Havanna

Kuba vor dem großen Ausverkauf

Seit der Annäherung an die USA stehen Immobilien-Investoren Schlange – vor allem aus Miami

Havanna. Kuba, das sind Traumstrände, Salsamusik, Revolutionsromantik. Seit der politischen Annäherung zwischen den USA und Kuba zieht in dem sozialistischen Land noch mehr Marktwirtschaft ein – auch auf dem Immobiliensektor. Vor allem die Exilkubaner in Miami sind scharf auf Grundstücke. Kein Wunder, dass die Preise auf der Tropeninsel nach oben schießen.

Wer allerdings als Ausländer ein Haus oder eine Wohnung sucht, muss mit Überraschungen rechnen. Lina zum Beispiel ist eine Kubanerin Ende 40, früh verwitwet. Ihr Vater muss gepflegt werden. Das Geld ist knapp, ihr Job als Sekretärin im staatlichen Krankenhaus bringt ihr nur rund 20 Euro im Monat. Aber ihr großes Kapital ist eine eigene Wohnung im gutbürgerlichen Stadtteil Vedado von Havanna. Der Preis: 25.000 Dollar.

Lina bittet den ausländischen Interessenten in die Küche. „Du kannst sofort kaufen, ich suche mir was Kleineres“, sagt sie. Aber es gebe dieses kleine Problem: „Wir müssten heiraten.“

In Kuba ist zwar seit Ende 2011 der ehemals staatliche Wohnungsmarkt freigegeben, aber nur Kubaner mit ständigem Wohnsitz im Land oder Ausländer mit Daueraufenthaltserlaubnis dürfen Grundeigentum erwerben. Diese Erlaubnis ist aber nur schwer zu bekommen. Es gibt jedoch Schlupflöcher, zum Beispiel die Heirat mit einer Kubanerin oder einem Kubaner.

Lina ist vorbereitet, hat einen Anwalt des Vertrauens an der Hand. Man könne das sehr zügig regeln, sagt sie zu dem Ausländer. Nur sei eine rasche Entscheidung angeraten. Schließlich sei die Wohnung sehr begehrt.

Längst gibt es Maklerbüros in Havanna – und fast täglich werden es mehr. Sie heißen Zafiro, La Isla, Casas Cubanas, Havana-Houses. Überall sieht man an Häusern Schilder, auf denen „se vende“ steht – „zu verkaufen“.

Die Maklerbüros sind meist kubanische Start-up-Unternehmen, oft untergebracht in engen Apartments. Freundliche Berater reichen dem Kaufanwärter starken Espresso und präsentieren auf dem Computerbildschirm die Filetstücke Havannas: Etagenwohnungen von bis zu 200 Quadratmetern mit sieben Zimmern und vier Bädern. Ganze Häuser, Villen aus der Blütezeit der kubanischen Kapitale in den 40er-Jahren. „Alle wollen Bauten aus der Zeit des Kapitalismus“, sagt Raúl von der Agentur La Isla. Die tropischen Platten, die Wohnungen aus der Revolutionszeit, sind wenig nachgefragt.

Mindestens 800 Dollar kostet der Quadratmeter in Havannas Stadtteil Vedado, der nahe an der berühmten Uferpromenade Malecón liegt. Hier hatten die Minister von Diktator Fulgencio Batista vor der Revolution riesige Penthouse-Apartments.

Etagenwohnungen mitMeeresblick ab 100.000 Dollar

Wer heute eine Etagenwohnung mit eigenem Aufzug und Meeresblick will, kommt nicht unter 100.000 Dollar weg. Für manche Objekte wird bis zu einer halben Million Dollar verlangt. Und doch kosten sie nur einen Bruchteil dessen, was man in gleicher Lage nur gut 150 Kilometer weiter nördlich in Miami bezahlen müsste.

Es ist kein Zufall, dass die Preise insbesondere seit dem 17. Dezember anziehen. Es ist der Tag, an dem die Präsidenten der USA und Kubas, Barack Obama und Raúl Castro, das Ende ihrer Erzfeindschaft verkündeten und die Annäherung ausriefen. „In Erwartung des großen Geschäfts, wenn die Nordamerikaner kommen, wird alles teurer“, weiß Makler Raúl. Seit der Eröffnung der US-Botschaft in Havanna vor wenigen Wochen zogen die Preise erneut an.

Für die Exilkubaner ist es leicht, sich im alten Heimatland einzukaufen. Sie erwerben meist über Familienangehörige Immobilien, mitunter ganze Appartementhäuser. Rund 1,5 Millionen Kubaner leben im Ausland, davon 1,2 Millionen in den USA. Sie haben Geld, bleiben für die kubanische Regierung auch als im Ausland lebende Landsleute Kubaner. Wenn sie Grundeigentum erwerben wollen, müssen sie sich nur noch einen Wohnsitz auf der Insel zulegen, und schon können sie kaufen. Noch einfacher ist es, wenn sie ihren Angehörigen auf der Insel das Geld zuschicken, um dann in ihrem Namen das gewünschte Objekt zu erwerben. Der Druck, den die Exilkubaner auf den kubanischen Immobilienmarkt ausüben, ist jedenfalls groß.

Für Kubaner gibt es in Havanna einen formellen und einen informellen Wohnungsmarkt. Im Zentrum an der Ecke des Prachtboulevards Prado und der Straße Colón bildet sich jeden Samstag und auch an manchen Tagen in der Woche der informelle Wohnungsmarkt. Hier bieten Private ihre Apartments feil und wollen ihre Häuser loswerden. Manche kritzeln die Charakteristika des Objekts auf ein Pappschild, andere bringen ganze Stellwände mit hübschen Fotos der Wohnung mit. Hier läuft der Verkauf von privat an privat. Käufer und Verkäufer entrichten jeweils vier Prozent Steuer.

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