Politik

Habt Geduld mit den Vätern

| Lesedauer: 4 Minuten

Die neue Generation steht unter hohem Druck – und ändert sich doch

Wo sind sie denn nun, die neuen Väter? Sollte das Land nicht längst voll von Männern sein, die lieber ihre Kinder aufwachsen sehen, als sich in Büros und Betrieben aufzureiben? Hieß es nicht, da sei eine neue Generation von Vätern auf dem Vormarsch, die es anders machen wollten als die eigenen Väter? Junge Männer, die sich mit ihren Frauen alles teilen wollten – den Haushalt, die Kinderbetreuung und das Geldverdienen?

Die neuen Väter sollten ein Problem lösen, das seit Jahrzehnten ungelöst ist und trotz etlicher familienpolitischer Versuche langsam unlösbar zu sein schien: Das Gefühl der Frauen, dass sie es allein stemmen müssen, wenn sie beides sein wollen: gute Mütter und zufrieden im Beruf.

Die neuen Väter waren die letzte Hoffnung. Das klingt dramatisch – aber tatsächlich hatten viele zuletzt den Eindruck, das die Väter die einzig richtige, die einzig wirksame Stellschraube für alle Gerechtigkeitsprobleme in der Familienpolitik sind. Und jetzt das: Bei der Elternzeit, bei der ersten Nagelprobe auf familiäres Engagement, halten sich die Väter sichtbar zurück. Nur jeder Dritte nimmt überhaupt diese Auszeit für die Familie und davon kaum einer mehr als das gesetzliche Minimum von zwei Monaten. Sie haben viele gute Gründe dafür, wie die neue Väter-Studie einer großen deutschen Bank zeigt. Doch heißt das nicht unterm Strich: Das Gleichstellungsprojekt namens Elternzeit ist eine Farce?

Geduld, Leute. Die neuen Väter kommen. Doch sie sind keine Knetmännchen, die sich beliebig formen lassen – je nachdem, was die Frauen, die Kinder, die Arbeitgeber oder die Familienpolitiker gerade von ihnen verlangen. Und es wird viel verlangt: Sie sollen und wollen aufmerksame und engagierte Väter sein, die pünktlich Feierabend machen oder am besten gleich in Teilzeit arbeiten, um die Kinder nicht erst zum Abendbrot zu sehen. Sie sollen 50 Prozent der Hausarbeit übernehmen, nicht nur den Reifenwechsel und den Getränkeeinkauf am Wochenende. Sie sollen aber gleichzeitig auch so viel verdienen, dass es für ein Mittelklasseauto, zwei Urlaubsreisen und die Kreditraten für das Reihenhaus reicht. Und am besten gleich so viel, dass es in ein paar Jahren auch noch für das Studium der Kinder reicht. Das heißt aber auch: Sie sollen bitte schön alles tun, um nicht arbeitslos zu werden. Wo Kinder aufwachsen, ist wirtschaftliche Sicherheit mindestens so wichtig wie faire Rollenmodelle. Und es sind nun mal in der Regel nach wie vor die Männer, die in den besser bezahlten Berufen arbeiten.

Wundert es irgendjemanden, dass die meisten Väter bei einem solchen Programm das tun, was alle Menschen bei drohender Überforderung tun? Wundert es wirklich, dass die deutschen Väter nicht in Scharen in Elternzeit und Teilzeit gehen? Und dass diejenigen, die es tun, sich gerade mal für zwei Monate aus dem Job verabschieden? Nein. Das ist pragmatisch. Die Zweimonatsväter werden das Land nicht revolutionieren, aber sie werden es verändern. Es dauert nur ein bisschen länger.

Man kann das beklagen. Doch man darf nicht vergessen: Es gibt nicht wenige Frauen und Männer, die zwar von Arbeitsteilung träumen, sich im Alltag mit der herkömmlichen Rollenverteilung aber sehr wohlfühlen. Und es gibt nicht wenige Männer, die genau beobachtet haben, was mit ihren weiblichen Kollegen passiert, wenn sie zu lange aus dem Job ausgestiegen waren.

Wissenschaftler, die sich schon länger mit den neuen Vätern befassen, treten inzwischen öffentlich auf die Bremse: Es sei eine Illusion zu glauben, dass man mit ein paar familienfreundlichen Gesetzen kurzfristig Einfluss auf das nehmen könnte, was Paare in ihrem Alltag aushandeln, entscheiden und vor allem Tag für Tag durchleben müssen.

Wenn sich tradierte Rollenbilder und eingespielte Routinen verändern sollen, muss man in großen Zeiträumen denken: Das kann Jahrzehnte dauern. Die neuen Väter werden dann vielleicht schon Großväter sein.

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