LondoN

Vom Hinterbänkler zum Hoffnungsträger

Jeremy Corbyn gilt als „britischer Tsipras“ und hat beste Chancen, Labour-Chef zu werden

LondoN.  Egal wie es ausgeht: Der Gewinner heißt Jeremy Corbyn. Der 66-jährige, weißbärtige, stets bescheiden auftretende Unterhausabgeordnete ist die große Überraschung der politischen Sommersaison im Königreich. Vom Hinterbänkler wurde er in Rekordzeit zum Hoffnungsträger. Selbst wenn Jeremy Corbyn am heutigen Sonnabend nicht zum neuen Vorsitzenden der Labour-Partei ausgerufen werden sollte, was als wenig wahrscheinlich gilt, so hat er doch seine Partei gründlich nach links gerückt und die politische Landschaft in Großbritannien neu definiert.

Corbyn, der Vegetarier und Anti-Alkoholiker ist, elektrisierte die Basis. Er sitzt seit 1983 im Unterhaus und hat nie eine Führungsposition bekleidet. Doch im dreimonatigen Wahlkampf profilierte er sich als der Kandidat gegen das Establishment und sorgte für einen Massenansturm bei Labours Mitgliedzahlen, die seit Mai um 50 Prozent stiegen. Zusätzlich haben sich eine Viertelmillion Briten als Unterstützer der Arbeiterpartei registrieren lassen. Von den jetzt rund 550.000 Wahlberechtigten dürfte eine Mehrheit für Corbyn gestimmt haben und damit die Partei langfristig deutlich links positionieren.

Für das Partei-Establishment ist diese Entwicklung ein Schock. Wessen Herz für Corbyn und dessen altlinke Politik schlage, giftete der Ex-Premier Tony Blair, „braucht eine Transplantation“. Die Attacke des Ex-Premiers, der von vielen Genossen wegen seiner Lügen im Irakkrieg gehasst wird, machte Corbyn noch populärer. Andere Parteigranden warnen, dass der neue Chef Labour zu einer britischen Version des griechischen Linksbündnisses Syriza oder der spanischen Linksbewegung Podemos machen werde. Doch es sieht ganz danach aus, als ob die Genossen an der Basis genau das wollen: einen britischen Tsipras, der Labour wieder zu einer sozialistischen Partei macht.

Corbyn verdammt die Austeritätspolitik der konservativen Regierung als „eine Tarnung, um die Gesellschaft umzugestalten und die Ungleichheit und Ungerechtigkeit zu vergrößern“. Der Parteichef in spe will eine Streichung von Steuererleichterungen und Subventionen für Unternehmen, erhofft sich sagenhafte 120 Milliarden Pfund Mehreinnahmen durch das Stopfen von Steuerschlupflöchern und will damit einen massiven Anstieg bei den öffentlichen Ausgaben und Investitionen finanzieren.

Zugleich plädiert der selbsterklärte demokratische Sozialist für einen britischen Austritt aus der Nato, will die britischen Atomwaffen abschaffen, gibt sich als entschiedener Anti-Monarchist und denkt über eine Wiedereinführung der Klausel vier der Parteistatuten nach, die eine Verstaatlichung der Produktionsmittel vorsieht. Labour ist zur Zeit mehr an der ideologisch reinen Lehre interessiert als daran, die nächsten Wahlen zu gewinnen.

Denn die Wahlen werden in der Regel in der Mitte gewonnen, zumindest in Großbritannien. Die Gefahr steht im Raum, dass sich die größte Oppositionspartei des Landes auf ein Jahrzehnt hinaus unwählbar macht.