Politik

Es wandern nicht Völker, es fliehen Menschen

Historische Parallelen des Zustroms an Flüchtlingen sind mit Vorsicht zu behandeln

Es ist ein Begriff, der aus den Tiefen der Historie stammt und der dieser Tage stark strapaziert wird: die Völkerwanderung. Beim Zustrom Hunderttausender Entwurzelter aus Krisenstaaten vor allem des Mittleren Ostens nach Europa, beim Anblick ganzer Familienverbände scheint sich dieser Begriff aufzudrängen. Geschichtliche Parallelen sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, vor allem wenn sie, wie in diesem Fall, eineinhalb Jahrtausende überspannen. Große Migrationsbewegungen hat es in der Geschichte der Menschheit schon immer gegeben; doch der Begriff Völkerwanderung wird in der historischen Forschung in erster Linie auf die Wanderbewegung vor allem germanischer Gruppen im Laufe von rund zwei Jahrhunderten – nämlich zwischen 375 und 568 nach Christus – bezogen. Ein einheitlicher Vorgang war diese Migration allerdings nicht; manche Historiker sprechen mit Blick auf das Wort Völkerwanderung sogar von einem „Forschungsmythos“.

Etliche germanische Stämme gerieten damals in Bewegung, darunter zunächst um 100 vor Christus die Kimbern, Teutonen und Ambronen, einige Jahrhunderte später dann West- und Ostgoten, Langobarden, Alanen, Sweben und Vandalen. Der Begriff Völkerwanderung hat aus europäischer Sicht auch eine bedrohliche Konnotation: Immerhin gab der Migrationsdruck der Germanen am Ende dem hochzivilisierten Römischen Imperium, einem des mächtigsten Reiche der Geschichte, den Todesstoß. Und nicht wenige befürchten nun, dass die vielen zuströmenden Muslime auch das deutsche Gemeinwesen zerstören könnten.

Doch diese Parallele hinkt auf beiden Beinen. Zum einen war das Römische Reich innerlich zerrissen, politisch morsch und längst im Niedergang begriffen; eine der Hauptursachen dafür war territoriale und militärische Überdehnung. Neuere Erkenntnisse der Geschichtsforschung nähren zudem erhebliche Zweifel am Begriff Völkerwanderung. Es waren damals nämlich keine Flüchtlingsströme, wie wir sie derzeit erleben, sondern schwer bewaffnete, wohlorganisierte Heereseinheiten, die invasionsartig vordrangen – dabei allerdings von Familien begleitet wurden. Auch heute stimmt der Begriff insofern nicht, als sich nicht das ganze syrische oder irakische Volk auf der Flucht befindet – wenn auch einige Millionen.

Die sogenannte Völkerwanderung an der Grenze zwischen Altertum und Mittelalter hatte mehrere Ursachen, darunter Klimaverschlechterungen, lokale Überbevölkerung, Hungersnöte und Flutkatastrophen. Doch der Hauptantrieb kam aus dem stürmischen Vordringen des mongolischen Reitervolkes der Hunnen, die mit ihren durchschlagstarken Reflexbögen und ihrer hochmobilen Kavallerietaktik europäische Heere zunächst vernichteten und dann weite Gebiete des Kontinents plünderten.

Historiker sprechen bei Migrationsbewegungen von Push- (Stoß-) und Pull- (Zug-) Faktoren. Ein Pull-Faktor ist im vorliegenden Fall die Anziehungskraft reicher und sozial geordneter Länder wie Deutschland oder Schweden, ein Push-Faktor der grausame Krieg in Syrien und im Irak.

Die größte Fluchtbewegung und Integrationsanstrengung erlebte Deutschland gleich nach dem Zweiten Weltkrieg, als zwölf Millionen Vertriebene aus den verlorenen Ostgebieten Westdeutschland erreichten. Diese Integrationsleistung war insofern viel leichter als heute, denn die Ankömmlinge gehörten schließlich demselben Kultur- und Sprachraum an. Aber sie war insofern viel schwerer, als Deutschlands Infrastruktur noch vom Krieg zerstört war und das Land kaum noch Ressourcen besaß. Deutschland war immer Einwanderungsland: für Hugenotten aus Frankreich, für Polen, die vor allem ins Ruhrgebiet strömten, für vietnamesische Boat People, für Italiener und Spanier, Griechen und Türken. In einigen Fällen hat das Probleme verursacht. Insgesamt hat aber gerade auch die Zuwanderung unzähliger kreativer und fleißiger Menschen Deutschland zu dem gemacht, was es heute ist: ein Sehnsuchtsland für Millionen.