Politik

Das helle Deutschland strahlt

| Lesedauer: 4 Minuten
Julia Emmrich

Willkommenswelle für die Flüchtlingszüge aus Ungarn

Es klingt nach einem neuen Sommermärchen: An den großen Bahnhöfen versammeln sich Hunderte von Menschen, um die Züge mit den Flüchtlingen aus Ungarn zu begrüßen – mit Applaus, Obst und Getränken. In Flüchtlingsunterkünften stapeln sich Kleider-spenden, Stofftiere und Spielsachen – so viele, dass die ersten Behörden schon darum bitten, vorerst keine weiteren Sachspenden vorbeizubringen. Und in Umfragen sagt die Mehrheit der Bundesbürger, dass das Land auch in den kommenden Monaten mindestens so viele Flüchtlinge aufnehmen sollte wie im Moment.

Was ist los mit den Deutschen? Woher kommt diese ungeahnte Welle der Hilfsbereitschaft? Es gibt gleich drei starke Gründe dafür, warum so viele Bundesbürger in diesen Tagen den Flüchtlingen beide Hände ausstrecken, warum das „helle Deutschland“ wie der Bundespräsident es nennt, im Moment so strahlt: Die eigene Geschichte, das kraftvolle Ego und der Zeitgeist.

Viele Deutsche waren selbst einmal Flüchtlinge oder sind in Familien hineingeboren, in denen Flucht und Vertreibung zur Familiengeschichte gehören. Die Erinnerungen der Menschen, die vor den Nazis fliehen mussten oder am Ende des Zweiten Weltkriegs zu Hunderttausenden aus den ehemaligen Ostgebieten nach Westen kamen, haben auch 70 Jahre danach nichts von ihrer Kraft eingebüßt. Lange wurde darüber öffentlich wenig geredet, in vielen Flüchtlingsfamilien aber wurden solche Bilder vererbt: Erfrorene und verhungerte Menschen, zerschossene Flüchtlingstrecks, versenkte Flüchtlingsschiffe. Wer sich trotz allem in den Westen gerettet hatte, wurde selten herzlich begrüßt – die Einheimischen wollten oft nichts mit den Flüchtlingsfamilien zu tun haben. Von Willkommenskultur keine Spur. Heute dagegen überwiegt das Mitgefühl – auch durch die Erinnerung an eigenes oder geerbtes Leid.

Das andere ist das Gefühl der Stärke. Wer sich stark fühlt, dem fällt es leichter, großzügig zu sein. In diesem Sommer ist das nationale Ego der Deutschen kraftvoll wie schon lange nicht mehr: Die Angst vor Arbeitslosigkeit ist gering, die Steuereinnahmen sind besser als erwartet, die Staatskasse ist voll, die Große Koalition arbeitet ohne größeren Krach. Anders als die Briten, die Franzosen oder die Spanier sind die Deutschen darüber hinaus bislang von islamistischen Terroranschlägen verschont geblieben. Es gibt zwar Anschläge von Rechts, aber keine rechte Partei, die in der Lage wäre, massenhaft Stimmen zu sammeln. Und schließlich ist da die Kanzlerin, die die richtigen Worte gegen die Hass-Attacken auf Flüchtlinge gefunden hat und die Innenpolitik wieder zu ihrer Sache macht – nachdem sie lange Zeit nur noch die internationalen Krisen im Blick zu haben schien.

Hunderttausende Flüchtlinge, die ihr Leben riskieren, um ausgerechnet nach Deutschland zu kommen, sind für die meisten deswegen in diesem Sommer eher ein Kompliment als eine Bedrohung. Wobei die Deutschen sehr genau unterscheiden: Wer vor Krieg, Verfolgung oder Katastrophen flieht, ist willkommen, wer dagegen kommt, um die Armut in seiner Heimat hinter sich zu lassen, der trifft auf Ablehnung.

Die Willkommenswelle hat aber auch etwas mit dem Zeitgeist zu tun: Es gibt ein großes Bedürfnis, Geld und Lebenszeit in unmittelbar sinnvolle, sichtbare Dinge zu investieren. Je globaler und digitaler die Welt wird, je komplexer die Politik und abstrakter die Einflussmöglichkeiten, desto größer wird die Sehnsucht nach greifbarem Leben: Die vielen Menschen, die Kleidung und Spielsachen in die Flüchtlingsunterkünfte bringen, die Willkommensfeste organisieren, Behördengänge begleiten und als Paten bereit sind, über den Tag hinaus Verantwortung zu übernehmen – sie tun das alles, um den Flüchtlingen zu helfen. Sie tun das aber auch, weil sie mitgestalten können und weil Mitgestalten glücklich macht.

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