Politik

Qualvolle Sehnsucht nach Normalität

Nach fünf Jahren Krise wünschen sich die Griechen jetzt wieder in ihren Alltag zurück

Das Leben sieht schon etwas leichter aus, wenn man ein paar Tage an einer der unzähligen, wunderschönen Stränden der Ägäis verbringen darf. Das gilt auch für einen griechischen Korrespondenten aus Berlin, der die leichte Entspannungsphase zwischen Referendum und dritten Memorandum für einen Kurzurlaub und eine Autopsie im krisengeplagten Heimatland nutzt.

Erste Feststellung: Die Deutschen sind überall, besonders zwei: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. „Was haben Merkel und Schäuble mit uns vor?“, ist die häufigste Frage, die mir als Deutschland-Korrespondenten von besorgten Landsleuten gestellt wird. Die meisten sind fest davon überzeugt, dass Schäuble weiterhin unnachgiebig den „Grexit“ vorantreibt. Die Medien verstärken diese vorgefertigte Meinung und registrieren mit unverhältnismäßig großem Interesse auch die kleinste Differenz zwischen Schäuble und Merkel. Schäuble ist das absolute Feindbild sowohl für die Parlamentspräsidentin Zoe Konstantopoulou, die zur Revolte gegen Ministerpräsidenten Tsipras und das dritte Memorandum aufruft, wie auch für meine Tante Kalliope, die „das Leiden der Griechen wegen Schäuble“ in Versform aufarbeitet.

Nach fünf Jahren Krise sehnen sich die Menschen in Griechenland nach Rückkehr zur Normalität. Und zur Normalität gehört für die Griechen, am 15. August ausgiebig zu feiern. Fast jede kleinere Gemeinde organisiert an diesem Tag ein Volksfest, was seit jeher ein willkommener Anlass für das Zusammentreffen von Verwandten und Freunden ist. Auch in den Krisenjahren wurde diese Tradition weitergepflegt, dieses Jahr aber war die Stimmung besonders betrübt. Geschlossene Banken und Kapital-Kontrollen verursachten nach den unerfüllten Wahlversprechen der Regierung eine traumatische Bruchlandung in die Realität. Diese neue Erfahrung markiert das Ende der Illusionen, die das Land an den Rand der Katastrophe geführt haben.

Zweite Feststellung: Die Angst über einen möglichen „Grexit“ hat tiefe Spuren auf allen Ebenen des öffentlichen und privaten Lebens hinterlassen. Das entscheidende Kriterium für die zwischenmenschlichen Beziehungen sind nicht mehr der Verwandtschaftsgrad oder die Tiefe der Freundschaft, sondern die persönliche Haltung jedes einzelnen für oder gegen das verhasste „Memorandum“. Die Parteien der heutigen links-rechts Regierungskoalition haben mit der Parole, „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“ eine tiefe Spaltung der griechischen Gesellschaft verursacht. Die Linksdemagogen von Syriza und die Rechtspopulisten von Anel hatten in den Jahren zuvor jeden, der eine andere Meinung formulierte, mindestens als Kollaborateur des Feindes stigmatisiert. Wohlgemerkt: Als Feinde sind hier die europäischen Partner gemeint. Das Wort „Germano-tsoliades“ (So wurden die Griechen genannt, die mit den deutschen Besatzern im Zweiten Weltkrieg kollaborierten) ist in den Jahren der Krise die häufigste Beschimpfung des Gegners.

Tsipras und Co. sind jetzt mit den Geistern, die sie riefen, konfrontiert. Der Ministerpräsident sieht sich gezwungen denselben holprigen Weg zu gehen, den schon Papandreou und Samaras gewählt haben, als sie die ausweglose Lage des Landes nicht mehr leugnen konnten. Heute befindet sich das Land in einen auswegloseren Situation denn je. Tsipras scheint im Moment der einzige Politiker Griechenlands zu sein, der die Probleme lösen kann, die er selbst mitverursacht hat. Aber Tsipras steht nun ohne eigene Mehrheit im Parlament. So braucht er eine neue Legitimation. Das wird zwangsläufig zu vorgezogenen Parlamentswahlen führen, die die gesamte politische Landschaft des Landes neu aufstellen werden. Die Griechen werden zum ersten Mal nach Ausbruch der Kri-­­
se zu den Urnen gerufen ohne die Illusion, dass ein anderer Weg außerhalb Europas für Griechenland erstrebenswert ist. Das ist gut für Europa – und für die Griechen kann es die ersehnte Rückkehr zur Normalität bedeuten.