Frank-Jürgen Weise

Der Supermann der Kanzlerin für die Flüchtlingskrise

Frank-Jürgen Weise soll Millionen Arbeitslose und Flüchtlinge gleichzeitig betreuen – Kann er das?

Frank-Jürgen Weise ist Vorsitzender des Vorstands der Bundesagentur für Arbeit und soll nun die Flüchtlingskrise bewältigen

Frank-Jürgen Weise ist Vorsitzender des Vorstands der Bundesagentur für Arbeit und soll nun die Flüchtlingskrise bewältigen

Foto: Maurizio Gambarini / picture alliance / dpa

Berlin.  In seiner Freizeit steigt Frank-Jürgen Weise gern auf sein Motorrad und fährt einfach los. „Ich lasse mich vom Wetter treiben. Ohne festen Plan, ohne feste Verabredung – wunderbar“, erzählte der Chef der Bundesagentur für Arbeit einmal. Im Gepäck habe er nur ein Einmannzelt, das er dort aufbaut, wo es am schönsten ist.

Viel Zeit, den dunklen Anzug gegen die Lederjacke zu tauschen, hat Weise schon jetzt nicht. Der Terminkalender von Deutschlands oberstem Arbeitsvermittler ist auf Monate ausgebucht. Nun kommt eine Aufgabe auf Weise zu, derentwegen die chromblitzende Harley Davidson wohl in der Garage verstauben wird: Weise soll die Flüchtlingskrise bewältigen.

Mehr als 250.000 unbearbeiteter Asylanträge

Er wird nicht nur seine eigene Behörde für mindestens zwei Jahre leiten, sondern eine andere gleich mit: das Bundesamt für Flüchtlinge und Migration (BAMF), ebenfalls in Nürnberg angesiedelt. Dessen Präsident Manfred Schmidt hatte vergangene Woche aufgegeben. Das Problem des BAMF: mehr als eine Viertelmillion unbearbeiteter Asylanträge. Bearbeitungszeit: fast ein halbes Jahr. Eine gigantische Aufgabe. Weise, 63 Jahre alt, ist jetzt nicht nur für fast drei Millionen Arbeitslose verantwortlich, sondern auch für knapp eine Million Flüchtlinge. Er ist für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) der Supermann in der Flüchtlingskrise.

Weise hat das so ähnlich schon einmal erlebt. 2002 war das, vor 13 Jahren. Damals hieß der Bundeskanzler noch Gerhard Schröder und brauchte Supermänner, die ihm den politischen Brand bei der Bundesagentur für Arbeit löschten. Die hieß damals noch „Bundesanstalt“ und hatte ihre Vermittlungsstatistiken gefälscht. Weise kam zunächst als Vizechef in die Behörde, wurde dann schnell Chef. Seither hat der Betriebswirt die Arbeitsverwaltung, die mit rund 100.000 Mitarbeitern Deutschlands größte Behörde ist, auf Effizienz getrimmt. Aus Milliardendefiziten wurden Überschüsse. Weise sorgte auch dafür, dass das komplizierte Hartz-IV-Regelwerk umgesetzt wird.

Effekthascherei liegt ihm nicht

Wer Weises Büro in der Zentrale der Bundesagentur in Nürnberg betritt, einem finsteren Behördenkoloss aus den 70er-Jahren, findet sich in einem großen, aber denkbar nüchtern eingerichteten Büro wieder. Helle Tische, dunkle Stühle, die unvermeidliche Grünpflanze. Weise wägt seine Worte, er formuliert langsam, fast behutsam, aber präzise. Effekthascherei liegt ihm nicht. Es wurmt ihn, wenn er keine Antwort auf eine Frage weiß.

Als Chef einer Behörde, in deren Verwaltungsrat Arbeitgeber und Gewerkschaften stets um den richtigen Kurs ringen, hat er gelernt, in der Mitte zu balancieren und sich an der Sache zu orientieren. „Die Politik setzt den Rahmen“, sagt er. Seine Aufgabe sei es, zu dienen und zu managen. Nicht zuletzt diese Einstellung hat dazu geführt, dass das CDU-Mitglied Weise über alle Parteigrenzen hinweg fachlich anerkannt ist.

Anders als der zurückgetretene Chef des Flüchtlingsamts ist Weise weder Jurist noch hat er eine Behördenkarriere hinter sich. Weise studierte als Bundeswehrsoldat Betriebswirtschaft und begann seine Managerkarriere als Controller beim Autozulieferer VDO. Er arbeitete in Führungspositionen, bis er mit einem Partner die Firma Microlog Logistics gründete, einen Logistikdienstleister. Der Börsengang dieser Firma, die es so nicht mehr gibt, und der Verkauf seiner Anteile machten Weise im Jahr 2001, auf dem Höhepunkt des Börsenbooms, finanziell unabhängig. Auf die rund 250.000 Euro, die er als Arbeitsagentur-Chef verdient, könnte er verzichten.

Weise, verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder, hat sich politisch in die Pflicht nehmen lassen. So leitete der Oberst der Reserve vor fünf Jahren eine Kommission zur Reform der Bundeswehr. Er war deshalb im vergangenen Jahr als Staatssekretär im Gespräch, nachdem Ursula von der Leyen (CDU) an die Spitze des Verteidigungsministeriums gerückt war. Auch dort wurde jemand von außen gesucht, der den Behördendschungel lichtet. Den Job übernahm eine Unternehmensberaterin. Weise war er dann vielleicht doch etwas zu riskant.

Die Harley muss warten

Die Arbeitsagentur hat er mit Personalabbau, aber vor allem mit einem strengen Zahlenregiment auf Trab gebracht: feste Vermittlungsziele, ein Prämiensystem für Führungskräfte und immer wieder die Kontrolle der erreichten Ergebnisse. Kritikern fehlt dabei die sozialpolitische Wärme.

Im Prinzip wartet auf Weise beim Flüchtlingsamt keine wesentlich andere Aufgabe. Peter Clever, Vizechef des BA-Verwaltungsrats, lobt ihn als „Manager mit politischem Gespür und besonderer Stärke in der Logistik“. In seinem neuen Job müsse Weise nun „großflächige Improvisation auf allen Ebenen in administrativ geordnete Bahnen lenken“. Das werde nur gelingen, wenn er die Unterstützung von Bund, Ländern und Kommunen habe.

Schon in den nächsten Tagen muss Weise Vorschläge für die schnellere Bearbeitung der Asylanträge vorlegen. Dieses Wochenende wird er im Büro verbringen. Die Harley muss warten.