Central Valley –

Braun ist das neue Grün

| Lesedauer: 6 Minuten
Clemens Wergin

Seit vier Jahren leidet Kalifornien unter der Dürre. Die Not zwingt die Menschen zum Umdenken

Central Valley.  Wenn Andrew Pandol morgens aufwacht, gilt sein erster Gedanke dem Wasser. 1400 Hektar Land bewirtschaftet er in Bakersfield, im Central Valley Kaliforniens. Und seit das große Kanalsystem, das einst gebaut worden war, um Wasser aus dem Norden in den trockenen Süden zu bringen, nur noch zehn Prozent des versprochenen Wassers bringt, ist jeder Tag eine Herausforderung. In den letzten 20 Monaten hat Pandol sechs neue Brunnen gebohrt. Und nun muss er jeden Morgen austüfteln, wie er das wertvolle Nass zu jenen Feldern bringt, die es benötigen. „Das ist ein kompliziertes Netz aus Tausch mit Nachbarn und Wasser, das ich an einer Stelle in das kommunale System einspeise, um es dann anderswo für ein bestimmtes Feld wieder zu entnehmen“, sagt er.

Grundwasserspiegel sinkt

Pandol exportiert Tafeltrauben in 28 Länder. Um nicht auf dem Trockenen zu sitzen, hat er 2,5 Millionen Dollar in neue Brunnen gesteckt und 300.000 für Leitungen. Seit 70 Jahren betreibt seine Familie Landwirtschaft in diesem Tal, die wichtigste Anbaufläche für Obst, Nüsse und Gemüse in den USA. Doch die seit vier Jahren andauernde Dürre hat den Landwirten zugesetzt. Eine Studie geht davon aus, dass der Schaden in der Landwirtschaft 2015 2,7 Milliarden Dollar betragen wird. „Wenn eine Wasserpumpe ausfällt, kann das den Bankrott bedeuten“, so Pandol. Zudem sinkt der Grundwasserspiegel. In dieser Gegend fand man früher in einer Tiefe zwischen 75 und 90 Meter Wasser, heute muss man 140 bis 150 Meter tief bohren, sagt Pandol.

Jerod Adams hat erfahren, was es heißt, gar kein Wasser mehr zu finden. Adams und sein Onkel bauen Orangen und Zitronen an. Sie haben keine alten Wasserrechte und bekommen in diesem Jahr nichts mehr zugeteilt von dem Wasser aus dem Norden. Sie haben deshalb einen Brunnen bohren lassen, aber selbst in 150 Meter Tiefe nichts gefunden. Einzige Alternative ist nun, „Notfallwasser“ zu kaufen zu zehn Mal teureren Preisen als früher.

Das Central Valley war einmal der Stolz Kaliforniens. Doch nun prasselt Kritik auf die Bauern. Sie würden zu viel Wasser verschwenden, heißt es. Vielleicht, so sagen die Bauern in Bakersfield, müssten die Städter erst Höchstpreise für ihre Früchte zahlen, um zu verstehen, mit welchen Problemen die Bauern kämpfen.

Im Nobelrestaurant „Geoffrey’s“ in Malibu ist von der Dürre wenig zu spüren. Auf dem Parkplatz stehen Rolls Royce und Jaguar-Cabrios. Auf der Terrasse genießen die Gäste den Blick aufs Meer, während an der Seite das Wasser dekorativ an einer Felswand heruntersprudelt. Diese Wasserverschwendung ist eines von vielen Zeichen, dass die Dürre nicht bei allen Bevölkerungsschichten als Problem gesehen wird. Neben den Bauern richtet sich der Zorn der Kalifornier deshalb gegen die Reichen, die ihre Rasen weiter üppig wässern und steigende Wasserpreise gelassen quittieren.

Tatsächlich ist der Wasserverbrauch in den Reichenvierteln drei Mal höher als anderswo. Beverly Hills hat im vergangenen Sommer 855 Liter pro Kopf pro Tag verbraucht, während es in ganz Los Angeles 265 Liter sind. Die Stadt hat deshalb ein Sparziel von 30 Prozent auferlegt bekommen. Gärten dürfen nur noch an zwei Wochentagen gewässert werden, und ein Inspektor patrouilliert, um Verstöße zu ahnden. „Im Allgemeinen nehmen die Leute an, was der Inspektor ihnen sagt, manche fragen nach, ob sie den angekündigten Warnbrief auch in Spanisch bekommen können, um ihn an ihren Gärtner weiterzureichen“, sagt Umweltmanager Josette Descalzo. In Zukunft werde jeder Haushalt Sparziele bekommen, auf Grundlage seiner Wasserrechnung.

Beratung zur Gartengestaltung

Beverly Hills subventioniert auch Beratungsgespräche mit einem Landschaftsarchitekten, der erklärt, wie man seinen Garten auf genügsamere Pflanzen umstellt. Das wirksamste Instrument ist das Denunziantentum. „Wir haben seit Mai sehr viel mehr Beschwerden bekommen von Einwohnern, die andere Bürger anzeigen“, sagt Descalzo. Letztlich geht es darum, das Denken zu verändern. Im Juni hat Beverly Hills 22 Prozent weniger Wasser verbraucht als im selben Monat 2013.

Echo Bay war einmal ein florierender Sportboothafen am Lake Mead, einst der größte künstliche Wasserspeicher der USA. Heute liegt der lange Bootssteg wie eine in der Hitze verendete Wasserschlange auf dem Trockenen. Jahrelang haben die Sporthafenbetreiber ihre Bootsrampen immer länger gemacht, um dem schrumpfenden See zu folgen. Irgendwann half auch das nicht mehr. So wie Lake Mead geht es allen Stauseen in der Region. Der See hat mit einer Wasserhöhe von 1075 Fuß (324 Metern) nur noch 37 Prozent seines alten Volumens. Das hat auch Auswirkungen auf den Hoover-Damm. „Jede unserer Turbinen und Generatoren kann 130 Megawatt herstellen, im Moment bekommen wir aber nur etwa 100 aus ihnen heraus, wegen des reduzierten Wasserdrucks“ sagt Damm-Manager Mark Cook. Das Wasserkraftwerk spielt eine wichtige Rolle, um die Balance im Stromnetz aufrechtzuerhalten. Wenn ein Erzeuger ausfällt oder der Verbrauch in die Höhe schnellt, springen die Turbinen an. Nun hat das Wasserkraftwerk, wie auch die vieler anderen in der Region, deutlich weniger Kapazität, um im Ernstfall genügend Strom bereitzustellen zur Stabilisierung des Netzes. Deshalb wurden fünf neue Turbinen eingebaut, die bis zu einem Wasserstand von 950 Fuß funktionieren.

Es hat vier Jahre gebraucht, bis der Ernst der Lage bei den Bewohnern im Südwesten angekommen ist. Das Leitungsnetz soll modernisiert werden, um Lecks zu beseitigen. Wasseruhren für Neubauten sollen bald zum Standard gehören. Hilfe kommt auch aus Israel, wo man Erfahrungen mit Trockenheit hat: Die Firma IDE baut bei San Diego die „größte Meerwasserentsalzungsanlage der westlichen Hemisphäre“. Und die Leute von Netafim, die in Israel einst die Tropfbewässerung erfunden haben, bringen den kalifornischen Bauern bei, wie man mit weniger Wasser höhere Erträge erzielt.

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