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Euro-Krise - die größte Angst der Deutschen

| Lesedauer: 5 Minuten
Julia Emmrich

Studie: Die Bürger fürchten sich zunehmend auch vor den Folgen des Asylbewerberzustroms

BerliN. Die Deutschen sehen mit Sorge auf die wachsende Zahl von Flüchtlingen: Jeder zweite Bundesbürger hat große Angst davor, dass die steigenden Asylbewerberzahlen Bürger, Politiker und Behörden überfordern und zu Spannungen im Alltag führen. Weit verbreitet ist auch die Sorge vor politischem Extremismus. Grundsätzlich aber, das zeigt die neue Auswertung der Langzeitstudie „Die Ängste der Deutschen“, ist die Gemütslage der Bundesbürger im Vergleich zu früheren Jahren eher gelassen. „Die Deutschen sind ein Volk, das nach Sicherheit strebt, aber kein Volk von Angsthasen“, sagt der Heidelberger Politikwissenschaftler Manfred G. Schmidt.

Noch größer als die Angst vor einer Überlastung durch die Flüchtlingsströme ist die Angst vor Naturkatastrophen, Terrorismus und den Kosten der Euro-Schuldenkrise. „Bedrohungen von außen jagen den Deutschen in diesem Jahr die meiste Angst ein“, sagt Studienleiterin Rita Jakli. Seit 24 Jahren fragt die R&V-Versicherung nach den Ängsten der Deutschen. In diesem Jahr wurden rund 2400 Bundesbürger über 14 Jahren befragt – am Donnerstag wurden die Ergebnisse in Berlin vorgestellt.

Deutschland steht wirtschaftlich besser da als seine Nachbarn

Zum Zeitpunkt der Umfrage rechnete die Bundesregierung noch mit höchstens 400.000 Flüchtlingen. Würde man die Deutschen jetzt noch einmal fragen, sei der Anteil der Beunruhigten sicher „deutlich größer“, so Schmidt. Die Menschen wüssten genau, dass Deutschland wirtschaftlich besser dasteht als seine europäischen Nachbarn – aber sie registrierten auch sorgsam die Nachrichtenlage im In- und Ausland. Sollten die Flüchtlingszahlen weiter steigen, rechnet Schmidt mit „schweren Verteilungskonflikten“ zwischen den neuen Zuwanderern und denjenigen Einheimischen, die heute schon in prekären Jobs arbeiten, wenig Geld verdienen und Angst haben, ihren Status zu verschlechtern. „Da gibt es ein erhebliches Konfliktpotenzial.“ In den neuen Bundesländern hätten bereits jetzt viele Bürger den Eindruck, keinen gerechten Anteil am Wohlstand des Landes zu haben. „Für diese Gruppe ist Zuwanderung eine Zumutung.“ Laut Ängste-Studie fürchten die Ostdeutschen deutlich stärker als die Westdeutschen, dass die hohen Asylbewerberzahlen das Land überfordern.

Insgesamt aber sind die Deutschen in diesem Jahr so gelassen wie selten: Das Angstniveau ist niedrig – was auch daran liegt, dass wirtschaftliche Sorgen den wenigsten Deutschen den Schlaf rauben. Die Angst vor Arbeitslosigkeit und steigenden Lebenshaltungskosten ist deutlich zurückgegangen. Die deutsche Wirtschaft ist stabil und sorgt für ein dickes Sicherheitspolster im nationalen Angsthaushalt. Doch die Deutschen sind nicht naiv: Zwei Drittel der Bundesbürger haben große Angst, dass die deutschen Steuerzahler die Zeche für die EU-Schuldenkrise zahlen müssen. „Griechenland sitzt allen im Nacken“, sagt Schmidt.

Neben der Sorge um den Zusammenhalt der Gesellschaft ist auch die Angst vor Terrorismus und einem Krieg mit deutscher Beteiligung stark angestiegen: Vor allem die Ukraine-Krise und der Vormarsch der Terrormilizen des „Islamischen Staates“ hätten die Kriegsangst bei den „prinzipiell pazifistisch“ eingestellten Deutschen wachsen lassen, so Schmidt.

Berliner unter denoptimistischsten Deutschen

Die neue Furcht vor Anschlägen sei auch deshalb so groß, weil viele Deutsche erschüttert seien vom Tempo und vom Ausmaß der Gewalt, mit dem die IS-Terrortruppen vorrücken oder islamistische Selbstmordattentäter nach Europa drängen. „Viele haben das Gefühl, dass der Nahe Osten näher an Deutschland heranrückt.“

Besorgt verfolgen die Deutschen auch die Wetternachrichten: Die Angst vor Naturkatastrophen war noch nie so hoch wie in diesem Jahr, die Zunahme von Starkregen, Hagelstürmen und Überschwemmungen beunruhigt die Deutschen mehr als fast alle anderen Bedrohungen. Seit Jahren groß ist daneben die Sorge, schwer zu erkranken oder im Alter zum Pflegefall zu werden. Rund jeder Vierte fürchtet sich zudem davor, als Rentner seinen gewohnten Lebensstandard zu verlieren.

Begründete Sorgen statt kurzatmige Hysterie – so lässt sich der Angsthaushalt der Deutschen bilanzieren. Jeder Vierte hat große Angst vor Straftaten – das ist nicht mehr und nicht weniger als im letzten Jahr. Leicht geschrumpft ist die Sorge, dass die eigenen Kinder drogensüchtig werden könnten. Insgesamt gehören in diesem Jahr die Hamburger und Berliner zu den optimistischsten Deutschen – die Menschen an Rhein und Ruhr dagegen liegen zusammen mit Bayern auf Platz vier der ängstlichsten Deutschen.

In einem Punkt sind die Bundesbürger sogar deutlich blauäugiger als die Erfahrung lehren sollte: So fürchten nur 15 Prozent, dass ihre Partnerschaft zerbrechen könnte – angesichts einer nach wie vor hohen Scheidungsrate eine äußerst romantische Hoffnung.

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