Politik

„Kinder, hört auf zu streiten!“

Junge Leute schlagen heute oft aufeinander ein. Woran liegt das?

Dass junge Erwachsene Probleme haben und Probleme machen, ist nicht neu. Das Neue an der Generation Y ist, dass sie diese Probleme ausschließlich selbst thematisiert. Wir Älteren haben nichts gegen die jungen Leute zwischen Anfang 20 und Anfang 30. Umso heftiger schlagen die jungen Leute auf sich selbst ein. Die einen denunzieren ihre Generation als Kohorte von Karrieristen. Andere beklagen die Geistlosigkeit der Gleichaltrigen. Wieder andere sehen in der Generation Y nur Jammerlappen.

„Ypsiloner“ kritisieren „Ypsiloner“ und tun dabei nichts anderes als das, was sie ihren Altersgenossen permanent vorwerfen: Sie kreisen allein und ausschließlich um sich selbst – nur unter negativen Vorzeichen. Indem sie ihre eigene Generation niederschreiben, überhöhen sie sich selbst. Allerdings gab es auch innerhalb früherer Jugendgenerationen heftige Auseinandersetzungen. Bei der Musik etwa waren immer schon alle jungen Leute überzeugt, dass sich 90 Prozent ihrer Altersgenossen auf grässlichsten Irrwegen befanden.

Aber eines war damals anders: Die Gegenstände dieser Kämpfe waren – ja: Gegenstände. Es ging um Haltungen, Einstellungen, Praktiken, nicht um den Persönlichkeitskern. Deshalb galt jeder erst einmal als heilbar, sofern er oder sie das Plattenregal ausmistete. Heute jedoch scheint es, als unterstellten die Y-Kritiker aus der Y-Generation in vorbehaltloser Psychologisierung ihren Altersgenossen eine totale Ich-Deformation. Sogar als Zombies werden diese jungen Leute von Altersgenossen bezeichnet. Solcherart den angeblichen Persönlichkeitskern ins Visier zu nehmen, hat in einem bestimmten Bereich ebenfalls Tradition. In der Familie, unter Geschwistern. Im Streit wurde immer alles persönlich genommen und kritisiert, damit man selbst sich umso besser abheben konnte. „Hört auf, so zu streiten!“, riefen die Eltern.

Indes ließ sich an diesen Geschwisterdebatten doch etwas lernen. Nämlich die Unterscheidung zwischen dem familiär-intimen Diskurs einerseits und dem öffentlichen andererseits. Allen war klar, dass mit Kommilitonen anders geredet werden musste als mit Geschwistern. Hingegen wirkt es heute, als ließen die „Ypsiloner“, die „Ypsiloner“ kritisieren, gar keine andere Ebene zu als die, auf der es nur um die Charaktere der anderen und die Vorzüge der eigenen Person geht.

Man könnte auf die Idee kommen, dass die Diskursschwierigkeiten der Generation Y mit dem Fehlen von Geschwistern zu tun haben. All diese Einzelkinder konnten nicht lernen, dass es eine familiäre Art der Auseinandersetzung gibt, die nur bei Schwestern und Brüdern stattfinden darf, während man ansonsten sachlicher zu reden hat.

Das fängt an mit der ewigen „Ich“-Sagerei in den meisten Texten von „Ypsilonern“. Die Autoren werfen ihre ganze Person in den Kampf und sehen auch bei ihren Gegenübern stets nur ganze Personen. Wer nicht von sich abstrahiert, vermag auch nicht zwischen der Persönlichkeit des anderen und dessen Äußerungen oder Handlungen zu trennen. In allem scheint man sich zur Gänze ausdrücken zu sollen, alles muss „zu mir passen“, von der Gürtelschnalle bis zum Kaltgetränk. Daraus folgt, dass alles noch so Zufällige, jeder vermasselte Geburtstagskuchen ganz charakteristisch für die jeweilige Person ist. Noch folgenreicher dürfte sein, dass die sozialen Netzwerke als bevorzugte Kommunikationsorte es geradezu voraussetzen, dass man sich permanent in umfassender Echtheit präsentiert. Damit wird der Diskurs charakterlicher Zuschreibungen aus dem Geschwisterkreis herausgeholt und im Netz inflationiert.

Deshalb der elterliche Aufruf: „Hört auf, so zu streiten!“ Diskutiert lieber darüber, wie ihr euch selbst thematisiert. Und wenn ihr eine Form sinnvoller öffentlicher Rede gefunden habt, wendet die auch auf uns Eltern an. Möglich, dass wir vor lauter Zuneigung übersehen, wo wir euch so im Wege stehen, dass ihr nicht weiterkommt und deshalb euch gegenseitig verprügelt.