Politik

Zwangsgemeinschaft mit Putin

Im Kampf gegen den IS sind USA und Russland aufeinander angewiesen

Der Befund mag in Washington und anderen Hauptstädten vielen den Magen umdrehen: Aber in Syrien kommt das westliche Bündnis ab sofort nicht mehr an Russland vorbei. Wie schon bei der taktischen Abwehr eines amerikanischen Eingreifens gegen Assads Giftgasbestände hat Wladimir Putin durch kühle Kalkulation das Momentum für sich gedreht und mit den ersten militärischen Fingerübungen an Syriens Küsten Fakten geschaffen.

Moskau, nach der Ukraine-Intervention noch in die Paria-Ecke gestellt, wird voraussichtlich schon bei der UN-Vollversammlung in wenigen Tagen als Problemlöser an den weltpolitischen Verhandlungstisch zurückkehren.

Bei allen Vorbehalten gegen den krampfhaft um Geltung bettelnden Putin sind zwei Aspekte festzuhalten: Aufgrund der katastrophalen humanitären Lage in Syrien und angrenzenden Ländern hat der von Präsident Obama geführte Westen gar keine andere Chance, als Putins Plan eines gemeinsamen Vorgehens gründlich zu prüfen. Und: Die Europäische Union, die unter den Kollateralschäden des Versagens der Groß- und Regionalmächte in Syrien zu zerreißen droht, muss nun alles tun, um die Gespräche in ein konstruktives Fahrwasser zu lenken. Damit die Flüchtlingszahlen nicht weiter steigen. Allein das wird eine Aufgabe, für die ein einzelner Herkules nicht mehr reicht.

Russland wie Amerika gehen gleichermaßen als moralisch Fußkranke ins Verhandlungsgefecht. Moskau sorgt sich aus geostrategischem Egoismus um den porös werdenden Stützpfeiler Assad. Washington hat es nach langem Warten nicht geschafft, eine schlagkräftige inner-syrische Militäropposition gegen den Diktator aufzubauen. Dazu kommt: Die Chemie stimmt nicht. Obama hält Putin für einen Gangster. Der Russe sieht in seinem Gegenüber eine entscheidungsschwache Labertasche.

Nüchtern betrachtet spricht nicht viel dafür, dass die russisch-amerikanische Schnittmenge auch nach einem Spitzengespräch groß genug sein wird, um die Metastasen des Terrornetzwerks „Islamischer Staat“ (IS) einzudämmen und gleichzeitig den geordneten Abgang Assads einzuläuten. Und zwar mit dem Ziel: das unfassbare Leiden der Zivilbevölkerung in Syrien endlich zu beenden.

Putins Motive sind, anders als oft behauptet, überschaubar. Er will ein Überschwappen der dschihadistischen Bedrohung durch den IS auf dafür notorisch anfällige Regionen im Kaukasus und in Zentralasien abwehren. Er will zum anderen Syrien als einzige Einflussschneise in den Mittleren Osten nicht verlieren. Er will drittens im Verein mit Teheran den Amerikanern zuvorkommen. Dort wird im ruppigen Präsidentschaftswahlkampf 2016 erwogen, militärisch energischer in Syrien aufzutreten und womöglich doch noch eine Flugverbotszone einzurichten. Was Assad nachhaltig knebeln würde. Putin will zu guter Letzt der Welt beweisen, dass ohne russisches Engagement Großkonflikte nicht gelöst werden können.

Bei der Aufzählung wird das zentrale Problem sichtbar: die Beendigung des Bürgerkriegs, dem bis heute 300.000 Menschen zum Opfer gefallen sind, hat für Moskau keine Priorität. Wäre es anders, würde Russland aufhören, den IS als das größere Übel zu beschreiben und den Giftgasmörder Assad zynisch als Stabilitätsanker zu stilisieren. Erst Assads Massenmord am eigenen Volk hat den Aufstieg des IS beflügelt. Beide Monstrositäten gehören zusammen. Bleibt Assad im Amt, wird der Islamische Staat weiter wachsen.

Putin weiß das. Darum wird er nicht auf Gedeih und Verderb an dem Alawiten-Herrscher festhalten. Aber er verlangt einen Preis dafür, den Schlächter (weich ins Exil) fallen zu lassen: Wiederaufnahme in den internationalen Klub. Akzeptanz des russischen Ordnungsfaktors in der Welt. Dazu müsste Obama über seinen Schatten springen und einen widerständigen Kongress in Washington mitnehmen. Die Chancen dafür stehen nicht gut. Aber man muss es ernsthaft versuchen.