Politik

Wenn Start-up-Firmen wie Hyänen angreifen

| Lesedauer: 4 Minuten
Thomas Frankenfeld

US-Unternehmen wollen ihre Branchen revolutionieren – mit hoher Aggressivität

„Wenn man den Börsenwert aller Unternehmen im Umkreis von 50 Meilen zusammenrechnet“, sagt Jonathan Nelson, „beträgt er mehr als vier Billionen Dollar.“ Eine schwindelerregende Zahl. Sie bezieht sich auf das legendäre Silicon Valley in Kalifornien, im Süden der San Francisco Bay Area. Apple, Intel, Yahoo, eBay, Oracle, Facebook, Amazon, Dell, Google und viele andere Giganten haben hier ihren Sitz. Mittdreißiger Jonathan Nelson ist CEO, also Geschäftsführer des Unternehmens Hackers/Founders. Der wuchtige Wikingertyp mit schwedischen Vorfahren bringt Gründer von Start-up-Firmen mit reichen Investoren zusammen. Wenn die Geschäftsidee funktioniert, kommt vielleicht ein neues Hewlett-Packard, Facebook oder Adobe dabei heraus.

Das Silicon Valley, das in punkto Umsatz alle anderen Technologie-Cluster auf der Welt – wie Rhein-Main-Neckar in Deutschland, der größte Software-Cluster in Europa, oder auch Bangalore in Indien – weit hinter sich lässt, ist im Kern bereits 1939 entstanden, als Frederick Terman, Dekan der Stanford Universität, einen Plan für einen Technologiepark auf dem weitläufigen Gelände der Lehranstalt in Palo Alto vorlegte. Die Stanford-Absolventen Hewlett und Packard gründeten ihre Firma 1939 mit 538 Dollar Kapital in einer Garage.

Viele Unternehmen in der Region werden der sogenannten Disruptiven Technologie oder Disruptiven Innovation zugerechnet. Das Wort soll 1995 von Clayton M. Christensen, Professor an der Harvard Business School, geprägt worden sein. Es ist ein aggressiver Begriff, denn er bedeutet wörtlich „zerreißen, zerrütten“. Er bezieht sich auf Start-up-Unternehmen, wie sie typisch sind für die US-amerikanischen Gründungslegenden im Silicon Valley. Firmen, die aus dem Nichts zu kommen scheinen, die schnell wachsen, herkömmliche Strukturen zerstören und alteingesessene Unternehmen teilweise oder sogar ganz verdrängen. Ein Beispiel ist der Unterkunftsmarktplatz Airbnb, der 2008 im Silicon Valley von drei jungen Männern gegründet wurde, die Zimmer untervermieten mussten, weil sie kaum genug Geld für die Miete hatten. Heute bietet Airbnb Übernachtungsmöglichkeiten in 192 Ländern und 26.000 Städten an. Opfer dieses Angriffs ist die Hotelbranche. Ebenso „disruptiv“ ist die Firma Uber, die die etablierte Taxibranche attackiert.

Ist „Disruptive Innovation“ Fluch oder Segen? Oder beides? Jill Lepore, Historikerin an der Harvard Universität, mag die Moral nicht, die hinter dem Wort steckt, das im Silicon Valley in aller Munde ist. Sie bedauert, dass das Wort „Fortschritt“, das seit der Aufklärung die Verbesserung des Menschen beinhaltet hatte, zunehmend durch den technikaffinen Begriff „Innovation“ ersetzt wird. Denn hierbei geht es nur noch um die Verbesserung eines Produktes, nicht aber um die Frage, ob dies auch gut für den Menschen sei. Zum Begriff „Disruptive Innovation“ schrieb Lepore im Magazin „The New Yorker“ von „Rudeln angreifender Start-ups“, ähnlich „Rudeln fresswütiger Hyänen“. Die Rhetorik der Disruption sei eine „Sprache von Panik, Angst, Asymmetrie und Chaos“. Start-ups seien rücksichtlos, führungs- und regellos. „Sie wirken so klein und machtlos, bis du – viel zu spät – begreifst, dass sie vernichtend gefährlich sind.“ Disruptive Innovation, so das Urteil von Professor Lepore, „ist die Wettbewerbsstrategie im Zeitalter des Terrorismus.“

Doch das Beispiel macht Schule: In Hannover wurde von Top-Leuten der Wirtschaft ein deutscher „Start-up-Inkubator“ gegründet. Der Name ist Programm: „Rulebreaker“ – Regelbrecher. Sie wollen „mit Leidenschaft“ die Regeln ihrer Branchen brechen – und damit Millionen verdienen. Der britische Physiker Stephen Hawking warnte vor den Folgen solcher Sprünge der Tech-Branche. Sie würden die meisten Menschen „bitterarm“ zurücklassen, die Unterschiede zwischen Arm und Reich auf der Welt immer weiter vergrößern. Denn die Eigentümer der Technologie weigerten sich erfolgreich, ihren maschinengeschaffenen Wohlstand auch zu teilen.

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