Joachim Gauck schaut sich in der Nähe seiner Dienstvilla ein Asylbewerberheim an – und verurteilt ausländerfeindliche „Hetzer“.

Auf Nachbarschaftsbesuch

Berlin. Die Kameras sind aufgebaut, Menschen stehen an den Fenstern und schauen auf den Innenhof, Journalisten reden mit Flüchtlingen. Jetzt muss eigentlich nur noch der berühmte Nachbar auftauchen, der seinen Besuch angekündigt hat.

Joachim Gauck wird das Flüchtlingsheim im alten Rathaus von Berlin-Wilmersdorf besuchen. Die Dienstvilla des Bundespräsidenten liegt in Dahlem. Gauck kommt gerade aus dem Urlaub zurück, er war vier Wochen an der Ostsee, dort verbringt er immer seine Sommerferien. Der Bundespräsident wollte nach den Ereignissen von Heidenau sofort ein Zeichen setzen: gegen die ausländerfeindlichen Randalierer, die sich an zwei Nächten am Wochenende in der Kleinstadt bei Dresden Straßenschlachten mit den Polizisten lieferten, die ein Flüchtlingsheim sichern sollten. Es flogen Flaschen, Steine, Böller.

Gauck kommt, und es entsteht sofort großes Gedränge. Der Bundespräsident geht auf die Flüchtlinge zu, schüttelt Hände. Sein „Hallo“ wird ein bisschen höher und freundlicher, wenn er mit Kindern spricht. Dann redet er mit den Helfern vom Arbeiter-Samariter-Bund, fragt sie nach ihrem Antrieb. 563 Flüchtlinge sind in dem ehemaligen Rathaus untergebracht.

Detlef Kühn, stellvertretender Landesvorsitzender des Arbeiter-Samariter-Bundes und Leiter des Asylbewerberheimes, freut sich über den Besuch Gaucks. „Das ist eine besondere Wertschätzung.“ Dann ruft ein Fotograf, weil ein Flüchtling ihm die Sicht auf Gauck verdeckt: „Junger Mann, geh mal einen Schritt zur Seite.“ Und dann, als nichts passiert: „Das kann doch nicht wahr sein.“ Offenbar verstehen hier nicht alle, für wen der Präsident heute hierhergekommen ist.

Ein Satz, der bleiben wird

Doch schnell ist die Hektik verflogen. Gauck geht rein, will sich die Zimmer anschauen, auch die Arztkammer, Flüchtlinge und Journalisten müssen draußen bleiben. Nach seinem Besuch wird er deutliche Worte finden. Ein Satz ist lang und kompliziert, aber es steckt viel in ihm drin: „Es gibt ein helles Deutschland, das sich leuchtend darstellt gegenüber dem Dunkeldeutschland, das wir empfinden, wenn wir von Attacken auf Asylbewerberunterkünfte oder gar fremdenfeindlichen Aktionen gegen Menschen hören.“

Im Hof steht Hasan Biko und raucht eine Zigarette. Der Syrer empfindet den Besuch des Bundespräsidenten als großes Glück. „Jemand kümmert sich um uns“, sagt er. Sein Vater war Englischlehrer, also kann er die Sprache.

Hasan Biko, 44, kommt aus Yarmouk, südlich von Damaskus. Bei einem Angriff der Luftwaffe von Präsident Assad seien an einem Tag 630 Menschen gestorben, erzählt Biko. „Es ist einfach, in Syrien zu sterben.“ Die Polizei habe ihn ständig schikaniert. „Du wirst rumgeschoben wie eine Kuh.“ Er sagt, er habe keine Wahl gehabt. Er habe sein Land verlassen müssen.

Seine Flucht dauerte zehn Tage. Erst der Flug nach Ägypten, dann die sieben Tage auf dem Mittelmeer. 2000 US-Dollar hat er den Schleppern bezahlt. Es war nur ein kleines Fischerboot, vielleicht 16 Meter lang, darauf 250 Flüchtlinge. Sie hatten wenig Wasser, keine Toiletten, als zwischendurch ein Mann starb, warfen ihn die Schlepper ins Mittelmeer. Manchmal kamen Regen und Wind, Wasser schwappte in das Boot. „Ich dachte, ich werde auch sterben“, sagt Hasan Biko. „Ich dachte, dies ist das Ende.“ Von Italien ging es dann im Zug nach Deutschland. Er ist jetzt seit zwei Wochen im Flüchtlingsheim in Wilmersdorf.

Hasan Biko hat Schürfwunden auf der Nase. Doch die stammen nicht von der Flucht. Er ist beim Basketballspielen hingefallen. Biko freut sich, in Berlin zu sein, auch wenn seine Familie noch in Ägypten ist. Wenn er auf den Straßen unterwegs ist, würden die Deutschen nett und höflich mit ihm umgehen. Am wichtigsten ist aber etwas anderes: „Ich fühle mich sicher hier.“

Dann kommt der Bundespräsident von seinem Rundgang zurück, stellt sich vor die Kameras. Deutschland sei ein offenes und hilfsbereites Land. Er ist überzeugt davon, dass Rechtsextreme und Ausländerfeinde durch die große Mehrheit der hilfsbereiten Menschen isoliert werden. „Das ist die überdeutliche Antwort an Hetzer und Brandstifter, die das Angesicht unseres Landes verunzieren“, sagt der Bundespräsident. Gauck spricht die Ausländerfeinde direkt an: „Ihr repräsentiert uns nicht.“

Euer Schicksal ist uns nicht egal

Der Bundespräsident glaubt, dass Länder und Kommunen „Abläufe beschleunigen, vielleicht auch vereinfachen“ können. An die Flüchtlinge gewandt sagt er: „Es darf auch keine Anspruchshaltung entstehen.“ Im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsansturm spricht er von einem Notstand, „der aber noch nicht Notstand genannt werden darf“. Nach der Prognose der Bundesregierung werden dieses Jahr 800.000 Flüchtlinge Deutschland erreichen – der Bundespräsident spricht von einem „Massenansturm“.

Für Gauck, der auch schon mal öffentlich weint, ist es fast ein dezenter Auftritt. Er agiert mit erfreulich wenig Pathos, spricht die Probleme klar an, zeigt Zuversicht. Und gibt den Menschen damit das Signal: Eurer Schicksal ist uns nicht egal.

Vielleicht ist Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Flüchtlingskrise sogar froh, dass sie Joachim Gauck hat. Ursprünglich wollte sie ihn nicht als Bundespräsidenten. Merkel hielt ihn für einen Mann von gestern, der den Menschen zwar den Zweiten Weltkrieg erklären kann, aber nicht die Finanzkrise. Flüchtlinge hingegen kann Gauck. In seinen Weihnachtsansprachen arbeitet er das Thema gern heraus, in den vergangen Jahren hat er mehrfach Flüchtlingsunterkünfte besucht.

Wie so oft zieht Gauck auch noch eine historische Parallele. Seine Zuversicht speist sich auch aus der deutschen Geschichte: „Ich darf daran erinnern, dass Deutschland in schlimmeren Zeiten, als es bettelarm war, viel größere Herausforderungen hatte.“

Bei einer Gruppe Syrern ist gute Stimmung. Abdou, 28, hat ein Selfie mit dem Bundespräsidenten gemacht und online gestellt. „14 Likes in 5 Minuten“, übersetzt Hasan Biko. Dann fragt er, was Gauck gesagt hat. Als man es ihm kurz auf Englisch erzählt, lächelt er. „Sehr schön.“

Hasan Biko möchte in Deutschland leben, die Sprache lernen. In Syrien hat er als Fotograf gearbeitet, das würde er gern wieder tun. Seine Frau und die vier Kinder will er nachholen. Er wünscht sich, dass sie auf legalem Weg kommen können. Die Flucht in einem Boot über das Mittelmeer hält er für zu gefährlich. Am Ende sagt er noch einen Satz: „I will forget I am arab“ – er wird vergessen, dass er Araber ist.