Hilden/Erfurt –

Auf Sommertour

| Lesedauer: 5 Minuten
Philipp Neumann

Still und kenntnisreich beackert Gesundheitsminister Gröhe die Vorgaben des Koalitionsvertrags

Hilden/Erfurt.  Hermann Gröhe hat sich einen Laborkittel und blaue Handschuhe übergezogen. Jetzt drückt er auf die Stelle des kleinen Bildschirms, an der „Start“ steht. Die Maschine setzt sich in Bewegung, sie hebt Pipetten von links nach rechts, schwenkt sie herum und setzt sie ab – alles millimetergenau und wie von Geisterhand. Das Gerät beginnt eine automatische Un- tersuchung einer Probe auf Krankenhauskeime. In zwei Stunden sind die Ergebnisse verfügbar. Gröhe ist beeindruckt. Und die Manager der Analysefirma Qiagen sind stolz, dem Bundesgesundheitsminister ihr „Flaggschiff“ der Molekulardiagnostik zu zeigen.

Das Hightech-Labor in Hilden bei Düsseldorf ist die letzte Station auf einer zweieinhalbtägigen Sommertour, die Gröhe von Berlin aus quer durch die Republik geführt hat. Hoch spezialisierte Kliniken und medizinische Spitzenforschung hat er sich angesehen, aber auch eine Sportgruppe von Migranten und eine Einrichtung, die sich der medizinischen Versorgung von behinderten Menschen verschrieben hat. Die ganze Bandbreite, mit der ein Gesundheitsminister zu tun hat. Und das in der Woche, in der er sein, wie er selbst sagt, wichtigstes Projekt vorangetrieben hat: eine umfassende Pflegereform. Die erste Hürde, den Beschluss im Bundeskabinett, hat das milliardenteure Gesetz am Mittwoch genommen.

Gute Konjunktur hilft ihm

Hermann Gröhe, 54 Jahre alt, gehört zu den Bundesministern, die schon auf der Hälfte der Wahlperiode eine beachtliche Bilanz vorweisen können. Gesetze für die ambulante Versorgung und zur Neuordnung der Krankenhauslandschaft hat er auf den Weg gebracht, ebenso zur Vorsorge und zur Palliativversorgung. Sogar die seit zehn Jahren überfällige elektronische Gesundheitskarte soll 2016 kommen.

Still, effizient und mit Detailkenntnis arbeitet der ehemalige CDU-Generalsekretär die Aufgaben aus dem Koalitionsvertrag ab. Das von Interessen so hart umkämpfte Feld der Gesundheitspolitik beackert er mit fast stoischer Ruhe. Die gute Konjunktur hilft ihm – die Krankenkassen haben gerade keine Geldsorgen. Konflikte zwischen den Gesundheitspolitikern der großen Koalition moderiert Gröhe scheinbar mühelos weg, so erspart er Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) viel Ärger. „Ist doch gut, wenn mich am Ende der Wahlperiode mehr Menschen kennen als zu Beginn“, sagt er bescheiden. „So eitel bin ich dann doch.“

Eitelkeit? Das ist nichts, das man mit Gröhe in Verbindung bringt. Als er auf seiner Reise in Erfurt die Studios besucht, in der die Arztserie „In aller Freundschaft“ entsteht, will er sich keine Wunde auf den Arm schminken lassen, das muss die örtliche Bundestagsabgeordnete übernehmen. Ein Gastauftritt in der Serie kommt schon gar nicht infrage, wehrt er ab.

Auch bei der Präsentation des Laborgeräts in Hilden hält Gröhe sich zurück, lässt vor allem andere fragen. Die Tragweite der Technologie, die die Diagnosefirma anbietet, ist ihm aber völlig klar: „Wir stehen vor revolutionären Veränderungen in der Medizin“, sagt Gröhe. Bessere Analyse- und Behandlungsmethoden hätten Vorteile, aber auch ungewollte Nebenwirkungen. „In einer freiheitlichen Gesellschaft kann es kein Verbot geben, immer mehr zu wissen“, weiß Gröhe. Niemand dürfe „angstbesetzte Fort- schrittsverweigerung“ betreiben.

Noch immer ein Parteistratege

Die neuen Möglichkeiten, etwa ungeborene Kinder auf Gendefekte untersuchen zu lassen, sieht der bekennende Christ aber durchaus kritisch: „Ich will keine Selektion.“ Auch wenn sich schwere Krankheiten künftig vermeiden ließen, müsse die Gesellschaft solidarisch mit allen Kranken sein.

Dazu gehört für Gröhe, dass Spitzenmedizin bezahlbar bleiben muss – für alle. „Es wäre doch der Horror, wenn die Frage, wem eine teure Strahlentherapie zur Verfügung steht, vom Einkommen des Patienten abhinge.“ Anders als viele seiner Vorgänger steht Gröhe unter geringem finanziellen Druck. Aber auch er kann nicht alles bezahlen, was medizinisch möglich ist. „Spezialpräparate können wir uns nur leisten, wenn wir bei der Standardversorgung die preiswerteste Variante wählen“, sagt er.

In den Koalitionsverhandlungen hat die CDU den Arbeitgeberbeitrag zur Krankenversicherung einfrieren lassen. Im nächsten Jahr, wenn viele Kassen ihre Zusatzbeiträge anheben müssen, werden deshalb nur Arbeitnehmer zur Kasse gebeten. Gröhe macht aber deutlich: „Wir haben die Verantwortung, den Arbeitnehmerbeitrag nicht durch die Decke gehen zu lassen.“ Soll heißen: Irgendwann wird auch der Arbeitgeberbeitrag steigen.

Wann das sein wird? Da schweigt der Minister. Im Herzen ist er noch immer Parteistratege und will sein Amt nutzen, um der Mindestlohn- und Rentenpolitik der SPD im nächsten Wahlkampf etwas entgegenzusetzen. Dazu gehört, dass die Gesundheitspolitik möglichst keine negativen Schlagzeilen verursacht. So wie es aussieht, kann Hermann Gröhe das gelingen.

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