Politik

Geistesblitze des Augenblicks

Komposita: Ständigfügen wir Wörter unserer Muttersprache zu neuen Wörtern zusammen

Kennen Sie einen Mauerspecht? Die Vogelbücher beschreiben Buntspechte, Grünspechte, Schwarzspechte, Grauspechte, Mittelspechte, Kleinspechte, Dreizehenspechte und Weißrückenspechte – insgesamt 28 Gattungen und mehr als 200 Arten der Specht-Familie. Ein Mauerspecht ist nicht darunter.

„Mauer“ und „Specht“ widersprechen sich geradezu, sind in dieser Zusammensetzung adversativ (gegensätzlich). Bei dem Gedanken, der Specht könne versuchen, mit seinem Schnabel eine Höhle in eine harte Mauer zu hämmern, ist man bereit, nach dem Tierschutzverein zu rufen.

Und dennoch – denken Sie zurück an den Wendemonat November des Jahres 1989, als die Mauer gefallen war. Tausende von Souvenirjägern klopften mit Hammer und Meißel kleine Betonbrocken aus und große Löcher in die Mauer. Ihr unablässiges Hämmern bildete über Wochen das unüberhörbare Geräusch der Freiheit.

Der Berlinen Volksmund nannte diese Menschen spontan Mauerspechte. Der Ausdruck war ebenso treffend wie neu und stand bis dahin in keinem Wörterbuch. Wir alle verstanden, was damit gemeint war. Ausländer hatten es in dieser Hinsicht schwerer. Ein englischer Germanistik-Professor fragte verzweifelt beim Goethe-Institut in London nach, was das für eine Vogelart sei, die sich in Berlin breitmache.

Es stellt den Reichtum, aber auch die Schwierigkeit der deutschen Sprache dar, dass nahezu pausenlos aus vorhandenen Wörtern neue Wörter gebildet werden. Der deutsche Wortschatz ist nach oben offen. Niemand weiß, ob sein Standardkorpus 300.000 oder 500.000 Wörter zählt. Wahrscheinlich sind es weit mehr. Manche Neubildungen sind Geistesblitze des Augenblicks und schaffen es nie bis in ein Wörterbuch, manche werden Allgemeingut. Auch der Mauerspecht steht inzwischen im Duden.

Wir können Wörter zu neuen Wörtern ableiten (grüßen zu begrüßen) bis hin zu Zusammenbildungen (scharfzüngig aus scharfer Zunge). Wir können Konversionen eines Stammes (wanderndas Wandern) benutzen. Das wichtigste Verfahren zur Neubildung von Wörtern ist jedoch die Komposition, die Zusammensetzung aus zwei oder mehreren wortfähigen Stämmen. Als Ergebnis erhalten wir die sogenannten Komposita, deren Zahl unendlich ist.

Aus einem Grundwort, zum Beispiel der Tür, und einem Bestimmungswort, zum Beispiel dem Haus, entsteht das neue Kompositum Haustür. Hieße das Bestimmungswort Zimmer, bekäme die Tür als Zimmertür eine andere Bestimmung. Neben diesen bestimmenden Zusammensetzungen gibt es Komposita, die kopulieren (verbinden sich eng). Bei ihnen sind die Bestandteile gleichgeordnet, etwa beim Strichpunkt oder bei der Hemdbluse. Die meisten Komposita sind zweigliedrig, können aber auch weitaus mehr Bestandteile haben. Als extremes Beispiel sei die Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung genannt. Juristen sind auf diesem Gebiet besonders einfallslos. Sie fügen so lange zusammen, bis wirklich niemand mehr versteht, was ohnehin niemand verstehen soll.

In einem Kompositum wird der Inhalt, der auch in einer syntaktischen Fügung hätte ausgedrückt werden können, in einem Wort verdichtet. Das kennen andere Sprachen in diesem Maße nicht. Manchmal brauchen die Teile eines Kompositums ein Fugenzeichen als Bindemittel wie den Mörtel zwischen den Mauersteinen, um fest zusammenzuhalten. Meistens handelt es sich um ein Fugen-s. Das Fugen-s folgt keiner klaren Regel, sondern eher den Ausnahmen. Warum heißt es Kalbfleisch, aber Kalb-s-braten oder Kalb-s-leber? Wieso sprechen wir von der Nachtstunde, aber der Mitternacht-s-stunde, dem Hoftor, aber dem Friedhof-s-tor bzw. dem Werkzeug, aber dem Handwerk-s-zeug? Wahrscheinlich benötigt unsere Zunge ab der zweiten Fuge ein Gleitmittel, eine Schmierung wie ein heiß gelaufener Motor, um einen neuen Anlauf zum Weitersprechen zu nehmen.