Flüchtlinge

Eine Woche mit den Flüchtlingen verändert die Sicht

Eine Woche hat Morgenpost-Reporter Alexander Kohnen an den EU-Grenzen verbracht. Er machte Erfahrungen, die seine Sicht veränderten.

Morgenpost-Report Alexander Kohnen (r.) in der Tiefgarage unter dem Hauptbahnhof Salzburg imn Gespräch mit einem Flüchtling

Morgenpost-Report Alexander Kohnen (r.) in der Tiefgarage unter dem Hauptbahnhof Salzburg imn Gespräch mit einem Flüchtling

Foto: Alexander Kohnen / BM

Ich habe die vergangene Woche an der Grenze verbracht. Habe mit Flüchtlingen und Polizisten, mit Helfern und Anwohnern geredet – über die Grenzkontrollen, den Nahen Osten und die Zukunft Deutschlands. Einige Erfahrungen, die ich gemacht habe – und die meine Sicht auf die Flüchtlingskrise verändert haben:

Bilder in Zeitungen sind etwas anderes. Bilder riechen nicht. Menschen schon. Nach Schweiß, ungewaschenen Kleidern, manchmal nach Zigaretten. Wie hart das Leben von Flüchtlingen wirklich ist, verstand ich erst in der alten Möbellagerhalle in Freilassing. Kurzfristig wurden dort 700 Menschen untergebracht, Duschen gab es nicht. In der Tiefgarage unter dem Salzburger Hauptbahnhof übernachteten mehr als 1000 Menschen auf Feldbetten.

Die Menschen, die kommen, können unser Land bereichern. An einem Abend bin ich mit Hussein Hassan, 25, aus Aleppo in Syrien, wie er sagte, im Zug von Salzburg über die Grenze gefahren. Der Zug stand wegen der Kontrolle mehrere Stunden im Niemandsland. Irgendwann ging Hussein zum Bordbis­tro, kam mit zwei Bechern Kaffee wieder und stellte einen vor mich. Er sagte, ich sei ein Freund und sein Gast.

Gastfreundschaft, die berührt

Ich wollte den Kaffee nicht annehmen. Ich lebe in Deutschland, er kommt direkt aus dem Bürgerkrieg. Doch er bestand darauf. Auch wenn ich mir bewusst war, dass er in mir einen sah, der ihm vielleicht noch behilflich sein könnte, hat mich seine Geste gerührt. Von seiner Gastfreundschaft kann unsere Gesellschaft profitieren.

Auf der anderen Seite mache ich mir auch Sorgen um Deutschland. Natürlich habe ich noch den Satz der Kanzlerin im Ohr. „Wir schaffen das“, hat Angela Merkel gesagt. Doch werden wir das? Ich habe mit Flüchtlingen geredet, Mitte 20, die in Syrien ihr Studium abbrechen mussten. Die Englisch sprechen und sagen: Ich will kein Geld von euch – ich will Geld verdienen.

Doch viele Flüchtlinge können kein Wort Deutsch oder Englisch. Manche Männer sind älter als 50. Wer soll sie einstellen? Werden sie sich jemals selbst in Deutschland ernähren können? Dieses Jahr werden laut Prognosen eine Million Menschen aus Asien und Afrika zu uns kommen. Und nächstes Jahr? Viele der Flüchtlinge sind Männer, sie haben Frauen, Kinder, Eltern, die noch in ihrer Heimat oder in dem Transitland Türkei leben. Sie wollen ihre Familien nachholen. So könnten aus einer Million Migranten schnell zwei werden.

Etwas über die Heimat gelernt

Doch ich habe in der Woche an der Grenze nicht nur etwas über Flüchtlinge gelernt, sondern auch über meine Heimat. In der bayrischen Kleinstadt Freilassing an der Grenze zu Salzburg standen an einem Abend mehr als 600 Flüchtlinge auf Gleis eins. Sie warteten auf einen Sonderzug, der sie in ein Erstaufnahmelager in einer anderen Stadt bringen sollte.

Die meisten Flüchtlinge sprachen nur Arabisch, was zu Verständigungsproblemen führte. Die Stimmung war unruhig. Ein Polizist fluchte laut. Und doch haben die Polizisten die Kontrolle über alles behalten. Niemand wurde verletzt. Dank solcher Beamten wie Broder Feddersen, erster Polizeihauptkommissar der Bundespolizei in Ratzeburg bei Lübeck, die im Chaos den Überblick bewahren.

An einem Morgen, der Bahnhof war wieder voller Flüchtlinge, fragte ich ihn etwas. Feddersen sah mich ruhig an und sagte: „Ich bin jetzt 30 Stunden am Stück im Einsatz. Es geht mir gut. Aber ich bin nicht in der Lage, ihnen Auskunft zu geben.“ Er notierte mir Namen und Handynummer des Pressesprechers und verabschiedete sich mit einem Händedruck.

Viele Deutsche helfen

Zuletzt: Die Deutschen sind nicht ängstlich in dieser Krise. Es gibt viele, die helfen, den Flüchtlingen Wasser und Brötchen reichen. Doch auch die, die nichts tun, tun etwas: Sie bewahren Ruhe. Natürlich gibt es Menschen, die sich aufregen. Doch die gehören meist zu den ewig Unzufriedenen – zu denen, die sogar an dem Morgen, nachdem Deutschland Fußballweltmeister geworden ist, über irgendetwas schimpfen. Es sind die Menschen in der Mitte unserer Gesellschaft, die Deutschland zu einem pragmatischen, starken Land machen.