Athen

Zitterpartie in Griechenland

Vor der Abstimmung am Sonntag sind viele Wähler noch unentschlossen. Umfragen sagen ein knappes Ergebnis voraus

Athen.  Ioanna Giotaki geht am Sonntag nicht zur Wahl, sondern an den Strand. „Ich bin mit zwei Freundinnen verabredet, die es auch leid sind, schon wieder zu wählen“, sagt die 34-jährige Athenerin. Die fünfte Parlamentswahl seit Beginn der Krise, bereits der dritte Urnengang in diesem Jahr, die Volksabstimmung von Juli mitgezählt – das ist manchen Griechen zu viel. „Wir wählen und wählen, aber nichts ändert sich“, stellt Ioanna Giotaki verärgert fest.

Knapp zehn Millionen Griechen sind am Sonntag aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen. Der Ausgang der Abstimmung ist völlig offen: Das radikale Linksbündnis Syriza des Ex-Ministerpräsidenten Alexis Tsipras liegt in fast allen Umfragen nahezu gleichauf mit der konservativen Oppositionspartei Nea Dimokratia (ND) unter ihrem Vorsitzenden Vangelis Meimarakis.

Nachdem die Frustration vieler Griechen über den Sparkurs im Januar Syriza mit 36 Prozent der Stimmen den Wahlsieg bescherte, schwingt das Pendel nun zumindest in den Meinungsumfragen zurück: Die oppositionellen Konservativen konnten unter ihrem neuen Chef Meimarakis eine rasante Aufholjagd hinlegen, während Syriza in den Befragungen der Meinungsforscher massiv an Unterstützung verliert. In einer Umfrage des Instituts für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität von Thessaloniki, die am Montag und Dienstag dieser Woche durchgeführt wurde, liegt die ND mit 30 Prozent hauchdünn vor Syriza mit 29,5 Prozent. Eine Untersuchung des Instituts Kapa Research, die am Dienstag und Mittwoch erhoben wurde, sieht Syriza mit 29 Prozent ebenso knapp vor der ND, die auf 28,4 Prozent kommt.

Erinnerungen an die Parlamentswahl vom 8. April 2000 werden wach. Damals führte bei der Stimmenauszählung zunächst die Nea Dimokratia. In einer langen Wahlnacht wendete sich das Blatt dann. Am Ende lag die sozialdemokratische Pasok mit 72.400 Stimmen und 1,5 Prozent Vorsprung vorn. Viel dürfte diesmal von der Wahlbeteiligung abhängen. In den Umfragen sagten fast vier von zehn Befragten, sie interessierten sich „wenig“ oder „gar nicht“ für diese Wahl. Wahlforscher beziffern die Zahl der Unentschlossenen auf rund 650.000. Um sie werben die beiden großen Parteien nun in der Zielgeraden. Vor allem Tsipras legt sich ins Zeug, denn die Hälfte der Unentschlossenen sind frühere Syriza-Wähler. „Keine Stimme darf verloren gehen“, flehte Tsipras am Donnerstagabend bei einer Kundgebung in Iraklion auf Kreta und appellierte an die Wähler, „für die Hoffnung, die Demokratie und die soziale Fürsorge“ zu stimmen. ND-Chef Meimarakis sprach zur gleichen Zeit auf dem Athener Omoniaplatz. „Keiner darf am Sonntag abseits stehen!“, rief er und mahnte die Wähler, sie sollten sich „nicht noch einmal von Tsipras täuschen lassen“, diesem „Verkäufer leerer Versprechen“, sondern für „Sicherheit und Stabilität“ statt für weitere „katastrophale Syriza-Experimente“ votieren.

Viele sind von Tsipras enttäuscht. Nach langem Sträuben musste er im Juli ein drittes Rettungspaket für sein Land und die dazugehörigen Reformauflagen akzeptieren. Daran zerbrach seine Partei, der linksextreme Flügel spaltete sich ab. Jetzt bekennen sich sowohl Tsipras wie auch die ND, die schon im Juli im Parlament gemeinsam mit der Regierung für das neue Hilfspaket stimmte, zur Umsetzung des Programms. Das könnte für die Bildung einer großen Koalition sprechen. Denn es gilt als sicher, dass keine der beiden großen Parteien eine absolute Mehrheit der Mandate erreichen wird. Meimarakis ist zu einer großen Koalition bereit, Tsipras lehnt sie bisher ab.

Zu den Unentschiedenen gehört auch Stefanos Passaris. „Wenn ich überhaupt wählen gehe, entscheide ich erst an der Wahlurne, wo ich mein Kreuz mache“, sagt der Taxifahrer. Im Januar hat er Syriza gewählt, „aber nichts hat sich gebessert“, klagt der Mann. Mit großen Erwartungen sieht Passaris diesmal nicht der Wahl entgegen: „Viel wird sich nicht ändern“, sagt der 56-Jährige und ahnt: „Im nächsten Frühjahr gehen wir dann wieder wählen.“