Duisburg

Wo Kinder auf Autos trampeln und Gewalt zum Alltag gehört

Duisburg-Marxloh droht zur „No-Go-Area“ zu werden. Heute besucht Bundeskanzlerin Angela Merkel das Problemviertel

Duisburg.  Die Kinderschuhe beginnen zu hüpfen und das Autodach poltert im Takt. Die Füße des Jungen stempeln braune Flecken auf die polierte Fläche. Ein Mädchen klettert auf allen Vieren über die Heckscheibe nach oben. Ein Dreijähriger wetzt einen Spielzeugbagger über die Motorhaube. Duisburg-Marxloh, Henriettenstraße. Eine Szene zwischen tristen Fassaden, Eck-Kiosk und leerstehenden Geschäften.

Marxloh. 16 Prozent Arbeitslosigkeit. 19.000 Einwohner. 64 Prozent davon mit ausländischen Wurzeln. Verwahrloste Familien, Straßenkriminalität, Gewaltexzesse, überforderte Behörden: Ein Viertel, das zu den Ärmsten in Deutschland zählt. Die Polizei warnt vor rechtsfreien Räumen. Am heutigen Dienstag will sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ein Bild machen. „Gut leben in Deutschland“ lautet der Titel ihres Bürgerdialogs. 50 bis 60 Bewohner sind geladen. Ausgewählte Gäste, ebenso vorsortiert wie die Fragen an die Kanzlerin, vermuten die Anwohner. Selbst für die krisenerfahrene Kanzlerin ist Marxloh keine einfache Aufgabe. Angesprochen auf Berichte, wonach Banden und Familienclans Straßenzüge in Marxloh im Griff haben, sagte sie im Vorfeld ihres Besuches: „Es ist ein dickes Brett, das wir da zu bohren haben.“

Der August-Bebel-Platz liegt mitten im Viertel. Berufsschüler lungern auf einer Treppe. Ein Streifenwagen rollt um die Ecke, das Grüppchen johlt. Ein Schüler übertönt die anderen mit einer Schimpftirade gegen die Polizei. Peter Cox lässt das kalt. Er ist Gewerkschaftssprecher und Polizist in der Polizeiwache im Stadtteil Hamborn, die auch für Marxloh zuständig ist. In manche Straßen Marxlohs trauen sich die Ordnungshüter nur noch mit Verstärkung. Banale Auffahrunfälle nehmen die Beamten seit einiger Zeit sicherheitshalber im Geschwader mit mehreren Streifenwagen auf. Allzu oft wurden sie in Unterzahl von einem aggressiven Mob umringt, bespuckt und bedroht, berichtet Cox. In diesem Sommer geriet das Viertel noch tiefer in eine Spirale der Gewalt. Familienclans beanspruchen Straßenzüge für sich. Bürger wagen sich nachts kaum mehr nach draußen.

Familienclans herrschen

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) warnt vor „No-Go-Areas“ in Essen, Dortmund und Duisburg. Seit wenigen Wochen verstärkt eine Hundertschaft die Polizei, um Marxloh abends sicherer zu machen. Straßenkreuzungen sind unsichtbare Grenzen zwischen ethnischen Gruppen. Anwohner sprechen von „der“ Straße der Kurden oder „der“ Straße der Rumänen. Eine Gruppe steht unter besonderer Beobachtung: libanesische Großfamilien, denen kriminelle Machenschaften angelastet werden.

Bis in die 70er-Jahre war Marxloh eine beliebte Einkaufs- und Wohngegend. Deutsche und Gastarbeiter lebten hier und arbeiteten zusammen in den Werken. Dann brach die Stahlindustrie ein, Tausende verloren ihre Jobs. Junge und besser ausgebildete Arbeitskräfte verließen das Viertel. Durch den Massenabzug fielen die Immobilienpreise. Es blieben die weniger kaufkräftigen Bewohner und Migranten.

Bürgerinitiativen machen sich mit der Stadt Gedanken, wie Häuserfassaden verschönert und leere Gebäude genutzt werden können. Eine Nachbarschaftshilfe hilft Bedürftigen bei Behördengängen. Ehrenamtliche Bildungs-lotsen unterstützen benachteiligte Kinder. Pater Oliver und sein Team verarzten jede Woche Dutzende bei einer kostenlosen Sprechstunde. Tausende Zuwanderer leben nach Schätzungen ohne Krankenversicherung in der Stadt. Aus Sicht der Polizei ist im Viertel durch die Hundertschaft etwas Ruhe eingekehrt. Ein flüchtiger Frieden. Der Kampf sei verloren, wenn der erste Polizist wegrenne, sagt Cox. Eine Kioskverkäuferin, sagt, sie setze keine großen Hoffnungen auf den Merkel-Besuch. Die Kanzlerin solle besser mit den „richtigen Leuten sprechen“, nicht mit handverlesen Gästen. Mit ihrer Mutter zum Beispiel. „Die würde sie ordentlich in die Mangel nehmen.“