Politik

Der lange Atem in der Flüchtlingskrise

Deutschland zieht bei der Integration die richtigen Schlüsse aus der Vergangenheit

So schnell kann es gehen. Wurde Deutschland während der Euro-Krise von vielen seiner Partner als Bedrohung empfunden und als dominant kritisiert, präsentiert es sich in der Flüchtlingskrise als „Land der Hoffnung“. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel, die in Griechenland und anderen südeuropäischen Ländern oft mit unsäglichen Nazi-Vergleichen konfrontiert war, freut sich jetzt an den Rufen „Merkel, Merkel“ der syrischen Flüchtlinge, die in Deutschland Zuflucht suchen.

„Warum sollen sie dort sterben, wenn sie hier leben können?“ sagte mir eine 40-jährige Münchnerin, nachdem sie am Bahnhof Winterklamotten für die Flüchtlinge abgegeben hatte. Ein kleines Mädchen wartete ein paar Meter weiter, mit einem Fußball fest in den Händen, geduldig in der Schlange für die Registrierung. Es wird Deutschland sein Leben lang dankbar sein. Die Szenen, die ich in München letzte Woche erlebt habe, erinnerten mich an das griechische Lied „Am Münchner Bahnhof“. So hieß einer der bekanntesten Schlager der 70er-Jahre in Griechenland. Das Lied, gesungen von Stratos Dionysiou, beschreibt das Gefühl der Trostlosigkeit eines griechischen Gastarbeiters, der von seinem „schwarzen Schicksal“ getroffen am Münchner Bahnhof steht. Er ist einsam – „jeder Mensch, eine andere Sprache“ –, von Heimweh geplagt wartet er auf den Zug „Akropolis“ aus Athen mit der Hoffnung, dass irgendein Bekannter ankommt, um etwas Wärme mitzubringen.

Der Komponist des Liedes, Akis Panou, fand damals nicht so große Anerkennung, wie sein deutsches Pendant Udo Jürgens, der vier Jahre später mit dem Schlager „Griechischer Wein“ von der Sehnsucht der Gastarbeiter gesungen hat. Ministerpräsidenten Konstantinos Karamanlis höchstpersönlich hat Jürgens empfangen und sich für die Thematisierung der Problematik bedankt. Den „griechischen Wein“ von Jürgens kannten damals sehr wenige Griechen. Aber alle Gastarbeiter konnten das Lied von Akis Panou mitsingen.

Das taten auch meine Eltern, die Mitte der 60er-Jahre nach Deutschland kamen und beim „Deutschen Wirtschaftswunder“ mitgewirkt haben. Die Ankunft am Münchner Hauptbahnhof nach einer strapaziösen Reise, erst mit der Fähre nach Italien und dann mit dem Zug nach Deutschland, war eine ihrer prägendsten Erfahrungen und fester Bestandteil ihrer Erzählungen aus jener Zeit. Die Anweisungen wurden von Dolmetschern auch auf Griechisch durchgesagt, man wurde registriert, untersucht und den entsprechenden Arbeitgebern zugeteilt. Für den Rest waren sie auf Verwandte und Bekannte angewiesen. Die Situation war für sie so neu und befremdlich wie ihre Bezeichnung als Gastarbeiter, was in griechischen Ohren sowieso komisch klingt. Denn kein Grieche käme auf die Idee, seinen Gast arbeiten zu lassen.

Integration war damals ein unbekanntes Wort. Die Fremden sollten gefälligst in ihrer Heimat zurückkehren, sobald sie in Deutschland nicht mehr gebraucht wurden. Meine Eltern kehrten nach fünf Jahren zurück. Aber die meisten Gastarbeiter aus Griechenland, Italien, dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei, blieben in Deutschland.

Das wird auch mit den meisten Flüchtlingen, die jetzt nach Deutschland kommen, der Fall sein. Die Dimension ist enorm, wenn sich allein Berlin weiterhin auf rund 1000 Flüchtlinge täglich einstellen muss. Die Zahl der Flüchtlinge aus Syrien, die 2015 auf griechischen Inseln ankamen, hat sich ist laut IOM von 88.200 bis letzten Montag auf 175.375 am Donnerstag fast verdoppelt. In der Türkei warten noch Millionen auf eine Gelegenheit, nach Lesbos oder Kos zu gelangen.

Deutschland macht aus der Not des demografischen Problems eine Tugend. Die Politik scheint diesmal aus der Vergangenheit gelernt zu haben und räumt der Integration der Flüchtlinge von Anfang an Priorität ein. Selfies der Bundeskanzlerin Merkel mit Flüchtlingen wie letzte Woche in Spandau sind dabei hilfreich, aber nicht ausreichend.

Man braucht schon dazu einen langen Atem.