Kabul –

Afghanistan brennt

| Lesedauer: 4 Minuten

Seit dem Nato-Einsatz gewinnen die Taliban wieder an Einfluss. Anschlag auf Kabuler Flughafen

Kabul.  Die Welle der Gewalt in Afghanistan reißt nicht ab. Nach den blutigen Attentaten vom Wochenende hat ein Selbstmordattentäter am Montag am Flughafen der Hauptstadt Kabul mindestens fünf Menschen mit in den Tod gerissen. 21 weitere seien verletzt worden, teilte ein Sprecher des Innenministeriums mit. Demnach zündete der Angreifer am Eingangstor des Flughafengeländes eine Autobombe. Zu dem Anschlag bekannten sich die radikalislamischen Taliban. Ziel sei ein ausländischer Truppenkonvoi gewesen.

Afghanistans Präsident Aschraf Ghani machte erstmals direkt das Nachbarland Pakistan für die jüngste Anschlagserie mitverantwortlich. „Die vergangenen Tage haben gezeigt, dass die Trainingslager für Selbstmordattentäter sowie die Bombenfabriken, die zum Tod unserer Menschen führen, in Pakistan so aktiv wie früher sind“, sagte Ghani während einer Fernsehansprache. Er forderte die pakistanischen Behörden auf, die Hintermänner der Anschläge zur Rechenschaft zu ziehen.

In Fernsehbildern war eine dunkle Rauchwolke über dem Ort der Explosion zu sehen. Auch Häuser, Läden und Autos seien beschädigt worden, hieß es. Ein Nato-Sprecher sagte, es gebe keine Informationen über einen Konvoi in der Gegend. Ausländische Truppen seien nicht zu Schaden gekommen.

Erst am Wochenende hatten die Taliban Afghanistan mit einer Welle der Gewalt überzogen. Zunächst waren am Freitag bei der schwersten Anschlagserie seit Jahren in Kabul mindestens 53 Menschen getötet und Hunderte verletzt worden. In der Nacht zum Sonntag riss ein Selbstmordattentäter in der nordafghanischen Provinz Kundus mindestens 25 Menschen in den Tod.

Der Nato-Kampfeinsatz in dem Land war Ende 2014 offiziell ausgelaufen, die afghanischen Sicherheitskräfte sind nun weitgehend auf sich allein gestellt. Die verbliebenen ausländischen Truppen konzentrieren sich seitdem auf die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte. Die USA gehen aber weiterhin mit Spezialkräften und Luftangriffen gegen Extremisten vor.

Nach Angaben der Mission der Vereinten Nationen in Afghanistan (Unama) sind in den ersten sechs Monaten seit dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes fast 5000 Zivilisten getötet oder verletzt worden. Die Taliban hatten im April eine Offensive begonnen, die sich gegen die Truppen der vom Westen unterstützten Zentralregierung in Kabul richtet.

Lokalpolizei wird zum Problem

Wie kompliziert die Lage im Land ist zeigt das Beispiel der Stadt Kandar. Im Jahr 2012 hatte der 26-jährigen Lotfullah Kamran einen erfolgreichen Aufstand gegen die radikalislamischen Taliban in seinem Dorf angeführt. Kamran wurde Polizeichef in seinem Heimatbezirk Andar in der südafghanischen Provinz Ghasni – doch der Erfolg währte nicht lange: Heute hat Kamran keinen Job und muss sich vor den Taliban und ehemaligen Mitstreitern verstecken. In Andar kämpfen stattdessen Taliban, Sicherheitskräfte und Kamrans ehemalige Miliz um die Vorherrschaft.

Der spontane Aufstand wurde von afghanischen und ausländischen Nachrichtendiensten und Regierungskräften unterstützt, sagt der afghanische Politikexperte Borhan Osman. Doch die Milizen wurden bald selbst zum Problem: „Anstatt die Taliban abzuschrecken, brachten sie diese zurück, weil die Milizen noch verhasster waren.“

Die Nichtregierungsorganisation „International Crisis Group“ kam zu dem Schluss, dass die „billigen, aber gefährlichen“ ALP-Milizen in manchen Landesteilen die Konflikte noch verschärft haben. Derzeit gibt es zwei Arten von Pro-Regierungsmilizen in Afghanistan: Die von der Regierung finanzierte Afghanische Lokalpolizei (ALP) und informelle Milizen, die außerhalb der Zuständigkeit der Sicherheitskräfte und Behörden operieren. Die ALP wurde auf Veranlassung der US-Streitkräfte ins Leben gerufen. Die Kosten für die etwa 30.000 ALP-Kämpfer belaufen sich auf umgerechnet 109 Millionen Euro im Jahr. Pro Kopf ist das ein Viertel von dem, was reguläre Sicherheitskräfte oder Soldaten die Regierung kosten würden.

In Kundus im Norden Afghanistans machen die Bewohner die Milizen für die schlechte Sicherheitslage mitverantwortlich. Das ehemalige Einsatzgebiet der Bundeswehr wurde kürzlich beinahe von den Taliban überrannt. Mir Ghawsuddin, ein Stammesältester im Bezirk Chardhara, erzählt, die Bewohner seien gegen die Taliban. Trotzdem mussten sie die Waffen gegen die ALP ergreifen, um sich zu wehren. „Die ALP hat die Dorfbewohner ausgeraubt und verstümmelt.“ Die Taliban hätten Erfolg, weil die Milizen versagten.

( dpa )

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos