Berlin

Der Träumer und die Frau mit dem 49-Wörter-Satz

| Lesedauer: 4 Minuten
Alexander Kohnen

In der Generaldebatte duelliert sich Gregor Gysi zum letzten Mal mit der Kanzlerin. Merkel hält eine empathische Rede

Berlin. Lukas Podolski hat mal zu Journalisten gesagt: „Ich geb euch kurze Antworten, dann braucht ihr nicht so viel zu schreiben.“ In Sachen Verdichtung könnte die Kanzlerin viel von dem Stürmer lernen. Ein typischer Merkel-Satz an diesem Mittwochmorgen in der Generaldebatte des Bundestages geht so: „Wir brauchen uns auch nicht gegenseitig die Schuld zuzuschieben, wer dieses und jenes noch nicht gemacht hat, sondern wir müssen jetzt einfach anpacken und alle konkreten Hindernisse aus dem Weg räumen, um den Menschen, die zu uns kommen, zu helfen und ein friedliches Zusammenleben in unserem Land zu gewährleisten.“ Macht 49 Wörter.

Trotz solcher Sätze: Es ist für ihre Verhältnisse eine gute Rede. Nicht weil Angela Merkel (CDU) zu Beginn die Erfolge der Regierung aufzählt. Sondern weil sie wie am Montag auf der Pressekonferenz mit Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) Empathie für die Flüchtlinge zeigt. Sie spricht von Chancen, benutzt Wörter wie Stärke, „dumpfe Hassbotschaften“ verurteilt sie. „Wir werden nicht zulassen, dass unsere Grundwerte von Fremdenfeinden verraten werden.“ Merkel betont, was für „ein Privileg und ein Glück“ es ist, in einem demokratischen Land zu leben. Deutschland werde bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise eine Führungsrolle spielen. „Wenn wir mutig sind und vorangehen, wird es wahrscheinlicher, dass es eine europäische Lösung geben wird.“

Die Generaldebatte ist eigentlich die Stunde der Opposition. Die Stunde der Abrechnung. Doch in Zeiten einer großen Koalition, die mit gut 80 Prozent Mehrheit regiert, ist nicht viel los. Zwei kleine linke Parteien kritisieren die Regierung. Wie langweilig.

Doch da ist ja noch Gregor Gysi. Er wird im Oktober den Fraktionsvorsitz der Linken an Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch abgeben. Zum letzten Mal duelliert er sich als Oppositionsführer mit der Regierung. Und das kostet er so richtig aus. Genießt es, der „lieben CSU“ das Betreuungsgeld und das Maut-Desaster um die Ohren zu hauen. „Die Maut, die Maut“, singt Gysi. Als er auf die SPD zu sprechen kommt, hebt er den Zeigefinger und stellt die „spannende Frage“, wann die Sozialdemokratie wieder eigenständig wird.

Steile These zu Geburten

Rhetorisch ist das alles unterhaltsam – aber inhaltlich macht er es sich manchmal zu einfach. Ein typischer Gysi-Satz etwa zum Irak geht so: „Hussein war schlimm und ist weg – aber ist die Situation jetzt besser?“ Oder zum Thema Frauen und Gehalt so: „Wir brauchen gleichen Lohn für gleiche Arbeit.“ Gysi benennt, was in seinen Augen falsch läuft: Afghanistan ist für ihn „eine einzige Katastrophe“. Deutschland ist der drittgrößte Waffenexporteur der Welt. 18 Millionen Menschen sterben weltweit jährlich an Hunger.

Ziemlich steil ist seine These, dass die Agenda 2010 dazu geführt hat, dass in Deutschland weniger Kinder auf die Welt kommen. Als hätte es vor der Schröder-Regierung nicht schon einen Geburtenrückgang gegeben. Merkel sitzt gerade auf der Regierungsbank und hört zu. Ihre Minister Gabriel, Steinmeier und de Maizière lesen Akten. Irgendwann spricht Gysi in einem Nebensatz von einer „vernünftigen Regierung mit der Linken“, die es eines Tages geben könnte. „Sie Träumer“, ruft einer aus der Unionsfraktion. Und Gysi: „Ja, man darf ja träumen, ist ja nicht verboten.“

Was bei Gysi nicht vorkommt: die große Hilfsbereitschaft der Deutschen für die Flüchtlinge. Das besorgt dafür die grüne Fraktionschefin. Katrin Göring-Eckardt sagt, sie sei zum ersten Mal „uneingeschränkt stolz auf mein Land“. Abgesehen von den Rechtsextremen, die Asylbewerberheime anzündeten. Sie spricht von einem „Septembermärchen“ – in Anlehnung an das Sommermärchen der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land. Womit wir wieder bei Lukas Podolski wären.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos