Kos –

Gestrandet im Urlaubsparadies

| Lesedauer: 6 Minuten

Tausende hoffen auf der Insel Kos auf die Weiterreise. Eine Fähre bringt sie nun nach Athen

Kos.  Sie brauchen nur ein Stück Papier, das ihren Flüchtlingsstatus dokumentiert. Damit wollen viele der Flüchtlinge, die illegal von der Türkei aus in Schlauchbooten auf die vorgelagerte griechische Urlaubsinsel Kos gelangen, auf der Suche nach einem besseren Leben weiter Richtung Westen.

Doch auf die nötige Registrierung in der Inselhauptstadt Kos warten derzeit Tausende – tagelang und in großer Hitze: Die Behörden sind mit diesem noch nie da gewesenen Ausmaß der Flüchtlinge überfordert. Bis zu 7000 waren es noch am Mittwoch.

Dann, am Donnerstag, entspannte sich die dramatische Lage auf der griechischen Ferieninsel Kos dank erster Maßnahmen der Behörden etwas. Mindestens 1000 Flüchtlinge erhielten die für die Weiterreise benötigten Papiere und konnten die Insel mit einer Fähre Richtung Athen verlassen. Weitere rund 1500 sollten ihnen wahrscheinlich noch am Donnerstagabend folgen. Die Migranten sagten nach ihrer Ankunft in der griechischen Hauptstadt im Fernsehen, sie wollten weiter nach Westeuropa reisen.

Kritik an hartem Polizeieinsatz

Bürgermeister Giorgo Kyritsis kündigte an, künftig solle eine Fähre anstelle eines alten Fußballstadions als Anlaufstelle für die Flüchtlinge dienen. Das Schiff sei ein „annehmbarer“ Ort, wo die Menschen auf ihre Papiere warten könnten. Die Fähre „Eleftherios Venizelos“ wurde am Morgen im Hafen von Piräus mit Proviant beladen und sollte am Abend nach Kos auslaufen, wie das griechische Fernsehen berichtete. Dort sollten am Freitagmorgen etwa 2500 Migranten aufgenommen, versorgt und registriert werden.

Bisher mussten die meist aus dem Bürgerkriegsland Syrien stammenden Flüchtlinge in dem alten Fußballstadion für ihre Registrierung anstehen. Dort gibt es keinen Schatten und keine sanitären Anlagen. Die Fähre soll am Freitag eintreffen. Sie sei die „beste im Moment verfügbare Lösung“, sagte Kyritsis. Die Welle der Flüchtlinge werde nicht abebben, solange in den Herkunftsländer Krisen herrschten.

Der Bürgermeister zeigte sich optimistisch, dass dank der personellen Verstärkung täglich nun zwischen 700 und 1000 Menschen registriert werden könnten. Damit würden die meisten bis zum Wochenende mit Papieren ausgestattet sein, was die Lage auf der Insel weiter entspanne. Für die schnellere Ausgabe der temporären Reisepapiere hatten die Behörden Verstärkung einfliegen lassen. Zudem arbeiteten die Beamten fast rund um die Uhr.

Nach Angaben der Organisation Ärzte ohne Grenzen, die mit Helfern auf Kos im Einsatz ist, hatten etwa 2000 Menschen am Mittwoch bei drückender Hitze in dem Stadion ausharren müssen. „Sie waren eingeschlossen, bei sengender Sonne ohne jeden Schutz, hatten kaum Zugang zu Toiletten, kaum Wasser oder Nahrung“, teilte Ärzte ohne Grenzen am Donnerstag mit. Die Polizei sei sehr hart gegen die Menschen vorgegangen, habe auch Tränengas und eine Blendgranate eingesetzt. Dies habe innerhalb des Stadions Panik ausgelöst. Insgesamt 62 Menschen seien medizinisch betreut worden, vier davon mussten ins Krankenhaus gebracht worden, wie es heißt. Nach einem Bericht der griechischen Zeitung „Kathimerini“ setzte die Polizei auch Schlagstöcke und Feuerlöscher gegen die Migranten ein.

Die Organisation begrüßte die neuen Maßnahmen der Regierung. „Obwohl Ärzte ohne Grenzen dankbar ist, dass die Situation mehr unter Kontrolle zu sein scheint, sind wir geschockt und entsetzt über die exzessive Gewalt der Polizei und die unverantwortliche Art der Behörden auf Kos angesichts der Flüchtlingssituation in den vergangenen drei Tagen“, sagte Constance Thiesen von der Hilfsorganisation. Doch die Lage der Menschen lasse weiter zu wünschen übrig, sagte Vangelis Orfanoudakis, ein weiterer Mitarbeiter. „Der verwaltungstechnische Prozess ist jetzt menschenwürdiger, doch die Leute bekommen keine Unterstützung und keine Informationen darüber, was sie tun müssen.“

Weniger Touristen kommen

Trotz der beschleunigten Registrierung campierten am Donnerstag weiter viele Menschen auf der schattigen Küstenpromenade außerhalb des Stadions und warteten, an die Reihe zu kommen. Auf Kos treffen täglich Hunderte Flüchtlinge in überfüllten Booten ein, die von der Türkei aus die wenigen Kilometer Seeweg in den EU-Staat Griechenland zurücklegen. Allein im Juli kamen rund 7000 Menschen aus dem Nahen Osten auf der Insel in der östlichen Ägäis an – zweimal so viele wie im Juni. Auch am Donnerstag kamen mehr als 200 Menschen in mindestens sechs Schlauchbooten auf Kos an. Bei den meisten handelte es sich um syrische Kurden aus der vom Krieg verwüsteten Stadt Kobane. Eine weitere Flüchtlingsgruppe wurde auf dem Meer von der Küstenwache abgeholt.

Griechenland hat sich zu Europas größter Anlaufstation für Bootsflüchtlinge entwickelt, nachdem die Alternativroute über Libyen nach Italien wegen der Kämpfe in dem nordafrikanischen Land immer gefährlicher wird. Seit Jahresbeginn haben mehr als 130.000 Flüchtlinge und Migranten Griechenland per Schiff erreicht. Das sei ein Anstieg von 750 Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2014, hieß es. Die Polizei nahm auf Kos und den kleineren vorgelagerten Eilanden seit Jahresbeginn fast 30.000 illegal Eingereiste fest. Das entspricht nahezu der Einwohnerzahl der Inseln.

Der Tourismus ist die Haupteinnahmequelle von Kos. Staatlichen Angaben zufolge kamen bis Juli 7,3 Prozent weniger Urlauber auf die Insel als im Vorjahreszeitraum – das schreiben viele den Flüchtlingen zu. Der Mangel an Unterkünften führt dazu, dass viele Familien draußen oder in Zelten in Parks, am Strand oder in dem mittelalterlichen Fort der Hauptstadt übernachten. Derweil fahren Urlauber auf Rädern vorbei, auf dem Weg in Restaurants. „Touristen mögen diesen Anblick nicht“, sagt Taxifahrer Jannis Kefalianos. „Sie tun ihnen natürlich leid, doch sie sollten mit ihren Zelten nicht am Hafen oder in den Parks sein.“

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