Politik

Hunderte Menschen in einer Halle

Im Olympiapark in Westend steht Feldbett an Feldbett – Helfer haben viel zu tun

Den Überblick zu behalten, ist schwierig. Täglich kommen Menschen an, andere verlassen das Heim am Olympiapark wieder und reisen weiter nach Schweden oder in andere Städte. Am Dienstagmorgen sind etwa 140 Menschen in der Notunterkunft in Westend angekommen, angekündigt waren 400.

Am Vormittag verstärkt sich das Durcheinander. Ein Sonderzug aus Bayern mit Flüchtlingen hätte rund 520 Menschen bringen sollen – doch 180 weniger Menschen kommen an. Unterwegs zog jemand zweimal die Notbremse – bei Jeßnitz sowie Dessau Roßlau –, und viele Flüchtlinge sprangen vom Zug. Die für die Bahn zuständige Bundespolizei sowie die örtlichen Polizeidienststellen leiteten die Suche nach den Ausgestiegenen ein. Die meisten von ihnen werden auch wenig später wieder aufgegriffen. Im Vordergrund des Einsatzes habe dabei der Schutz der Flüchtlinge vor den Gefahren auf den Gleisen gestanden, teilt ein Sprecher der Bundespolizei mit. Die Flüchtlinge werden nach Quedlinburg und Halle gebracht.

In Berlin muss Friedrich Kiesinger viel telefonieren – so wie immer in diesen Tagen. Am vergangenen Mittwoch hat er abends erfahren, dass er mit seinem Unternehmen Albatros, einer gemeinnützigen Gesellschaft für soziale Dienstleistungen, die Notunterkunft in Westend betreuen wird. Am nächsten Vormittag kamen die ersten 450 Flüchtlinge in Bussen an. Viel Zeit blieb also nicht, um Schlafplätze und Verpflegung zu organisieren. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) stellte nur die beschlagnahmten Sporthallen am Olympiapark zur Verfügung und bestellte Teppichböden, um den Hallenboden zu schützen. Betten gab es keine, „die haben wir von überall her organisiert“, sagt Kiesinger. Gemeinsam mit freiwilligen Helfern der Initiative „Willkommen im Westend“ bereitete sein Unternehmen den ganzen Tag über die Hallen vor, am Abend zogen die ersten Flüchtlinge ein.

Inzwischen haben mehr als 2000 Menschen dort übernachtet, einige von ihnen nur ein oder zwei Nächte, bevor sie sich wieder auf den Weg machten, um nach Schweden oder zu Verwandten in anderen deutschen Städten weiterzureisen. Andere sind seit ihrer Ankunft am Donnerstag geblieben. Knapp 600 Menschen seien in der vergangenen Nacht in den Hallen gewesen, sagt Kiesinger. Die Stimmung sei friedlich, „trotz der Bedingungen, die nicht ideal sind“. Privatsphäre gibt es nicht in den beiden Sporthallen. Etwa 500 Feldbetten je Halle stehen dicht nebeneinander, die Luft ist stickig, ganz leise ist es nie. „Mein Ideal war nicht so eine riesige Notunterkunft“, sagt Kiesinger. Sein Unternehmen engagiert sich seit Jahren in der Flüchtlingsarbeit. Diese Erfahrungen wollte Albatros in einer „kleinen Einrichtung mit nachhaltiger Arbeit“ umsetzen. Stattdessen betreuen sie nun eine Notunterkunft, in der mehr als 1000 Menschen untergebracht werden können und die nur Durchgangsstation auf dem Weg in eine Gemeinschaftsunterkunft sein soll.

An seiner Vorstellung, wie die Menschen versorgt werden sollen, will Kiesinger dennoch festhalten. Es müsse eine dauerhafte Finanzierung für die medizinische und psychosoziale Betreuung in der Notunterkunft geben. Derzeit kümmern sich Ärzte als freiwillige Helfer um erkrankte Flüchtlinge. Der Albatros-Chef will auch versuchen, die Flüchtlinge selbst als ehrenamtliche Helfer einzusetzen. Schon jetzt funktioniere die Selbstorganisation gut, „diejenigen, die schon länger hier sind, zeigen den Neuangekommenen, wie alles funktioniert“, berichtet er.

Neben den Albatros-Mitarbeitern sind auch viele Freiwillige in den Hallen. Sie geben Essen, Kleidung oder Windeln aus, sortieren Spenden, kümmern sich um die Kinder. Besonders gefragt sind Menschen, die neben Deutsch oder Englisch auch Arabisch, Dari oder Urdu sprechen und dolmetschen können. Den Einsatz der Freiwilligen koordiniert die Initiative „Willkommen im Westend“ über ihre Facebookseite und die Internetseite www.volunteer-planner.org.