Politik und Gesellschaft sind alarmiert – Breites Bündnis gegen rechte Gewalt

Köln wählt und feiert Henriette Reker

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Tobias Blasius

KölN. Die bei einer Messerattacke schwer verletzte parteilose Politikerin Henriette Reker hat die Kölner Oberbürgermeisterwahlen für sich entscheiden können. Reker komme auf knapp 52,7 Prozent der Stimmen, so das vorläufige amtliche Endergebnis. Damit hat sie bereits im ersten Wahlgang die nötige absolute Mehrheit erreicht und wird nun die erste Frau an der Spitze einer deutschen Millionenstadt.

Die Wahlsiegerin erlebt den größten Triumph ihrer Karriere im künstlichen Koma in der Universitätsklinik. Das bunte Parteienbündnis aus CDU, Grünen und FDP, das sie unterstützt hat, wirkt in der Freude über den historischen Tag arg verunsichert. Einige singen „So ein Tag, so wunderschön wie heute“, andere beschwören ernst den Tag des parteiübergreifenden Neunanfangs gegen den berühmten kölschen Klüngel. Reker wird unter anderem von CDU, FDP, Grünen und Freien Wählern unterstützt. Ihr stärkster Konkurrent, Jochen Ott (SPD), lag bei gut 32 Prozent. Er gratulierte Reker und übermittelte ihr „beste Genesungswünsche“. Die Wahlbeteiligung lag bei 40,3 Prozent.

Der Anschlag am Tag zuvor war jedoch eines der beherrschenden Themen in den Wahllokalen. „Wir zeigen Flagge, und das haben sehr viele Menschen heute getan“, sagte Kölns scheidender Oberbürgermeister Jürgen Ro­ters (SPD) am Wahlabend im Rathaus.

Lange war an diesem Sonntag unklar, ob die schwer verletzte Reker selbst an der Wahl würde teilnehmen können. Die Notoperation war geglückt, Reker nicht mehr in Lebensgefahr, aber unter starken Schmerzmitteln.

Reker gilt als allseitskompatible Idealbesetzung

Die Stadtverwaltung hielt sich deswegen nachmittags bereit, einen Wahlvorstand mit dem Stimmzettel zu ihr auf die Intensivstation der Universitätsklinik zu schicken. Doch am Ende hieß es von ihrem Sprecher, sie habe nicht gewählt. Rekers Gesundheitszustand habe sich zwar positiv entwickelt, teilte die Klinik am Abend mit. Sie sei aber in ein künstliches Koma versetzt worden, und die Genesung werde noch eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen.

Kaum mehr als 24 Stunden zuvor war Rekers Wahlkampf in den Überlebenskampf umgeschlagen. Es ist Sonnabendmorgen um kurz nach neun auf dem kleinen Wochenmarkt in Köln-Braunsfeld. Ein gepflegter Grüngürtel in der Nähe des FC-Stadions. Stattliche Einfamilienhäuser. Ein gemütliches „Veedel“, wie Ulrike Graupner von der evangelischen Kirchengemeinde erzählt.

Reker ist im gesteppten grünen Kurzmantel erschienen und bezieht Stellung zwischen den Wahlständen von CDU, FDP und Grünen. Sie ist stolz darauf, nicht zu polarisieren. Zwar steht sie den Grünen nahe, wurde aber im Jahr 2000 vom damaligen Gelsenkirchener CDU-OB Oliver Wittke auch schon in die dortige Stadtverwaltung geholt. Reker ist eine karrierebewusste Juristin und kinderlos mit einem Golflehrer verheiratet. Sie gilt als allseits kompatible Idealbesetzung, um der als übermächtig empfundenen Kölner SPD Paroli zu bieten.

Die freundliche, nicht unbedingt leutselige Reker wird umringt von Wahlhelfern und verteilt Rosen an Marktbesucher. Es nähert sich ein Mann in Kapuzenpulli und Jeansjacke. Er fragt, ob auch er eine Rose bekommen dürfe – und sticht dann ansatzlos mit einem Bowie-Messer zu. Die 30 Zentimeter lange Klinge trifft Reker am Hals, sie sinkt stark blutend zu Boden.

Wahlkampfhelfer versuchen, den Attentäter zu stoppen. Der FDP-Politikerin Annette von Waldow wird dabei zweimal in die Seite gestochen. FDP-Ratsfrau Katja Hoyer, Ehefrau des früheren Staatsministers im Auswärtigen Amt, Werner Hoyer, erleidet Schnittverletzungen im Gesicht. Rekers persönlicher Referent Pascal Siemens und eine weitere Marktbesucherin müssen ebenfalls ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die schwer verletzte Reker hat Glück, dass der erste Rettungswagen schon nach sechseinhalb Minuten bei ihr ist, der Notarzt nach neun.

Ein 29-jähriger Bundespolizist aus Sankt Augustin, der zufällig in seiner Freizeit auf dem Markt ist, kann den Attentäter schließlich überwältigen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) dankte dem Polizeibeamten vor Ort für sein „beherztes Eingreifen und die Überwältigung des Täters“.

Der Täter ist Frank S., ein 44-jähriger Hartz-IV-Empfänger aus Köln-Nippes. Zunächst berichten Augenzeugen, dass er wirres Zeug vom „Messias“ und der Weltrettung gerufen habe. Stunden später wächst der Anschlag zur politischen Tat.

Angela Merkel wünscht gute Genesung über Twitter

Rechter Hass als Tatmotiv? Das liberale Köln reagiert geschockt. „Die Stadt hält den Atem an“, sagt der scheidende Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD). Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) eilt herbei und hakt sich bei einer spontanen Mahnwache symbolträchtig bei CDU-Oppositionsführer Armin Laschet unter. Wer sich in Erinnerung ruft, wie erbittert die Spitzenpolitiker sich sonst im Düsseldorfer Landtag beharken, begreift die starke Geste. „Wir stehen hier zusammen als Demokraten“, sagt Kraft, „um ein Zeichen zu setzen.“

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußert sich bestürzt. Sie wünsche der Kandidatin und den anderen Verletzten des Anschlags Kraft und hoffentlich baldige Genesung, erklärt sie über Twitter. Das Entsetzen über die Tat hat die ganze Republik erschüttert.

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