Politik

Lockruf der Linken

In Großbritannien will Jeremy Corbyn künftig die Labour-Partei anführen

Er hat etwas von einem Johannes der Täufer an sich, der sein „Metanoeite“ vorträgt, diese Botschaft des politischen „Kehrt um“. Der kinnumrahmende Stoppelbart, sein fast härenes Äußeres gibt dem 66-Jährigen einen gewissen prophetischen Nimbus, die Gewissheit des richtigen Moments. Das Reich Gottes ist es nicht, was er verkündet, aber eine Erlösung durchaus aus dem irdischen Jammertal steriler Politik. Dazu spielen seine Gefolgsleute dem Volk, das ihm an überfüllten Plätzen zuhört, den Hit des Soul- und Jazzsängers John Legend vor, „Gloria“, die Erkennungsmelodie des preisgekrönten Films „Selma“, über die amerikanische Bürgerrechtsbewegung: „One day, when the glory comes,/ it will be ours, it will be ours!“ Das rieselt mit quasi-religiösem Schauer über die begeisterten Zuhörer – sie fühlen sich weniger einer Partei zugehörig als einer Familie, einer Gemeinschaft, einer Bewegung. Ähnliches hat die britische politische Kultur seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt. Eine Offenbarung.

Jeremy Corbyn, der in diesen Tagen als Abgeordneter des Londoner Wahlkreises Islington North seinen Siegeszug an die Spitze der Labour-Partei antritt und dort am 12. September bestätigt werden dürfte, hat einen langen Weg durch die Wüste hinter sich. Seit 32 Jahren agiert der Labour-Hinterbänkler am äußersten linken Rand des Spektrums, ignoriert von den Medien, belächelt von der politischen Elite, umso mehr verehrt von seinen ideologischen Wegbegleitern. Seine Art anzutreten, entwaffnet jeden, der ihm Machtgelüste unterstellt. Für einen Abziehpolitiker ist er zu ehrlich, prinzipienfest, mit der Nahbarkeit eines Menschenfreundes. Man denkt unwillkürlich an Erhard Eppler von einst. Ein Schnittmuster persönlicher Entsagung, gepaart mit glühender Überzeugung.

Mit Corbyn trifft sich die alternative Einstellung von großen Teilen der Gesellschaft – er pflegt unwandelbare Gegnerschaft zu allen sich selbst beweihräuchernden Alphatieren im politischen Tierpark. Er spielt nicht den Egomanen, sondern trägt seine Ideen mit ruhigem Ton vor sowie dem simplen Plädoyer des „die Debatte verbreitern“. Im Juni hatten Labour-Kollegen Jeremy Corbyn bewogen, sich aufstellen zu lassen im Kampf um die Parteispitze. Man hatte wohl darauf spekuliert, er werde unter „ferner liefen“ abschneiden, aber das war falsch. Als einer unter wenigen war er vor sechs Jahren nicht in den Spesenskandal der Parlamentarier verwickelt, er stimmte 2003 gegen die Bush/Blair-Irak-Invasion und bekämpft seit seinem Einzug ins Unterhaus 1983 mit sozialistischer Prinzipientreue jede Beschneidung des Wohlfahrtsstaates. Ein Nigel Farage von links, freilich ohne dessen Rhetorik. Die Parteispitze weiß nicht, wie sie mit dem Phänomen JC und seinem unaufhaltsamen Erfolg umgehen soll. Alle Warnungen, ob von Blair oder andere Granden der Vergangenheit, Corbyn werde Labour unwählbar machen, haben seinen Rückhalt nur gestärkt.

Der 20. Juli dieses Jahres war ein Erweckungserlebnis: Die Labour-Partei, obwohl Gegner der von den Tories vorgelegten Wohlfahrtskürzungen, enthielt sich bei der Abstimmung im Parlament der Stimme. Eine Todsünde: Um im Gespräch zu bleiben mit der möglichen Mehrheitsmeinung im Land, verrät die Partei ihre Grundüberzeugung. Machtkalkül. Das war ein Sieg nicht nur für David Cameron, sondern auch für Jeremy Corbyn, denn anders als seine drei Mitbewerber um die Labour-Spitze widersetzte er sich dem Fraktionszwang und stimmte gegen die Vorlage. Seitdem erreicht „Corbynmania“ neue Höhen. Eine Bewegung, die nicht an der Macht hängt, sondern an der Reinheit ihrer Prinzipien? Realpolitik sieht anders aus, und schon freuen sich die Konservativen auf weiteres Hausrecht in der Downing Street jenseits 2020.

Wenn sie sich nur nicht zu sicher fühlen. Alles fließt. Auch Corbyn und seine Anhänger glauben, den Common Sense auf ihrer Seite zu haben.