Die Regierung zeigt Bilder von Überwachungskameras. Sie steht unter Druck, den Täter schnell zu fassen

Der Tag der Spekulationen

| Lesedauer: 5 Minuten
Sophie Mühlmann

Bangkok.  Der Unbekannte schlendert ganz gelassen durch den Eingang des Erawan-Schreins in Bangkok. Touristen und fromme Besucher, die das beliebte Heiligtum im Herzen der thailändischen Hauptstadt besuchen, sehen arglos über diesen Mann hinweg, als er kurz vor der Rushhour durch das belebte Viertel an der Ratchaprasong-Kreuzung spaziert. Einen dunklen Rucksack auf dem Rücken, ein grellgelbes T-Shirt und kurze Hosen am Leib. Niemand kann sich vorstellen, dass er den schlimmsten Anschlag in Thailands Geschichte auslösen wird. Ein Attentat, das die Stadt verändern wird.

Thailands Behörden gehen fest davon aus, dass die Aufnahmen der Überwachungskameras den Mann zeigen, der am Montagabend 22 Menschen mit einer Rohrbombe voller TNT in den Tod riss. Im Tempelbereich setzte er sich auf eine Bank. Kurz darauf stellt er seinen Rucksack ab, steht wieder auf und spaziert hinaus, in der Hand nur noch eine blaue Plastiktüte und ein kleines Gerät, offenbar ein Mobiltelefon. Eine andere Kamera findet den jungen Mann später auf der Straße stehend. Es ist 18.40 Uhr. 15 Minuten später explodiert die Bombe.

Zweiter Sprengsatz detoniert

Ist der Mann Thailänder oder Ausländer? Das können oder wollen die Behörden noch nicht definitiv sagen. Polizeichef Somyot Pumpunmuang sagte am Dienstagabend, dass am Flughafen Suvarnabhumi ein Ausländer festgehalten wurde, der dem jungen Mann auf den Bildern der Überwachungskamera ähnelt. Seine Identität werde jetzt geprüft, er dürfe das Land zunächst nicht verlassen. Vermutlich seien aber mehrere Täter für den Anschlag verantwortlich. Worauf sich diese Annahme gründet, blieb zunächst aber unklar.

Niemand hat sich zu der Tat bekannt – wie früher. In den Jahren der politischen Unruhen, die das Königreich seit Beginn dieses Jahrtausends beschäftigen, hat es immer wieder Sprengsätze oder Schüsse auf den Straßen Bangkoks gegeben. Aber nie Bekennerschreiben. Neu ist die deutliche Absicht des Anschlags, so viele Opfer wie möglich in den Tod zu reißen, und vor allem dort zuzuschlagen, wo Touristen unterwegs sind. Damit trifft der Täter das ganze Land, denn Thailand ist vom Tourismus abhängig.

In Bangkok liegen die Nerven blank. Die Menschen zucken zusammen, wenn nur ein tropisches Gewitter am Himmel grollt. Und dann, am Mittag, eine neue Explosion: Ein Unbekannter hatte eine Granate – später hieß es, eine Rohrbombe von ähnlicher Bauart wie die vom Montagabend – von einem Landungspier in den Chao-Phraya-Fluss geschleudert. Der Sprengstoff explodierte im Wasser, niemand kam zu Schaden, so ein Polizeioffizier. Die Polizei riegelte die Straßen rund um den Pier ab, Taucher bargen Teile des Sprengsatzes aus dem Fluss. Nach der Untersuchung der Bomben sagte Polizeichef Somyot, sie seien vermutlich von denselben Tätern hergestellt worden.

Thailands Militärregierung, die ihren Staatsstreich im Mai 2014 mit der Verpflichtung erklärte, für Ruhe und Ordnung im Lande sorgen zu müssen, hat bereits begonnen, mit dem Finger auf ihre Gegner zu zeigen. Doch das Motiv hinter dem Blutbad ist auch am Tag danach noch unklar. Nach einem Notfalltreffen mit den Sicherheitskräften hatte Regierungschef Prayut am Dienstagnachmittag erklärt: „Die Motive könnten innenpolitisch sein oder auf internationalen Konflikten beruhen. Ich habe bisher noch keines davon ausgeschlossen.“ In einer TV-Ansprache rief Prayut die Bevölkerung auf zusammenzustehen und Ausländer, ihre Botschaften sowie internationale Organisationen zu beschützen.

Er forderte die Presse auf, keine unbestätigten Informationen zu verbreiten, um „Konfusion zu vermeiden“. Dabei waren es Regierungsmitglieder, die früh begonnen hatten, bestimmte politische Gruppen zu beschuldigen. So hatte Prayuts Vizesprecher Sansern Kaewkamnerd schon am Montagabend gesagt, die Bomben seien wohl politisch motiviert: „Es ist wahrscheinlich, dass die Täter derselben Gruppe derer angehören, die ihre politischen Vorteile verloren haben und nun Chaos im Land schaffen wollen.“ Andere Regierungsquellen beschuldigten vage eine „Gruppe im Nordosten“.

Tat bringt Menschen zusammen

Beides sind Anspielungen auf die Anhänger des ehemaligen Premierministers Thaksin Shinawatra und dessen Schwester Yingluck, die ihre Basis im ländlichen Norden und Nordosten des Königreichs haben. Yingluck Shinawatra war nach Unruhen im Mai 2014 in einem Putsch gestürzt worden. Seitdem regiert Prayut Chan-o-Cha das Land mit eiserner Faust – und wird dafür kritisiert. Er schüchtert seine Kritiker ein und verfolgt seine Gegner gnadenlos. Nun ist durch die Bomben seine Legitimität bedroht, schließlich hatte er dem Volk Sicherheit versprochen. Schon deshalb wird er der Welt so schnell wie möglich einen Täter präsentieren. Auch eine zweite Spekulation macht die Runde: Weil unter den Opfern vor allem chinesische Touristen waren, sollen Vertreter der muslimischen uigurischen Minderheit in China hinter dem Anschlag stehen. Im Juli erst hatten die thailändischen Behörden 100 Uiguren zurück nach China abgeschoben, wo ihnen Verfolgung droht.

Die verheerende Bombe vom Montag hat das Land erschüttert, doch die Reaktionen im Land zeigen, dass sie die Menschen eher einander näher gebracht hat, als sie weiter zu spalten.

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