Berlin

Patienten werden jetzt privat beraten

Berlin.  Damit mehr Patienten in Deutschland zu ihren Rechten kommen, setzen Kassen und Bundesregierung künftig auf einen privaten Gesundheitsdienstleister. Die Callcenter-Firma Sanvartis übernimmt ab 2016 die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD). Für ihr Geld sollten die Versicherten möglichst viel an Qualität und regionalen Angeboten bekommen, begründet der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), den Zuschlag an das Duisburger Unternehmen. Er hofft, dass das neue Format den Bekanntheitsgrad der UPD steigert. „Was nutzt das beste Angebot, wenn nur wenige davon wissen.“

Die UPD-Experten sind meist Ärzte oder Juristen. Sie beraten die Bürger zu rechtlichen, aber auch medizinischen Belangen. Ein Beispiel: Die neue Insulinpumpe wird nicht bezahlt. Warum die Kasse das Gerät ablehnt, versteht der Patient nicht. Die Beratungsstelle gibt Hinweise dazu, welche Rechte der Versicherte hat und was er tun kann. Hilfe gibt es auch für Opfer von Behandlungsfehlern oder zu weiteren Therapien – alles in verständlicher Sprache.

Mehr als 220.000 Kontakte zwischen Patient und Experten soll das Unternehmen pro Jahr schaffen, rund dreimal so viel wie heute. Beraten wird telefonisch bis in den Abend und am Samstag, per Chat, App und bei Bedarf auch zu Hause. Ein Beratungsmobil soll künftig Patienten in ländlichen Regionen informieren. Bisher wurde die UPD von einem gemeinnützigen Bündnis aus Sozial- und Verbraucherverbänden getragen. 21 Stellen gibt es bundesweit, die kostenlos beraten. Da die Nachfrage zuletzt enorm gestiegen ist, beschloss die Bundesregierung die finanziellen Mittel von fünf Millionen Euro auf neun Millionen Euro pro Jahr zu erhöhen. Sanvartis bekommt damit für die siebenjährige Förderphase 63 Millionen Euro.

Das Geld für die UPD kommt von den Krankenversicherten. Den größten Teil übernimmt der GKV-Spitzenverband. Die Beratung auf Türkisch und Russisch wird den Angaben nach durch den Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) finanziert. Die Patientenberatung müsse neutral und sachkundig sein, sagt Gernot Kiefer, Vorstand des GKV-Spitzenverbands. Sanvartis sei das überzeugendste Angebot, das man bekommen habe. „Das gilt auch für die Unabhängigkeit.“

Das sehen Wissenschaftler und Opposition anders. Mit dem Zuschlag an ein Privatunternehmen sehen sie die Unabhängigkeit der Beratungsstelle in Gefahr. Sanvartis bekommt auch Aufträge von Krankenkassen und Pharmakonzernen. Widerstand kommt etwa aus den Reihen der Beiratsmitglieder der UPD. Manche seien „entsetzt“ über die Entscheidung, heißt es dort. Zwei Beiratsmitglieder, darunter Rolf Rosenbrock vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, haben ihren Posten im Beirat aufgegeben – aus Protest gegen die Entscheidung.

Auch die Sprecherin für Arzneimittelpolitik und Patientenrechte der Linksfraktion im Bundestag, Kathrin Vogler, sieht die Beratung bei Sanvartis nicht in guten Händen. Sie wirft Kassen und Laumann vor, das Geld der Versicherten „an eine Firma zu geben, die lediglich neue innovative Anlageformen für das Geld ihrer Investoren sucht“. Vogler fragt sich, woher das Unternehmen die zusätzlichen Experten für die Beratung bekommen will. „Am Ende werden es vielleicht doch genau die selben Callcenter Service Agents sein, die am Telefon im Auftrag von Krankenkassen Patienten das Krankengeld verweigern“, sagt die Linke-Politikerin. Kritik kommt auch von Maria Klein-Schmeink von den Grünen.

Staatssekretär Laumann hält die Entscheidung dennoch für richtig. Privatunternehmen und Unabhängigkeit schlössen sich nicht aus. Ein Kontrolleur solle Neutralität und Unabhängigkeit überwachen. Er soll die „Geschäftsprozesse kontrollieren“.