Luftschläge

Moskau bombardiert überraschend Syrien

Russland hat mit Luftangriffen in Syrien begonnen. Die Kampfjets bombardierten Munitionsdepots des Islamischen Staats.

Russische Kampfflugzeuge vom Typ Suchoi 27 (SU-27)

Russische Kampfflugzeuge vom Typ Suchoi 27 (SU-27)

Foto: Yuri Kochetkov / dpa

Mit Luftschlägen auf Ziele in Syrien hat Russland erstmals militärisch in den blutigen Konflikt in Syrien eingegriffen. Kampfjets hätten unter anderem Munitionsdepots und Treibstofflager der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) bombardiert, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Insgesamt habe Russland 20 Luftangriffe geflogen, betonte Generalmajor Igor Konaschenkow. „Alle Attacken wurden nach den Daten der syrischen Armee durchgeführt“, sagte er. Ziele in der Nähe von „zivilen Objekten“ seien nicht angegriffen worden. Das Verteidigungsministerium habe Videobilder des Einsatzes veröffentlicht.

Syrische Aktivisten und Mitglieder der Opposition gegen Präsident Baschar al-Assad bestritten diese Angaben. Demnach hätten sich die Luftangriffe nahe der Stadt Homs nicht gegen den IS gerichtet, wie von Moskau behauptet. Vielmehr seien Stellungen von gemäßigten Rebellen betroffen gewesen, die gegen Assads Truppen kämpfen.

Präsident Wladimir Putin nannte Russlands Intervention den „einzigen Weg im Kampf gegen den internationalen Terrorismus“. Russland werde die syrische Armee so lange unterstützen, bis diese ihren Kampf beendet habe. Die Luftangriffe seien ein „Präventivschlag“. Terroristen müssten in den besetzten Gebieten „vernichtet“ werden. Putin versicherte: „Unsere Unterstützung kommt nur aus der Luft, ohne Beteiligung von Bodentruppen.“ Am Mittwochvormittag hatte Putin sich von der zweiten Kammer des Parlaments die Genehmigung für die Angriffe geben lassen.

Mehr als 30 Menschen sollen getötet worden sein

Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte kamen bei den Luftangriffen mehr als 30 Menschen ums Leben, darunter auch Frauen und Kinder. Die bombardierte Region werde von gemäßigten Rebellengruppen kontrolliert, sagte Samir Naschar, führendes Mitglied des Oppositionsbündnisses Nationale Syrische Koalition. Dessen Chef Khaled Khudscha erklärte, in dem Gebiet gebe es weder Kämpfer des IS noch des Terrornetzwerkes al-Qaida.

Die Nato kritisierte die russischen Luftangriffe. Die Unterstützung Moskaus für Assad sei „nicht konstruktiv“, sagte ein hochrangiger Mitarbeiter der Militärallianz. „Assad ist Teil des Problems.“ Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) verlangte von Russland Aufklärung über die genauen Ziele der Luftangriffe. „Bisher haben wir keine wirklich belastbaren Hinweise über Ziele und Methoden dieser Luftschläge“, sagte Steinmeier vor der UN-Vollversammlung. Es sei unklar, ob die russischen Luftangriffe gegen Stellungen des IS oder gegen gemäßigte Rebellen gerichtet seien.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow rief die Weltgemeinschaft zum gemeinsamen Kampf auf. Syriens Machthaber Assad habe Russland um Militärhilfe gebeten, sagte der Chef der Präsidialverwaltung, Sergej Iwanow. Die syrische Regierung begrüßte das militärische Eingreifen Russlands.

Der Einsatz in Syrien ist in Russland umstritten

Der Westen fürchtet, dass Assad eine Intervention des Partners Russland zum Kampf gegen die Opposition und die Zivilbevölkerung nutzen könnte. Der russische Militärexperte Konstantin Siwkow sagte, er rechne mit der Entsendung von 40 bis 60 Kampfjets. Die Bomber könnten von der Schwarzmeer-Halbinsel Krim über den Irak nach Syrien fliegen.

Russlands militärisches Engagement in Syrien ist in der Bevölkerung nicht unumstritten – unter anderem aus Furcht, das Land könne Anschlagziel von Islamisten werden. Tief eingebrannt hat sich zudem die Erinnerung an den Albtraum des Krieges in Afghanistan von 1979 bis 1989. Damals starben Tausende sowjetische Soldaten in den afghanischen Bergen. In einer Umfrage sprechen sich nur sechs Prozent der Russen für eine Intervention in Syrien aus. Dennoch spekulieren Militärexperten in Moskau seit Wochen, in welchem Maßstab das russische Militär in Syrien intervenieren werde. Es gab Meldungen über die Entsendung von knapp 30 russischen Kampffliegern sowie von Schützenpanzern und Marineinfanteristen nach Syrien. Der Kreml dementierte dies.

Es ist nicht auszuschließen, dass – wie in der Ukraine – auch in Syrien russische Freiwillige und Einheiten mit oder ohne Erkennungszeichen gemeinsam mit Assads Regierungstruppen kämpfen. Die Zeitung „Kommersant“ berichtete von mindestens zwölf russischen Freischärlern mit Kriegserfahrung, die im Irak auf ihren Weitertransport nach Syrien warten. Das Nachrichtenportal gaseta.ru interviewte in Nowosibirsk russische Berufssoldaten mit Marschbefehl nach Syrien. „Wer garantiert, dass Russland nicht in einen ausgewachsenen Krieg hineingerät?“, schrieb Dmitri Gudkow, der letzte oppositionelle Duma-Abgeordnete. Nach Putins Aussagen zur Ukraine sei seine Versicherung, er werde in Syrien nur die Luftwaffe einsetzen, mit Vorsicht zu genießen, sagte der Politologe Stanislaw Belkowski. mit Agenturen