Tel Aviv

Abbas’ letztes Mittel

Nach den Ausschreitungen in Jerusalem schürt der Palästinenserpräsident den Zorn der Straße

Kaum ein Tag in Israel vergeht derzeit ohne Ausschreitungen oder Anschläge mit Toten. Ob die jüngste Gewaltwelle den Beginn eines neuen Palästinenseraufstands markiert, ist zwar noch offen. „Yedioth Ahronoth“, die größte Zeitung des Landes, titelte aber schon: „Dritte Intifada“.

In der Nacht zum Montag wurde ein 18-jähriger Palästinenser bei Ausschreitungen im Westjordanland durch einen Schuss in die Brust getötet. Vorher hatten dort Hunderte gegen Israel demonstriert und Sicherheitskräfte mit Steinen und Brandbomben attackiert. Am Montag soll ein zwölfjähriger Palästinenser bei Bethlehem durch eine israelische Kugel gestorben sein.

Israels Armee und Polizei operieren mit Tränengas, Gummigeschossen und vereinzelt mit scharfer Munition. Hunderte Palästinenser wurden so seit vergangener Woche bei Krawallen in den besetzen Gebieten und Ostjerusalem verletzt, berichten Ärzte. Nach der Ermordung eines Siedlerehepaars durch fünf Palästinenser vor den Augen ihrer Kinder könnte es Vergeltungsangriffe jüdischer Extremisten geben.

Gewalt erzeugt Gegengewalt. Diesen Automatismus will die israelische Regierung mit härteren Strafen unterbinden. Premierminister Benjamin Netanjahu kündigte nach seiner Rückkehr von der UN-Generalversammlung in New York einen „Krieg gegen den palästinensischen Terror“ an. Er sagte: „Dazu zählen: Häuser der Familien von Attentätern schneller zu zerstören. Administrativhaft für Randalierer, eine verstärkte Präsenz von Sicherheitskräften in Jerusalem und im Westjordanland, und Aufrührer bekommen keinen Zugang zu Altstadt und Tempelberg.“

Ob Abschreckung und Einschüchterung bei der Haupttätergruppe wirken, ist fraglich.

Die Täter sind häufig noch im Teenageralter

Der Palästinenser, der am Samstagabend in Jerusalem zwei orthodoxe Männer erstach und eine Mutter schwer verletzte, war 19. Der Mann, der einen 15 Jahre alten orthodoxen Juden wenig später mit einem Messer attackierte, war ebenfalls noch ein Teenager. Auch die Steinewerfer auf den Straßen der West Bank sind häufig im Jugendalter. Junge Männer sind besonders empfänglich für die religiöse Propaganda, mit der sie im Internet zu Angriffen gegen israelische Bürger und Siedler aufgerufen werden.

„Wir haben seit etwa zehn Jahren einen Stillstand im sogenannten Friedensprozess“, sagt der israelische Terrorismusexperte Amichai Magen von der Universität IDC Herzliya dieser Zeitung, „ein Jahrzehnt, in dem das Potenzial für einen großen Gewaltausbruch jedes Jahr gestiegen ist.“ Viele der jungen Täter haben die katastrophalen Folgen der Zweiten Intifada (2000 bis 2005) nicht bewusst erlebt, sie kennen dafür allerdings die Ohnmacht angesichts von jüdischem Siedlungsbau, Siedlerterror, Gaza-Kriegen, hoher Arbeitslosigkeit und Korruption.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas (Fatah) gerät zunehmend unter Druck radikalerer Gruppen, die Sicherheitskooperation mit Israel zu beenden. Auch fürchtet der 80-jährige Abbas, ohne ein vorzeigbares Erbe abtreten zu müssen. Und angesichts der Lage in Syrien und im Irak ist das internationale Interesse an den Palästinensern gesunken. Daher kommt Abbas der andauernde Konflikt um den Jerusalemer Tempelberg gelegen. Vor den UN geißelte er den angeblichen Angriff Israels auf das bei Muslimen al-Haram al-Scharif („edles Heiligtum“) genannte Gelände, die drittheiligste Stätte des Islam.

Radikale Juden verlangen, den Hügel nicht nur besuchen, sondern hier auch beten zu dürfen. Ihnen stellten sich gewaltbereite Demonstranten entgegen, die sich in der Al-Aksa-Moschee mit Steinen und Brandbomben verschanzten. Dass deswegen die israelische Polizei das Gelände erstürmte, ist für die Muslime ein Sakrileg.

Israel will nun verhindern, dass der politische Konflikt in einen religiösen umschlägt. Netanjahu hat deshalb betont, den Status quo unter allen Umständen bewahren zu wollen.

„Abbas versucht, den Tiger zu reiten“, sagt Amichai Magen über dessen neue Taktik. Nachdem seine Versuche, auf dem Verhandlungswege einen palästinensischen Staat zu schaffen oder zumindest die Isolation Israels voranzutreiben, gescheitert sind, setzt er nun kaum mehr verhohlen auf: Terror.