Politik

Deutschen Autos fährt die Zukunft davon

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Die Hersteller drohen die Entwicklung in der Elektromobilität zu verpassen

Es sei im November 2009 gewesen, erinnert sich Mary Nichols, als die deutsche Kanzlerin auf ihrer USA-Reise Kalifornien besuchte und dort Gespräche mit Regierungsvertretern des amerikanischen Westküstenstaates führte. „Kaum waren die Türen des Konferenzraumes geschlossen worden, da beugte sich Angela Merkel zu mir herüber und sagte: ,Ihre strengen Standards für Stickoxide schaden unseren Dieselautos.’ Das war schon ein enthüllender Moment!“ Mary Nichols ist Chefin des California Air Resources Board, einer Regierungskommission des „Golden State“, zuständig für die Luftreinhaltung. „Ich weiß nicht, ob ich mir einen US-Präsidenten vorstellen kann, der auf eine solche Weise versucht, in Deutschland die Umweltstandards für amerikanische Autos zu senken“, sagte die 70-Jährige, die 2013 vom Magazin „Time“ zu den 100 einfluss­reichsten Persönlichkeiten weltweit gezählt wurde.

Ein derartiger Vorstoß der Kanzlerin wäre in der Tat höchst ungewöhnlich – und gewinnt vor dem Hintergrund des VW-Skandals, der in den USA immer noch Tagesgespräch ist, eine ganz besondere Bedeutung. Von Volkswagen, das bis zum 20. November Zeit bekommen habe, einen Plan zur Behebung des Schadens vorzulegen, sei bislang noch nichts gekommen, sagte Nichols. „Wir warten darauf, dass VW eine Lösung vorlegt.“ Sonst drohten notfalls Stilllegungen der Autos.

Die Umwelt-Chefin sprach in San Francisco vor 20 deutschen und 20 amerikanischen Journalisten führender Medien, die auf Einladung des Center for Transatlantic Relations der renommierten Johns Hopkins Universität in Washington und der deutschen Robert-Bosch-Stiftung exklusive Einblicke in das Wirken des Technologie-Giganten Kalifornien nehmen konnten. Der mit Abstand bevölkerungsreichste der 50 amerikanischen Bundesstaaten – Kalifornien hat 38 Millionen Einwohner – hat als einziger das Recht, eigene, strengere Umweltstandards zu setzen, als sie sonst in den USA gelten. Rund ein Dutzend weiterer US-Staaten übernimmt diese Gesetze dann regelmäßig.

Auf die Frage, warum VW ihrer Meinung nach mit seiner Betrugssoftware ein so hohes Risiko eingegangen sei, antwortete Mary Nichols: „Volkswagen hat die meisten Ressourcen in die Entwicklung von Dieselmotoren gesteckt. Und an irgendeinem Punkt haben sie festgestellt, dass sie die strengen US-Standards nicht erfüllen konnten.“ Im September 2014 hätten die US-Behörden zu ahnen begonnen, dass mit den Emissionswerten etwas nicht stimmt.

Mary Nichols räumt ein, dass es bei aller Technik natürlich nicht feststellbar sei, welche Auswirkungen die Emissionen eines einzelnen Autos auf die Gesundheit eines einzelnen US-Bürgers haben. Und das Hauptproblem für die Luft sei ohnehin der Flugverkehr. Nach ihren Vorstellungen, so sagt Mary Nichols, sollen Verbrennungsmotoren in spätestens 25 Jahren von den amerikanischen Straßen verschwunden sein.

Die Zukunft des Autos kann man sich bei Tesla in Palo Alto im Silicon Valley ansehen. Die Firma gilt laut „Forbes“ als derzeit innovativste der Welt. In einer 500.000 Quadratmeter großen Fertigungshalle, in der Roboter aus Japan und Deutschland arbeiten, werden derzeit 50.000 Elektroautos pro Jahr hergestellt – Tendenz sehr stark steigend. Das knapp 700 PS starke Top-Modell S, das ich dort fahren durfte, ist in unter drei Sekunden auf 100 Kilometer pro Stunde.

Zwar dürfte die angegebene Reichweite pro Batterieladung von mehr als 400 Kilometer etwas geschönt sein. Doch 2017 sollen die Teslas bereits ohne aufzuladen 1000 Kilometer weit fahren können, leise und emissionsfrei. Und ist das Modell S – mit Vollausstattung 130.000 Dollar teuer – für Durchschnittsverdiener unerreichbar, so soll das Modell 3 bald für 35.000 Dollar auf den Markt kommen. Mitten in der Dieselkrise wird der einstige Nischenhersteller zur ernsten Bedrohung für VW, BMW, Mercedes und Co.

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