Berlin

„Medizinische Versorgung für alle, egal welcher Status“

Berlin.  Überforderte Gesundheitsämter und Flüchtlinge, die Monate auf Tuberkulose-Tests warten. Ein „völliges Durcheinander“, beklagt Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery. Der öffentliche Gesundheitsdienst habe nicht genug Ressourcen für Krisenzeiten. Der Hamburger Radiologe und Präsident der Bundesärztekammer fordert eine Impfpflicht für alle und medizinische Eingreifteams für die Unterkünfte.

Berliner Morgenpost: Deutschland rechnet in diesem Jahr mit 800.000 Flüchtlingen. Viele sind verletzt, krank oder traumatisiert. Ist das deutsche Gesundheitssystem auf so viele Patienten vorbereitet?

Frank Ulrich Montgomery: Ja. Es wird für uns auf Dauer überhaupt kein Problem sein, auch diesen 800.000 Menschen eine gute medizinische Versorgung zukommen zu lassen. Aber natürlich knirscht es beim steilen Anstieg der Flüchtlingszahlen in diesem Sommer.

Bereits jetzt beklagen Amtsärzte ein Chaos bei der Erstversorgung in den Auffanglagern. Müssen Länder und Kommunen den öffentlichen Gesundheitsdienst aufstocken?

Es stimmt: In den Auffangeinrichtungen herrscht im Moment bei der medizinischen Versorgung völliges Durcheinander. Und es ist unerträglich, dass ein reiches Land wie Deutschland Leute drei Monate lang auf eine gesetzliche Untersuchung warten lässt, um die hoch riskante infektiöse Tuberkulose abzuklären. Der öffentliche Gesundheitsdienst ist für Nicht-Krisenzeiten ausgerichtet und hat nicht genug Ressourcen für Krisenzeiten. Wir brauchen deutlich mehr Amtsärzte und wir brauchen Eingreifteams. Das können niedergelassene Ärzte sein, Krankenhausärzte, aber auch Ärzte im Ruhestand. Jeder Flüchtling sollte innerhalb von drei Tagen einen Arzt sehen.

In einem Duisburger Flüchtlingsheim sind die Windpocken ausgebrochen, in Berlin waren es im Winter die Masern. Wie kann man solche Krankheitswellen verhindern?

Alle Flüchtlinge sollten sehr schnell geimpft werden – das ist heute schon die gesetzliche Vorgabe. Aber wenn die Menschen überhaupt keinen Arzt sehen, sehen sie auch keinen, der sie impft. Wir brauchen deshalb eine bessere Impfstrategie. Um bestimmte, gefährliche Krankheiten wie die Masern zu bekämpfen, trete ich für eine bundesweite Impfpflicht für alle ein.

Kranke Flüchtlinge bekommen nur eine Akutversorgung – mehr erlaubt das Asylbewerberleistungsgesetz nicht. Hilfsorganisationen kritisieren das. Zurecht?

Wir Ärzte kritisieren das auch. Ein Mindeststandard, der nur Akutkrankheiten beinhaltet, bedeutet, dass der Arzt einen deutschen Patienten prinzipiell anders behandeln muss als einen Flüchtling. Das ist für einen Arzt ethisch nicht hinnehmbar. Wir halten nichts von Leistungseinschränkungen für Asylbewerber. Wir sagen: Jeder Flüchtling, der in Deutschland registriert ist, muss eine ganz normale Versichertenkarte bekommen. Das heißt nicht, dass sie sich gleich ihr Gebiss luxuriös reparieren lassen – es heißt, dass sie einfach nur die gute ärztliche Versorgung bekommen, die auch jedem anderen hierzulande zukommt.

Wer soll das bezahlen?

Der Bund muss die Kosten tragen. Man kann doch nicht die Menschen erst ins Land lassen, um sie dann zu gettoisieren und ohne ärztliche Versorgung zu lassen, und dabei hoffen, dass sie dann wieder gehen. Das ist für unseren Rechtsstaat unwürdig.

Was würden Sie sagen, wenn es demnächst hieße: Asylbewerber, die keine Aussicht auf ein Bleiberecht haben, bekommen gar keine ärztliche Versorgung?

Medizinische Versorgung muss jeder bekommen – unabhängig von seinem Status.

In Hamburg und Bremen können Flüchtlinge mit einer Gesundheitskarte direkt zum Arzt gehen. Die anderen Länder warten lieber auf eine Bundesregelung zur Kassenkarte. Gesundheitsminister Gröhe arbeitet daran. Zu langsam?

Das dauert viel zu lange. Wir erleben hier ein weiteres Beispiel des unwürdigen Geschachers zwischen Land und Bund. Die Flüchtlingsflut ist eine Gemeinschaftsaufgabe.