Belgrad –

Auf der Balkanroute

Viele Flüchtlinge kommen über Serbien in die EU. Doch bald ist in Ungarn der Grenzzaun fertig

Belgrad.  Er ist von Damaskus in die Türkei geflogen, von der Türkei mit dem Boot nach Griechenland gekommen, hat mit dem Bus die mazedonische Grenze erreicht und es mit dem Zug nach Serbien geschafft. Seit 20 Tagen ist Faris unterwegs, er hat auf der Straße geschlafen, im Wald, zwischen Fremden. Er hat Tausende Kilometer, ein Meer und vier Grenzen überwunden. Eine Grenze noch, sagt Faris. Es ist von allen die wichtigste.

Faris will nach Deutschland, Hamburg, aber um nach Deutschland zu kommen, muss er erst einmal nach Ungarn. Hinter der ungarischen Grenze beginnt die Europäische Union, Sehnsuchtsort. Und deshalb sitzt Faris jetzt in einem Park am Hauptbahnhof von Belgrad und wartet auf einen der Busse, die von hier in die serbische Grenzstadt Subotica fahren.

Warten im Park

Von hier aus, diesem Park in Belgrad, ist die EU mehr als nur eine Ahnung. Und weil das so ist, hat die Hoffnung aus diesem Park in Belgrad einen Umschlagplatz gemacht, einen Durchlauferhitzer der Flüchtlingsmassen. Die Menschen, die auf dem Weg sind, auf der Flucht, aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, sie kommen irgendwann hierher. Sitzen dann und warten. Wie Faris.

Die Serben, sagt Mirko, waren geschockt, als es hieß: Täglich kommen 200 Flüchtlinge über die mazedonische Grenze. Das ist ein halbes Jahr her. Heute werden an der Grenze an jedem Tag 2000 Menschen registriert. Und das sind nur jene, die sich auch registrieren lassen. Ich denke, sagt Mirko, dass es 4000 sind, vielleicht sogar mehr. Er kniet im Staub, zwischen den Rucksäcken, den Menschen, die dort liegen. Kniet dort und spricht mit den Menschen, spricht ihre Sprache. Mirko ist Serbe, hat aber auf seinen Reisen in den 80er-Jahren Farsi gelernt, arbeitet jetzt als Übersetzer für eine NGO, hilft den Menschen aus Afghanistan mit dem Alltäglichen, früher war er Journalist. Auch er ist seit Monaten hier. Seit das hier losging. Im März, sagt Mirko. Da kamen die Ersten. In dieser Zeit muss sich die Route verändert haben.

Seit Italien den Weg über das Mittelmeer stärker kontrolliert, kommen die Menschen über das Land, durchqueren den Balkan. Erst zu Fuß und mit dem Fahrrad, nun auf Schienen, weil Mazedonien seit einiger Zeit seine Züge für Flüchtlinge freigegeben hat. Die Fahrt ist so billig genug, um ohne Schlepper reisen zu können. Damit wurde der Weg über Belgrad zum schnellsten Weg an den Rand der EU, der andere führt durch Bulgarien. Aber dort warten die Knüppel der Polizei. Niemand, sagt Mirko, bleibt hier länger, als er muss. So ist hier ein Rhythmus entstanden. In jeder Nacht, an jedem Morgen steigen die einen aus den Zügen. An jedem Nachmittag, an jedem Abend steigen die anderen in die Busse.

Eine Familie im Staub, zwei Kinder, eine Decke, stammt aus dem Norden Afghanistans. Sie sind Angehörige der Hazara, einer persischsprechenden Volksgruppe. Sie gehören zur schiitischen Minderheit des Landes, wurden von den Taliban verfolgt und getötet, sie werden noch immer geprügelt, diskriminiert, verschleppt. Jeden Tag, sagt der Vater, Vergewaltigungen, Selbstmordanschläge, Entführungen. Ich bin im Krieg groß geworden, meine Frau ist im Krieg groß geworden. Unsere Kinder sollen ein anderes Leben kennen. Deshalb haben sie, einfache Bauern, das Land verlassen. Sind in den Iran gegangen, in die Türkei, vier Tage und vier Nächte, zwei Kinder auf dem Arm. Mit dem Boot nach Griechenland. Auch sie sind erst vor wenigen Stunden angekommen. Hinter ihnen die Taliban, hinter ihm der „Islamische Staat“. Auch sie fahren noch am Abend wieder. Auch sie wollen nach Deutschland. Und wenn Deutschland zu voll ist, sagt der Vater, ziehen wir weiter. Sie kennen die Geschichten, die Bilder aus Deutschland, wissen, dass es dort Orte gibt, Lager, in denen kein Platz ist. Zurück, sagt der Vater, das geht nicht. Es gibt keine Heimat in der Vergangenheit.

Die meisten Serben, sagt Mirko, wissen genau, wie es ist, ein Flüchtling zu sein. Die Erinnerungen an 1995 sind frisch. Wir haben Verständnis für das Leid und die Motivation dieser Menschen, sagt Mirko. Deshalb herrscht Ruhe im Park. Das könnte bald vorbei sein. Die Ungarn bauen an einem Zaun, 175 Kilometer lang, der die Grenze zu Serbien schließen soll. Er wird Ende des Monats fertig sein. Wenn du an einem Tag 2000 Menschen stoppst, sagt Mirko, dann sind es am nächsten 4000. Und nach zehn Tagen sind es 20.000. Wo sollen diese Menschen hin, fragt er.

In Belgrad wird in solchen Momenten, in Szenarien wie diesen, deutlich, dass alles mit allem zusammenhängt. Die Flüchtlinge, sagt Mirko, sind ein europäisches Problem. Und der Park, den die Serben Hurenpark nennen, weil hier unter den Pinien die Huren standen, bevor die Flüchtlinge kamen, ist dadurch ein ganz und gar europäischer Park. Ein Wartezimmer der EU.