglagern kein Platz ist, bevor der nächste Zug in Richtung Österreich abfährt, dürfen sie nicht weiter.

Auf dem Balkan haben Staaten jetzt das Schleusergeschäft übernommen. Begleitet von den Behörden geht es für die vielen Menschen wie durch Schleusen von Land zu Land, von Lager zu Lager. Mal stockt der Marsch, mal werden sie durchgereicht. Mal gibt es ein Lager mit Zelten und Betten und genug zum Essen für alle. Mal schlagen Polizisten auf Flüchtlinge ein. Mal sind sie nett.

Auf einmal bringt sich vor dem Feld, auf dem auch Masyon wartet, die Polizei in Stellung. Ein Mann macht eine Durchsage auf Arabisch. Die Menschen jubeln. Ein paar Minuten später setzen sie sich in Bewegung, langsam, in Reihen, wie ein Demonstrationszug durch eine deutsche Innenstadt. Polizisten laufen vorweg. Ab ins nächste Lager.

Masyons Familie hat ihr Haus in Deir ez-Zor, einer Stadt im Osten Syriens, zurückgelassen und auch das Geschäft, in dem ihr Mann Kleidung verkauft hat. Sie selbst habe als Mathelehrerin gearbeitet, die älteste Tochter studierte im dritten Jahr Chemie. Dann begann der Krieg, irgendwann kam der Terror des „Islamischen Staates“ dazu.

Wer mit den Menschen auf ihrem Marsch ins Lager spricht, hört oft, dass Deutschland ihr Ziel ist, viele wollen auch nach Schweden. Manche nach England, Belgien. Frieden, Arbeit, Leben – es ist der Dreiklang ihrer Hoffnung.

Nach einer guten halben Stunde ist der Marsch für Masyon zu Ende. Es beginnt das Warten vor dem Eingang zum Lager. Masyon hat es weit nach vorne in der Schlange geschafft. Hinten sitzen Frauen, Kinder und Männer auf der Straße, andere auf dem Fußweg. Manche liegen auf dem Asphalt, lehnen den Kopf an ihren Rucksack, nicken weg.

Eine Helferin von Amnesty International berichtet, dass es nicht nur an Schlafplätzen fehle, sondern auch an Essen. Weder die Soldaten noch die Kräfte vom Roten Kreuz würden nach einem Vorfall mit brennenden Zelten im Lager Brezice das Camp betreten. „Also haben sie Brot und Flaschen mit Wasser über den Zaun geworfen.“ Nur hätten das bloß die kräftigen Männer in den ersten Reihen abbekommen.

Österreich nimmt nur langsam Flüchtlinge aus Slowenien auf

Ein neuer Tag, ein neuer Treck. Väter tragen Kleinkinder auf den Schultern, Frauen schultern schwere Taschen, ein Mann im Rollstuhl ist in der Masse, eine schwangere Frau. Österreich, heißt es, nehme nur langsam neue Flüchtlinge auf. Deshalb stöhnt Mohammed gerade. Sieben Kilometer müssen die knapp 500 Menschen bis zu dem für sie bestimmten Lager im Grenzort Brezice laufen. Seit einer halben Stunde sind sie unterwegs. Jetzt machen sie eine Pause, hocken auf einer Decke vor einer Einfahrt und rauchen. Viel könnte man jetzt reden über das Regime von Syriens Diktator Assad, den Terror des IS, über ihre Träume, in Europa Arbeit zu finden. Aber Pause heißt auch Pause von der Flucht. Also reden wir über Fußball. Über die Zaubertore von Messi beim FC Barcelona, über die Weltmeister von 2014 um Schweinsteiger und Müller. Dann aber kommt ein Polizist vorbei. „Go! Go! Go!“, ruft er. „Pause machen könnt ihr im Camp!“