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Und ewig lockt die Disco

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Profis lieben sie, die Vereine sehen Länderspiele mit gemischten Gefühlen

Anfang September ist traditionell Länderspiel-Zeit. Auch in Berlin. Der Arbeitgeber verfolgt die Angelegenheit mit gemischten Gefühlen. Wenn Herthaner bei einer EM oder WM für Furore sorgen, werfen die Erfolge auch ein positives Licht auf den Heimatverein. So geschehen bei Arne Friedrich, der im spektakulären WM-Viertelfinale 2010 gegen Argentinien beim 4:0 sein einziges Länderspiel-Tor erzielte. Oder bei Salomon Kalou, der im Februar diesen Jahres beim Sieg im Endspiel um den Afrika Cup im Elfmeterschießen gegen Ghana einen Strafstoß verwandelte.

Diesen Höhepunkten stehen Unwägbarkeiten gegenüber. So tritt Kalou aktuell mit der Elfenbeinküste in Sierra Leone an. In jenem Land war im Vorjahr die Ebola-Epidemie besonders verbreitet. Bei Hertha sind alle froh, wenn der Torjäger wieder wohlbehalten in Berlin landet. Überhaupt das Klima, die Interkontinental-Flüge und die Entfernungen. Im September 2010 brach Hektik aus bei Hertha. Via Internet war zunächst nur zu erfahren, dass Adrian Ramos bei einem Länderspiel mit Kolumbien in Venezuela auf dem Platz kollabiert und ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Die Rede war von Brustschmerzen, Atemproblemen. Aber es gab über Stunden keine konkreten Informationen. Am Ende stellte sich heraus, dass Ramos, Toptorjäger bei Hertha, wegen drückender Schwüle in Verbindung mit Unterzuckerung einen Kreislaufzusammenbruch hatte.

Grundsätzlich profitieren die Vereine von den internationale Erfahrungen der Spieler. Und die Profis lieben Länderspiele: Abwechslung vom Liga-Alltag, andere Kollegen. Und die Ehre, das Heimatland vertreten zu dürfen. Wobei es dort ein natürliches Spannungsfeld zwischen den Interessen des Arbeitgebers und dem der Nationaltrainer gibt. Exemplarisch zu sehen bei Hertha im März diesen Jahres. Als Heimtrainer Pal Dardai den gerade von einer Verletzung zurückgekommenen Änis Ben-Hatira dringend bat, auf seine Reisen ans andere Ende der Welt zu verzichten. Ben-Hatira sah das anders und flog mit Tunesien nach Asien. Das Ende der Geschichte: ­Ben-Hatira verletzte sich in China erneut und hat die Blessur bis heute, fünf Monate, immer noch nicht überwunden.

Bei den Klubs schwingt stets die Sorge mit, dass die hoch bezahlten Profis bitte gesund zurückkehren mögen. Den Extremfall, wie es schlecht laufen kann, hat Christian Müller durchlitten. Das Supertalent von Hertha hatte 2004 gerade eine Handvoll Bundesliga-Einsätze gemacht. Die Fans liebten den „krassen Chris“. Die Nationalmannschaft rief, in Cottbus kam Müller zu seinem ersten und wie sich herausstellen sollte, einzigen U21-Länderspiel. Müller zog sich einen gravierenden Schein- und Wadenbeinbruch zu, wurde vom Stadion weg mit dem Hubschrauber in eine Spezialklinik geflogen. Eine Verletzung, von der sich Müller nie wirklich erholt hat.

Grundsätzlich wird nicht überall so akribisch gearbeitet wie beim Deutschen Fußball-Bund unter Bundestrainer Joachim Löw. Unvergessen sind die Probleme, die regelmäßig Marko Pantelic plagten. Eine zehntägige Länderspiel-Reise genügt, und der exzentrische Stürmer kam zurück mit fünf Kilo Übergewicht. Als Friedhelm Funkel, 2008/09 als Hertha-Trainer im Amt, rügte, bei einigen Nationalmannschaften würde mehr Kaffee getrunken als trainiert, gab es einen Aufschrei der ­Empörung in den Medien jener Länder.

Dabei hatte es Funkel moderat ausgedrückt. Es gab Zeiten, da galten Länderspiel-Reisen in den Südosten Europas als Synonyme für: Da erleben Profis, was jungen Männern Spaß macht.

So glaubte Andrey Voronin ­niemand dessen Behauptung, als er mit einem Veilchen und zugeschwollenem Auge von einer Länderspiel-Reise aus der Ukraine zu Hertha zurückkehrte: Er sei auf der Gangway am Flugzeug aus­gerutscht und blöd gestürzt. Dafür hatte sich Voronin in Berlin schon viel zu sehr den Ruf als Hardcore-Diskotheken-Besucher erarbeitet, der keinem Händel aus dem Weg geht.

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