Berlin/Düsseldorf

Besiegt die CDU ihren Großstadt-Fluch?

Bei den Kommunalwahlen in NRW hofft die Union am Sonntag auf eine Trendwende

Berlin/Düsseldorf.  Langweilig, ohne zündendes Personal, Lichtjahre entfernt vom modernen urbanen Lebensgefühl – die Misere der CDU in den Metropolen der Republik verschärft sich seit Jahren. In der Rangliste der 20 größten deutschen Städte regieren nur noch in den Rathäusern von Wuppertal (Platz 17) und Münster (20) christdemokratische Oberbürgermeister. Nun soll in Nordrhein-Westfalen, wo an diesem Sonntag in rund 170 Städten und Gemeinden neue Rathauschefs gewählt werden, die Trendwende gelingen – auch durch Kandidaten, die im grün-großstädtischen Multi-Kulti-Milieu Wählerstimmen ziehen sollen.

Der Mann, der in Bonn nach 21 Jahren den politischen Chefposten für die CDU zurückerobern soll, ist 50 Jahre alt, Sohn eines indischen Diplomaten und einer Deutschen und heißt Ashok-Alexander Sridharan. Über seine Kür zum Oberbürgermeisterkandidaten sagt er rückblickend: „Es gab schon bei einigen CDU-Mitgliedern Bedenken wegen meines für Deutschland ungewöhnlichen Namens.“ Was nichts daran änderte, dass ihn die Parteidelegierten mit 86 Prozent der Stimmen für das Rennen um den Chefsessel im Rathaus nominierten. Inzwischen gilt der Jurist als erster Anwärter auf das Amt – eine Umfrage sieht ihn deutlich vor dem SPD-Konkurrenten Peter Ruhenstroth-Bauer.

Die Pleiten in Hamburg, Dresden und Düsseldorf schmerzen

Die Personalie Sridharan steht auch für einen kulturellen Wechsel in der Union. Acht Jahre nachdem in Hessen der damalige CDU-Ministerpräsident Roland Koch mit seinem Wahlslogan „Ypsilanti, al-Wazir und die Kommunisten stoppen!“ unverhohlen Stimmung machte mit den exotisch klingenden Namen seiner Konkurrenten von SPD und Grünen, ist Sridharan, der „bönnsche Jung mit indischem Witz“ (Express), zum Hoffnungsträger der Partei in der symbolisch immer noch wichtigen einstigen Bundeshauptstadt avanciert. Der ungewöhnliche Name und seine dunkle Hautfarbe sind für Sridharan zum Markenzeichen geworden – er selbst bezeichnet sich gern ironisch als „gute Mischung mit hohem Wiedererkennungswert“. Ein Sieg Sridharans, so die Hoffnung der Christdemokraten, könnte ihren Niedergang in den Städten stoppen.

Das wäre dann auch endlich ein kleiner Erfolg für Kai Wegner. Der Berliner Bundestagsabgeordnete ist „Großstadtbeauftragter“ der CDU. Seit ihn Fraktionschef Volker Kauder Anfang 2014 mit dem neu geschaffenen Job betraute, ist die Union in Hamburg auf 15,9 Prozent abgestürzt, hat den Oberbürgermeisterposten in der Landeshauptstadt Düsseldorf an die SPD verloren und erlitt in Dresden, also in der CDU-Hochburg Sachsen, ein deftige Schlappe, als ihr Oberbürgermeisterkandidat mit 15,4 Prozent abgeschlagen auf dem dritten Platz landete. Eine Erfolgsbilanz sieht anders aus.

Wegner sitzt in seinem Büro im Abgeordnetenhaus neben dem Reichstagsgebäude und möchte eigentlich viel lieber über die Flüchtlingsproblematik reden als über die Wahlen in NRW. Aber Wegner muss Optimismus verbreiten: „Wir als CDU sind dabei, unser bisweilen verstaubtes Image in den Städten abzulegen. Die Partei steht seit vielen Jahren für solide Finanzen, für sichere und saubere Städte. Aber das Lebensgefühl in den Städten hat sich stark verändert, die Bevölkerung ist vielfältiger geworden. Wir müssen noch deutlicher machen, dass uns Themen wie Kinderbetreuung, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, öffentlicher Nahverkehr oder gesunde Ernährung ganz besonders am Herzen liegen.“ Dies seien die Themen, „die die Menschen in den Städten täglich hautnah erleben“. Ein Kandidat wie Sridharan spiegele „die Breite wider, die die CDU heute zu bieten hat“.

In Köln kein eigener CDU-Kandidat im Rennen

Denn der Bonner ist nicht der einzige Hoffnungsträger der Union. In Essen soll Thomas Kufen den SPD-Mann Reinhard Paß aus dem Amt drängen. Der Versuch erscheint nicht aussichtslos; nicht nur, weil die CDU schon einmal, von 1999-2009, den Rathauschef in der traditionellen SPD-Hochburg stellte. Paß ist in der eigenen Partei umstritten, musste sich in einer Mitgliederbefragung durchsetzen. Kufen, der sich im Wahlkampf als homosexuell outete, ist mit 42 Jahren deutlich jünger als der 59-jährige Paß und will gezielt junge Wähler ansprechen. Doch ob das für den Machtwechsel reicht?

Noch schöner wäre für die CDU ein Erfolg in Köln, wo nach einer Panne beim Druck der Wahlzettel erst am 18. Oktober gewählt wird. Doch ausgerechnet in der größten Stadt Nordrhein-Westfalens hat es die Union nicht geschafft, einen eigenen zugkräftigen Kandidaten zu finden. Notgedrungen schloss man sich den Grünen und der FDP an, die die parteilose Sozialdezernentin Henriette Reker als Gegenkandidatin zu SPD-Mann Jochen Ott unterstützen. Das hat in der CDU für viel Unverständnis gesorgt. Der Großstadtbeauftragte Wegner sagt diplomatisch, Reker sei „eine ganz starke Kandidatin“ für Köln. „Dass die CDU dort keinen eigenen Kandidaten aufstellt, sollte aber eine Ausnahme bleiben.“ Für die Union geht es in Köln nur darum, einen SPD-Sieg zu verhindern. Man ist bescheiden geworden.