Türkische Behörden gehen von zwei Selbstmordattentätern aus. Sprengsätze gleichen einer Bombe vom Juni. Zahl der Opfer stark gestiegen

Terrormiliz IS soll hinter Attentat von Ankara stecken

Athen/Berlin. Die Türkei steht nach dem verheerenden Anschlag vom Sonnabend unter Schock. Drei Wochen vor der Parlamentswahl am 1. November droht dem Land eine weitere Eskalation der Gewalt. Die Zahl der Todesopfer ist mittlerweile dramatisch angestiegen. Nach offiziellen Angaben wurden im Zentrum Ankaras 95 Menschen getötet. Die prokurdische Partei HDP sprach hingegen von 128 Toten.

Türkische Medien berichteten, dass sich die Ermittlungen auf die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) konzentrierten. Sie verwiesen dabei auf Sicherheitsbehörden. Den Ermittlungen zufolge wurde der Anschlag von zwei Selbstmordattentätern verübt, die ihre Bomben kurz hintereinander zündeten. Bei einem Täter habe es sich um einen 25- bis 30-jährigen Mann gehandelt, berichtete die Zeitung „Yeni Şafak“. Nach einem Bericht der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu glichen die Sprengsätze jener Bombe, mit der ein Selbstmordattentäter im Juni in der Stadt Suruç nahe der syrischen Grenze 33 Menschen getötet hatte. Der Anschlag wurde dem IS zugeschrieben. Die Zeitung „Habertürk“ schrieb, der Bruder des Attentäters von Suruç könnte jetzt in Ankara eine der beiden Bomben gezündet haben.

Türkische Luftwaffe flog erneut Angriffe auf Stellungen der PKK

Am Sonntag versammelten sich Hunderte Menschen am Tatort vor dem Hauptbahnhof in Ankara. „Viele legten Nelken zum Zeichen der Trauer nieder“, sagte Ugur Ergan, der stellvertretende Lokalchef der Zeitung „Hürriyet“ der Berliner Morgenpost. „Die Stimmung rund um den Ort des Anschlags war ruhig.“ Weniger friedlich ging es hingegen auf dem nahe gelegenen Sihhiye-Platz zu. Tausende Menschen kamen dort zusammen und beschimpften in Sprechchören Präsident Recep Tayyip Erdogan als Mörder. Der prokurdischen HDP zufolge kam es zu Rangeleien mit der Polizei. Dabei habe es Verletzte gegeben. Die Polizei sperrte mit Wasserwerfern eine Hauptstraße zum Regierungsviertel ab.

Die verbotene Arbeiterpartei PKK hatte nach dem Anschlag am Sonnabend ihre Kämpfer aufgerufen, alle Guerillaaktionen in der Türkei auszusetzen. Dies solle dabei helfen, eine faire und gerechte Wahl zu ermöglichen. Vizeministerpräsident Yalçin Akdogan sprach daraufhin von „Wahltaktik“ und forderte die Gruppe auf, ihre Waffen niederzulegen und das Land zu verlassen.

Gestern bombardierte die türkische Luftwaffe abermals Stellungen der PKK im Süden des Landes und im Irak. Aus Sicherheitskreisen verlautete, allein am Sonntag seien bis zu 35 Kämpfer getötet worden. „Der Waffenstillstand der PKK ist für uns ohne Bedeutung“, sagte ein Regierungsinsider der Nachrichtenagentur Reuters. „Die Einsätze gehen ohne Pause weiter.“ Schon am Samstag flogen die Streitkräfte nach eigenen Angaben Luftschläge in der südosttürkischen Provinz Diyarbakir. Dabei seien 14 PKK-Kämpfer getötet worden.

Nach dem Anschlag hatten sich zunächst Regierung und die prokurdische HDP gegenseitig Schuldzuweisungen geliefert. Die Regierung nannte den IS, die HDP und die linke DHKP-C als Verdächtige.

Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hatte erklärt, das Attentat richte sich „nicht gegen eine einzelne Gruppe, sondern gegen das ganze Volk, gegen die Demokratie und die demokratischen Freiheitsrechte“. Der Regierungschef betonte, es sei bekannt, welche Terrororganisationen zu solchen Anschlägen fähig seien. Er nannte auch die PKK als möglichen Urheber. Die HDP, die von der Regierung als politischer Arm der PKK dargestellt wird, hatte bei der Wahl im Juni erstmals den Sprung ins Parlament geschafft. Das kostete die islamisch-konservative Regierungspartei AKP ihre absolute Mehrheit. Nachdem Koalitionsverhandlungen scheiterten, wurden die Neuwahlen am 1. November nötig.

Die Unterstellung, die HDP habe das Attentat selbst inszeniert, löste bei der Partei und ihren Anhängern Empörung aus. Der Parteivorsitzende Selahattin Demirtaş machte die Regierung für den Anschlag mitverantwortlich. Es sei schwer vorstellbar, dass ein Staat, der über einen so mächtigen Geheimdienst verfüge, von den Anschlagsplänen nichts gewusst habe. Normalerweise sei die Polizei bei Demonstrationen immer mit einem Großaufgebot vertreten.

Das Attentat vom Sonnabend war der folgenschwerste Terroranschlag in der jüngeren Geschichte des Landes. Die Demonstranten hatten sich am Sonnabend vor dem Hauptbahnhof versammelt, um unter dem Motto „Frieden, Arbeit, Demokratie“ für ein Ende der Gewalt zwischen dem türkischen Militär und der PKK einzutreten. Fernsehbilder zeigten, wie Teilnehmer kurdische Volkstänze aufführten, als hinter ihnen die Detonation der ersten Bombe eine gewaltige Feuersäule in die Luft schießen ließ. Drei Sekunden später detonierte etwa 20 Meter entfernt der zweite Sprengsatz. Dann sei Panik auf dem Platz ausgebrochen, berichten Augenzeugen. Viele Menschen versuchten zu fliehen, andere waren starr vor Schock. Der bekannte Kolumnist Mustafa Sönmez twitterte: „Es ist schlimmer als ein Albtraum.“

Papst Franziskus sprach gestern den Opfern des Anschlags und ihren Angehörigen sein Mitgefühl aus. „Schmerz wegen der vielen Toten. Schmerz wegen der Verletzten. Schmerz, weil die Attentäter wehrlose Menschen getroffen haben, die für den Frieden demonstriert haben.“ Der Argentinier sagte vor Zehntausenden Pilgern nach dem Angelus-Gebet auf dem Petersplatz, er bete für die Türkei und die Opfer des Anschlags.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte: „Diese verabscheuungswürdige Tat ist ein Anschlag auf die Menschlichkeit, die Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Es sei nun wichtig, „mit Entschlossenheit dem Extremismus und der Verblendung entgegenzutreten“. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte: „Dieser brutale Terroranschlag auf friedliche Demonstranten ist zugleich auch ein Angriff auf den demokratischen Prozess in der Türkei.“