Politik

Camper sind auch nur Menschen

Im Sommer kann man auf einem Zeltplatz viel erleben. Auch in den Gemeinschaftsräumen

Die einen wollen morgens nur den Reißverschluss aufziehen und sofort „in der Natur“ stehen, am liebsten gleich am Strand. Andere gönnen sich keine Ruhe, bis ihr Dauerstellplatz so aussieht wie die Etagenwohnung in Schöneberg oder Hohenschönhausen. Die dritten versuchen, Hohenschönhausen im Campingbus nach Italien zum Lago Maggiore mitzunehmen. „Die“ Camper sind genauso unterschiedlich wie „die“ Berliner.

Das ist auch kein Wunder: In Deutschland werden die meisten Wohnmobile gebaut, gekauft und gefahren. Deutsche Campingplätze verzeichneten in den vergangenen beiden Jahren jeweils knapp 27 Millionen Übernachtungen, das sind fast so viele wie in der Touristenstadt Berlin. Ganze Kleinstädte sind im Sommer auf der Walz und suchen in mobilen Wänden Erholung.

Das klappt nicht immer – eben wie zu Hause. Wer daheim ein Mieterschreck ist, wird auf dem Campingplatz nicht plötzlich zum Charmebolzen. Ein Mindestmaß an Geselligkeit muss man schon mitbringen – die Nähe zum Mitcamper ist vorprogrammiert, ob man will oder nicht. Es fängt schon an mit den Aufwachgeräuschen. Nach kurzer Zeit kann man alle Nachbarn akustisch orten: Der beleibte Herr links eröffnet den Tag mit röchelndem Abhusten. Das junge Paar in der Reihe gegenüber bereitet Frühstück vor („Wo hast du denn die Margarine?“ – „Na, wo sie immer ist.“). Der Holländer daneben knallt mit den Autotüren. Campen ist ein Sinnesereignis. Am schönsten fand ich immer die Geräuschkulisse französischer Zeltplätze im Wald: Leise knattert die Wäsche zwischen den Bäumen, Grillen zirpen, der Tag beginnt mit dem Zzzzt-zzzzt der Reißverschlüsse. Man tritt morgens aus dem Vorzelt und riecht eine Mischung aus Kiefern und frischem Baguette.

Es gibt ein paar Camperstandardsätze. Bei Eltern mit kleineren Kindern beginnen sie meistens mit „Wo ist ... ?“ Spielsachen, Sandförmchen, Handtücher – jeder Tag beginnt mit Suchaktionen. Ehepaare erörtern häufig die Versorgungslage: „Wir brauchen Klopapier, Dieter.“ Sportliche Camper stecken die Köpfe über Faltkarten zusammen oder checken ständig ihr Equipment: „Die Ventile sind schon wieder locker!“ Einer unserer Zeltnachbarn an der Müritz – ein leidenschaftlicher Hobbyfotograf aus Uelzen – erklärte seiner Frau und sämtlichen umliegenden Campern mit enervierender Unermüdlichkeit die Kompetenzkompetenz seiner Kamera: „Und hier am Multifunktionsrädchen kann ich ...“ Wir hätten alle hinterher in einem Fotofachgeschäft anfangen können.

Zu manchmal ausufernden Sozialkontakten kommt es auch in den Gemeinschaftseinrichtungen. Beim Abwaschen im Spülhaus hört man ganze Lebens- und Ehegeschichten und erfährt Genaueres über Allergien, Hypotheken, Schwiegereltern und ungeratene Kinder („Jetzt versucht es unser Sohn noch mal mit Crossmedia“). Wenn Familienmitglieder gemeinsam die Duscheinrichtungen aufsuchen, wird es beim Wasserrauschen meistens laut: „Klaus, hast du das Shampoo?“ – „Was?“ – „Ob du das Shampoo hast!“ – „Waas?“ Umso komischer ist, dass die meisten Campingplätze mit gegensätzlichen Versprechen werben, achten Sie mal drauf: „Das Leben abseits von Lärm und Hektik entdecken“, „Leben im Einklang mit der Natur“, „Lassen Sie Ihre Seele baumeln“. Was immer die Seele will – in einer Gemeinschaftsdusche auf dem Campingplatz baumelt sie jedenfalls nicht.

Unter den Campern gibt es echte Individualisten. Die stellen ihren alten Ford-Kastenwagen mit der Aufschrift „Excalibur“ an eine Klippe, starren aufs Meer und erzählen, wie sie in Marokko mal fast an Typhus gestorben sind. Im schottischen Hochland grüßen sich Survival-Erprobte, die seit Tagen keinen Menschen gesehen haben. Und es gibt Campingprotzer, die stolz ihre 3400-Euro-Outdoor-Küche vorführen, neben der der eigene Gaskocher wie ein Neandertaler wirkt. Auch wie zu Hause, genau. Im Grunde sind wir ja alle Camper seit 20.000 Jahren – nur dass wir vorübergehend in Wohnungen leben.