Politik

Willkommen im Dickicht der Städte

Wer die Langeweileeines Ferienparadieses überstanden hat, sehnt sich nach Metropolen

Urlaub am Lago Maggiore. Die Berge, der See. Träge Tage, die ineinanderfließen, als wäre man aus der Welt gefallen. Und dann die Rückkehr in die Stadt. Nach Berlin ausgerechnet. Wieso freut man sich darauf?

Nicht nur deshalb, weil es in Berlin bessere italienische Restaurants und besseren italienischen Wein gibt. Als Tourist wird man abgezockt, das gehört dazu. Nicht nur deshalb, weil, wie George Bernard Shaw sagte, der ewige Urlaub eine gute Arbeitsdefinition der Hölle darstellt. Auch in Italien gibt es Wlan, kann man jede Stunde seine Mails checken. Nicht deshalb, weil man darauf brennt, sich in den publizistischen Streit über Asylanten und deutsche Rechtsextremisten zu stürzen. Es gibt interessantere Themen, zum Beispiel die Frage, ob wir in einem Universum oder einem Multiversum leben.

Und doch berühren die Auseinandersetzungen um Fremde im Land den Kern dessen, was einem am idyllischen See gefehlt hat und worauf man sich in Berlin freut. Nach der Landung in Tegel beschließt man, mit den „Öffentlichen“ nach Hause zu fahren. Auf dem U-Bahnhof in Moabit jault arabische Musik aus einem Smartphone, kommen einem drei kichernde türkische Freundinnen entgegen. In der Bahn die Begegnung mit all den Leuten, die man am Lago nie sieht: Bettler, alleinerziehende Mütter aus dem Prekariat, Schwarzarbeiter aus der Ukraine, einsame Alte. Inklusion pur. Und man denkt: Ja, das ist meine Stadt. Hier tobt das Leben. Hier ist das Multiversum.

Die Ängstlichen, die sich um den Tod der abendländischen Kultur und der deutschen Besonderheiten Sorgen machen, die das Verschwinden des Eigenen im multikulturellen Mischmasch der Großstadt befürchten, begreifen nicht, dass für den Großstädter gerade in diesem scheinbaren Chaos auch das Eigene, Besondere, das geradezu Anheimelnde lebt, dass sich das Liebenswerte an der Kultur gerade in diesem Mischmasch behauptet. Es war sicher ein Zufall, dass bei jener ersten U-Bahnfahrt nach dem Urlaub ausgerechnet ein junger Mann mit sichtbarem Migrationshintergrund aufstand, um einem alten Mann seinen Sitzplatz anzubieten.

Ein Freund, dessen Ehefrau aus Asien stammt, erzählt von bösen Blicken und Schlimmerem. In den Ostteil der Stadt gingen sie ungern, sagt er. In Amerika sei das anders gewesen. Nun denkt man, sagt es aber nicht: Und wenn die Frau schwarz gewesen wäre? Die multikulturelle, multiethnische Gesellschaft ist weder hier noch dort jener harmonisch bunte Jahrmarkt, den sich deren Ideologen herbeifantasieren. Sie ist eine Gesellschaft der Konflikte, wie jede moderne Gesellschaft. Klassen bekämpfen sich und Rassen, Stämme, Religionen und Ideologien. Die Wärmestube der Gemeinschaft gibt es in der modernen Welt nicht mehr. Und der Großstädter denkt sich: Gut so. Her mit den Konflikten. Halten wir sie aus.

Der große englische Romancier Anthony Burgess, der als junger Mann Kolonialbeamter gewesen war, sprach in den 70er-Jahren von der Sehnsucht der Briten nach den Farben und Gerüchen des Orients und davon, dass diese Sehnsucht nach dem Zusammenbruch des Empires gestillt werde durch die Zuwanderung aus Pakistan und Uganda und den anderen früheren Kolonien.

Dabei ist Berlin immer noch behäbig, verglichen mit New York oder London. In den breiten Boulevards von Charlottenburg oder Wilmersdorf, von den Villenvororten Zehlendorf oder Lichterfelde ganz zu schweigen, kann man sich beinahe vorstellen, immer noch in der gut-bösen alten West-Berliner Zeit zu leben. Man darf sich allerdings nicht die Immobilienpreise ansehen, die als zuverlässige Barometer der Stadtentwicklung auch hier das Ende der Behäbigkeit ankündigen.

Idylle ist was für den Urlaub, und auch dort nur, wenn man die Augen zukneift. Das Heimatgefühl des Großstädters sehnt sich schon nach wenigen Wochen in Arkadien nach Graffiti und Geschäften, nach Dönerläden, Basecaps und Leuten mit Bierflaschen im Bus, nach Stau und dem Geruch von Autoabgasen, nach lauter Musik, bunten Gesichtern und Gewändern, nach Babylon und allem, was dazugehört. Abraham verließ die Städte der Ebene seiner Zeit und zog in die Wüste. Bewundernswert. Unsereiner bleibt.