Seit Montag erreichen Tausende Menschen Deutschland. München zeigt, was Toleranz bedeutet – und hilft

Endstation München – vorerst

| Lesedauer: 8 Minuten
Diana Zinkler

München/Budapest.  Es sind die einfachen Dinge, die dringend gebraucht werden: Windeln, Wasser ohne Kohlensäure und Sonnenhüte. Denn am Dienstag sind es in München zur Mittagszeit 31 Grad. Und am Hauptbahnhof herrscht ein absoluter Ausnahmezustand. Die Polizei hatte die Münchner am Morgen dazu aufgerufen, den vielen Flüchtlingen, die aus Ungarn ankommen, zu helfen. 2500 sind es allein an diesem Tag. Auf der Internetseite Twitter bittet die Polizei: „Jeder, der gerne helfen möchte, ist herzlich willkommen.“ Und die Münchner kommen. Bürogemeinschaften, die Geld spenden, Angestellte, die frei haben und einfach mal drei Einkaufswagen Lebensmittel vom Discounter vorbeifahren. Kurz vor 15 Uhr twittert die Polizei wieder: „Wir sind überwältigt von den vielen Hilfsgütern der #Münchner für die #Flüchtlinge am Hbf. Bitten euch aktuell keine Sachen mehr zu bringen.“

An diesem Dienstag zeigen die Münchner dem Rest von Deutschland und Europa, wie man Flüchtlinge willkommen heißt. Die Feuerwehr hat Lüfter gegen die Hitze aufgestellt. Die Polizei verteilt Schokoriegel an die Menschen, die schon seit Wochen unterwegs sind. Die meisten kommen aus Syrien, Afghanistan, Pakistan und Albanien. Rund 60 Beamte sind am Münchner Hauptbahnhof im Einsatz, aber auch viele freiwillige Helfer. Wie eine Gruppe junger Münchner, die sich sonst bei Anti-Pegida-Demonstrationen versammeln und die nicht immer einer Meinung mit der Münchner Polizei sind. Heute ist das anders. Einer von ihnen sagt, wie „geil“ die Zusammenarbeit mit der Polizei funktioniere.

Mit einer Tüte nach Deutschland

Die freiwilligen Helfer sind damit beschäftigt, Wasser an die Menschen zu verteilen, von denen die meisten nur mit einer Tasche, einem Rucksack oder einer Plastiktüte nach Deutschland gekommen sind. „So was hat es in München noch nicht gegeben“, sagt der 20-jährige Andreas Duchmann, auch er hilft. Er meint damit aber nicht nur die Flüchtlinge auf dem Bahnhofsvorplatz, die warten, dass es für sie irgendwie weitergeht und dieses neue Leben beginnt, auf das sie in ihrer Heimat so hofften, er meint auch die Münchner, die zur Unterstützung da sind.

Der Grund für die vielen Flüchtlinge in München war ein zeitweiliger Stopp der Polizeikontrollen am Budapester Ostbahnhof am Montag. Für mehrere Stunden gab es keine Beamten an den Gleisen. Der Zugang zu den Zügen nach Österreich und Deutschland war frei. Die Kontrollen sollen sonst verhindern, dass visumpflichtige Reisende ohne gültiges Visum für Österreich oder Deutschland an Bord der internationalen Züge gelangen.

Schon seit einigen Tagen aber campieren zwischen 2000 und 3000 Flüchtlinge am und in der Nähe des Budapester Hauptbahnhofs. Am Dienstag sind es wieder Tausende, die immer wieder „Germany, Germany“ oder „Merkel, Merkel“ skandieren. Denn die ungarischen Sicherheitskräfte haben den Bahnhof wieder gesperrt und lassen nur noch europäische Reisende hinein. Viele Flüchtlinge sind verzweifelt und können nicht glauben, dass ihre weite Reise jetzt in Ungarn zu Ende sein soll. Keiner der Flüchtlinge wird durchgelassen. Am Nachmittag rufen sie auch „UN, UN, UN“ und hoffen auf Hilfe der Vereinten Nationen.

In der „Transitzone“ neben dem Ostbahnhof warten nach Angaben von Helfern und Aktivisten 1500 bis 2000 Flüchtlinge auf die Weiterreise nach Deutschland. Es kommt zu kleineren Tumulten. Die Stimmung ist unruhig. Und auch im österreichischen Salzburg warten am Dienstag 800 Flüchtlinge auf die Weiterfahrt nach Deutschland, in Wien sind es 500.

Zur gleichen Zeit fordert Bayerns Sozialministerin Emilia Müller (CSU) wegen der dramatisch steigenden Asylbewerberzahlen dringend die Hilfe aller anderen Bundesländer. „Bayern kann das alleine nicht mehr schaffen“, sagt die Ministerin.

Und auch die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) fordert die EU-Kommission zum Handeln auf: Europa brauche eine gemeinsame Asylpolitik – mit Registrierungszentren für Flüchtlinge in Griechenland und Italien, einer einheitlichen Einstufung sicherer Herkunftsländer und einer fairen Verteilung von Asylbewerbern auf alle 28 EU-Mitgliedsstaaten.

Nach der Dublin-Verordnung ist eigentlich derjenige Mitgliedsstaat für das Verfahren eines Asylbewerbers zuständig, in dem dieser erstmals europäischen Boden betreten hat.

Ein Großteil der 800.000 Migranten, die Deutschland noch bis zum Ende des Jahres erwartet, kommt aus den Kriegsgebieten Syriens und Nordiraks sowie aus Diktaturen wie Eritrea. Rund 40 Prozent stammen aber auch vom Balkan und haben wenig Chancen auf ein Bleiberecht in der Europäischen Union. Speziell für sie eröffnete Bayern am Dienstag das bundesweit erste Aufnahmezentrum für Balkan-Flüchtlinge. In einer ehemaligen Kaserne am Rande von Manching bei Ingolstadt sollen künftig 500 Flüchtlinge aus Südosteuropa untergebracht werden. Ihre Asylverfahren sollen in sechs Wochen beschleunigt abgewickelt werden, damit die Menschen dann zügig zurück in ihre Heimatländer abgeschoben werden können.

Dramatisch ist die Lage auch in Griechenland: Nach vorläufigen Daten der EU-Grenzschutzagentur Frontex trafen dort allein vergangene Woche mehr als 23.000 Bootsflüchtlinge ein. Auf der Ostägäisinsel Lesbos harren laut der Küstenwache mehr als 15.000 Flüchtlinge aus – und jeden Tag kommen Hunderte hinzu. An der ungarisch-serbischen Grenze wiederum kamen laut Frontex in der vergangenen Woche schätzungsweise 9400 Flüchtlinge an.

Dem Terror entkommen

In München sind viele Flüchtlinge ihrem Ziel schon viel näher. In Schlangen warten sie darauf, dass Busse sie in Erstaufnahmeeinrichtungen in München oder anderswo in Bayern fahren. Viele Familien mit kleinen Kindern sind darunter. In der Schlange steht auch der 58-jährige Syrer Naman Kanjo. Warum er sein Heimatland verlassen habe und nach München gekommen sei? „Aber das wissen Sie doch“, sagt er in nahezu fließendem Deutsch. „Muss ich das wirklich erklären?“ Er habe in dem von Bürgerkrieg und IS-Terror zerfressenen Land nicht mehr leben können.

Einen Monat habe er von Syrien bis zum Münchner Hauptbahnhof gebraucht – und auf der Flucht seinen Sohn und seine vier Enkel verloren. „Ein Boot haben sie durchgelassen, das andere wurde abgefangen“, sagt er über ihre Ankunft in Griechenland. Aber er wisse, dass die Kinder in Deutschland seien. Kanjo hofft, sie bald zu finden. Warum er so gut Deutsch spreche? „Weil ich Deutschland liebe.“ Er sei schon öfter hier gewesen.

Um den Menschen Waschmöglichkeiten zu geben, legt die Feuerwehr am Dienstagmorgen eine Wasserleitung. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hat Sonnenschirme organisiert und Kisten mit Bananen. „Es läuft alles hier einen sehr geregelten Gang“, sagt er. „Ich kümmere mich hier vor Ort, weil es meine Stadt ist, mein Hauptbahnhof, und weil es hier um Menschen geht. Das darf man in der ganzen Debatte nie vergessen.“

Auch wenn das die ganz große Mehrheit der Münchner so zu sehen scheint, es gibt auch andere Szenen am Bahnhof: Eine Handvoll Neonazis stellt sich am Montagabend breitbeinig ans Gleis, um Flüchtlinge zu „empfangen“. Ein älteres deutsches Ehepaar steigt verärgert aus dem Zug aus Budapest und fordert einen Fotografen auf, nicht nur die Flüchtlinge zu fotografieren, sondern auch den Müll, den sie hinterlassen hätten. Das Paar ist empört: „Wegen denen mussten wir eine halbe Stunde in Rosenheim warten.“

( mit dpa )

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