Berlin

Zelte ohne Licht und Heizung

| Lesedauer: 4 Minuten
Jens Anker, Gilbert Schomaker und Lorenz Vossen

Berlin bereitet sich auf die Ankunft neuer Flüchtlinge vor. Bislang ist ungewiss, wie viele kommen. Es könnten Hunderte in den nächsten Tagen sein

Berlin.  Nina Kunzendorf ist genervt. Weil das Leben der Familie von Computer und Smartphone dominiert wird, verordnet die Schauspielerin der Familie ein komplettes Internetverbot. Derzeit finden zu der ZDF-Komödie „Ich bin dann mal offline“ die Dreharbeiten in der ehemaligen Zentrale der Sparkasse in der Wilmersdorfer Bundesallee statt. Bis zum 24. September sollen sie dauern, doch ob das möglich sein wird, weiß derzeit niemand. Der Senat hat das Gebäude am Mittwoch beschlagnahmt. Möglicherweise schon ab kommender Woche soll es als Erstaufnahmelager für Flüchtlinge genutzt werden. Doch davon wusste keine der insgesamt neun Filmproduktionen, die derzeit in dem Gebäude drehen, etwas. „Wir haben die Räume für die kommenden drei Monate gemietet“, sagt eine Sprecherin von Ziegler Film, die für den RBB in dem Gebäude drehen. In der kommenden Woche wisse man vielleicht mehr.

Von Arbeitern, die die ehemalige Sparkassenzentrale flüchtlingsgerecht umbauen, ist am Donnerstag nichts zu sehen. Anders in Spandau. Dort stehen seit Donnerstag die ersten 71 Zelte, in denen 700 Flüchtlinge untergebracht werden können. 130 Feuerwehrmänner, 120 Polizisten und 44 Mitglieder des Technischen Hilfswerks haben die Zelte in der Nacht und am frühen Morgen aufgebaut. Sie sind mit Sandsäcke gegen Windstöße gesichert, weil der ehemalige Exerzierplatz der Kaserne geteert ist.

Am Abend gibt es noch keine Beleuchtung. Daran arbeite man, heißt es vom Betreiber, der Prisod. Auch fehlen noch Duschcontainer. „Die gibt es im Moment in ganz Deutschland nicht mehr“, sagt Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU), der sich am Nachmittag zusammen mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) ein Bild von der Lage macht. In den Gebäuden der Kaserne sind jetzt schon 900 Flüchtlinge untergebracht, zu 80 Prozent kommen sie aus den arabischen Krisengebieten. Die Planungen sehen vor, die ehemalige Polizeikaserne zu erweitern. In Gebäuden, die in einem halben Jahr saniert werden können, könnten weitere 1000 Flüchtlinge untergebracht werden. Die Zelte sollen nur ein Provisorium sein. Sie sind auch noch nicht mit Heizgeräten ausgestattet. Möglicherweise werden sie mit dem Beginn des Winters Ende Oktober auch wieder abgebaut. „Noch können wir alle Flüchtlinge in festen Gebäuden unterbringen. Aber jetzt sind wir für das mögliche neue Eintreffen von Flüchtlingen vorbereitet“, sagte Czaja.

BVG will Fahrplan mit Übersetzungen verteilen

Immer noch ist unklar, ob und wie viele Flüchtlinge in den kommenden Tagen nach Berlin kommen. Laut Bürgermeister Müller könnten es mehrere Hundert in den nächsten Tagen sein. Aber zu sehen ist, dass immer mehr Institutionen und Unternehmen das Gefühl einer Verantwortung entwickeln. Neben der Humboldt-Universität prüfen inzwischen auch weitere Hochschulen Angebote für Flüchtlinge. Die Technische Universität (TU) plane ein spezielles Programm, teilte eine Sprecherin mit. Es richte sich an Asylsuchende mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus, die in ihrer Heimat studierberechtigt seien, ein Studium angefangen oder absolviert hätten. Der Landesportbund veröffentlichte eine Liste mit Sportangeboten für Flüchtlinge. Und die Berliner Verkehrsbetriebe planen nach Morgenpost-Informationen, einen Fahrplan mit Übersetzungen zu erstellen und zu verteilen.

Am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Moabit wird am frühen Donnerstagmorgen deutlich, dass am Vorabend wieder neue Flüchtlinge in Berlin angekommen sind. Bereits um drei Uhr morgens sind sie gekommen, um sich zu registrieren. Helfer der Caritas wappnen sich bereits für die sinkenden Temperaturen. „Warme Kleidung haben wir genug“, sagt Mitarbeiterin Christina Busch, „wir müssen sie jetzt herschaffen und verteilen.“ Die Lage entspanne sich so langsam, „vor zwei Wochen war sie noch desolat.“

( mit dpa )

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