Das Schicksal des dreijährigen Aylan erschüttert Menschen weltweit. Und zeigt, wie dringend die Politik handeln muss. Seine Geschichte

Ein Foto geht um die Welt

Berlin.  Aylan Kurdi, drei Jahre alt, sein Bruder Galip, fünf, seine Mutter Rehan und acht andere Flüchtlinge starben bei dem Versuch mit einem Boot von der Türkei die griechische Insel Kos zu erreichen. Ursprünglich kam die Familie aus Kobane, Sryrien.

Ihre Körper wurden am Mittwoch an die Küste Bodrums gespült. Das Bild von Aylan, dem Jüngsten, wie er leblos am Strand liegt, ging in den vergangenen zwei Tagen um die Welt. Es löst Bestürzung, Verzweiflung, Trauer und Ärger aus. Die Diskussion darüber, ob das Foto gezeigt werden darf, wird geführt. Die meisten englischen Zeitungen wiederum brachten es auf ihren Titeln wie „The Independent“ mit der Zeile „Somebody’s Child“.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hält die Veröffentlichung für richtig. „Einige sagen, das Foto sei zu anstößig, um es online zu teilen oder in unseren Zeitungen abzudrucken, aber ich finde es vielmehr anstößig, dass an unseren Küsten ertrunkene Kinder angespült werden, wenn wir mehr hätten tun können, um ihren Tod zu verhindern“, erklärte der Direktor der Organisation für Kriseneinsätze, Peter Bouckaert.

Er sagte, es sei falsch, die Eltern dafür zu verurteilen, dass sie ihre Kinder auf der Flucht so einer großen Gefahr aussetzten. Schließlich hätten viele dieser Menschen in Syrien Gräueltaten mitansehen müssen. Es sei daher nur verständlich, wenn die Eltern versuchten, ihre Kinder an einen sicheren Ort zu bringen, wo sie auf ein besseres Leben hoffen könnten. „Diese Eltern sind Helden“, stellte der HRW-Direktor fest.

Der Vater und die Fotografin

Abdullah Kurdi ist der Vater dieses Kindes. Am Donnerstag hat er dem oppositionellen syrischen Radiosender Rosana FM ein Telefon-Interview gegeben und darin den Tod seiner Familie geschildert: Das Boot sei auf der Fahrt bei hohem Wellengang gekentert. „Ich half meinen Söhnen und meiner Frau und versuchte über eine Stunde lang, mich am gekenterten Boot festzuhalten. Meine Söhne lebten da noch. Mein erster Sohn starb in den Wellen, ich musste ihn loslassen, um den anderen zu retten.“ Weinend erzählte er, dass trotz seiner Bemühungen auch der andere Sohn gestorben sei. Als er sich dann um seine Ehefrau habe kümmern wollen, habe er sie nur noch tot gefunden. „Danach war ich drei Stunden im Wasser, bis die Küstenwache kam und mich rettete.“ Er habe den Schleusern 4000 Euro für die Überfahrt seiner Familie gezahlt. Der Menschenschmuggler an Bord sei nach Beginn des hohen Wellengangs ins Wasser gesprungen, um sich in Sicherheit zu bringen, und habe die Flüchtlinge allein gelassen.

Ursprünglich wollte die Familie nach Kanada, dort lebt die Schwester des Vaters seit 20 Jahren. Der Zeitung „Ottawa Citizen“ sagte Teema Kurdi, dass die Familie weder in der Türkei Ausreise-Visa erhalten habe, noch habe die UN sie als Flüchtlinge anerkannt. „Ich habe versucht für sie zu bürgen und zu bezahlen. Nachbarn und Freunde halfen mit Bank-Einlagen, aber wir konnten sie nicht rauskriegen, deswegen sind sie auf das Boot gestiegen.“

Am Mittwochmorgen um 6 Uhr fand die Fotografin Nilüfer Demir den Jungen an der Küste von Bodrum. Sie arbeitet für die Nachrichtenagentur DHA, seit 2003 porträtiert sie Flüchtlinge und berichtet von der Situation an der Küste. Dem türkischen TV-Sender Hurriyet erzählte sie, wie sie den Moment erlebt hat. „Als ich den dreijährigen Aylan Kurdi gesehen habe, gefror mir das Blut in den Adern. Er lag mit seinem roten T-Shirt und seinen blauen Shorts, halb bis zum Bauch hochgerutscht, leblos am Boden. Ich konnte nichts für ihn tun. Das einzige, was ich tun konnte, war, seinem Schrei – dem Schrei seines am Boden liegenden Körpers – Gehör zu verschaffen. Ich dachte, das könnte ich nur schaffen, indem ich den Abzug betätigte.“ Dann habe sie das Foto geschossen. Hundert Meter weiter lag sein Bruder Galip. Zu ihm sei sie danach gegangen. Bei keinem von beiden, auch nicht bei der 150 Meter weiter liegenden Mutter konnte man Schwimmwesten, Schwimmflügel, etwas, was sie über Wasser hätte halten können, entdecken.

Der Branchendienst meedia.de erklärt, dass Demirs Foto einen „medialen Wendepunkt“ beschreibt. Denn jeder Krieg, jede Krise oder Weltereignis habe sein Symbolfoto, so wie der 11. September und der Vietnamkrieg: Kim Phuc, die als „Napalm-Mädchen“ bekannt wurde lief am 8. Juni 1972 nackt und schreiend vor einem US-amerikanischen Bombenangriff weg, als sie der US-Fotograf Nick Ut fotografierte. Am nächsten Tag erschien es auf der Titelseite der „New York Times“. Der Einfluss auf die Stimmung der US-Gesellschaft war immens. „Ich glaube, dass diese Fotos einen enormen Beitrag dazu leisteten, den Krieg in Vietnam zu beenden“, hat der vietnamesische Staatspräsident Truong Tan Sang zuletzt im Juni bei einer Foto-Ausstellung gesagt. Der Fotograf Nick Ut erhielt für „Napalm Girl“ 1973 einen Pulitzer-Preis und wurde in Vietnam berühmt.

Das Schicksal des Jungen steht ebenfalls für Millionen von Kindern, die auf der Flucht vom Tod bedroht sind. Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks UNICEF ist von den weltweit 60 Millionen Menschen, die auf der Flucht sind, jeder zweite unter 18. Auch von den vier Millionen syrischen Flüchtlingen ist die Hälfte ein Jugendlicher oder ein Kind.

Im Fall des ertrunkenen Jungen Aylan und elf weiterer Flüchtlinge hat die türkische Polizei vier mutmaßliche syrische Schleuser festgenommen.

Aylans Vater möchte seine Familie nun möglichst bald in seiner Heimat Kobane beerdigen.

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