Eine Autobombe, ein Angriff auf Polizisten und ein Anschlag auf das US-Generalkonsulat: Istanbul wird zum Schauplatz mehrerer Angriffe

Der Krieg ist zurück

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Deniz Yücel

Istanbul.  Ziemlich genau zwei Monate ist es her, dass das amerikanische Generalkonsulat in Istanbul zum letzten Mal in den türkischen Nachrichten war. Und es war keine der üblichen Meldungen, mit denen diplomatische Vertretungen der USA sonst in Verbindung gebracht werden: keine Protest, kein Anschlag, sondern ein politisches Zeichen aus dem Konsulat selbst.

Konsul Charles Hunter, ein bekennender Schwuler, der mit einem türkischen Musikproduzenten verheiratet ist, hatte anlässlich der Gay-Pride-Woche die Regenbogenfahne hissen lassen, das weltweite Symbol der schwul-lesbischen Bewegung. Am Abend vor der – später von der Polizei mit Gewalt aufgelösten – Christopher-Street-Day-Parade gab es bei einem oppositionellen Bezirksbürgermeister einen Empfang für die Homo- und Transaktivisten, natürlich war der Konsul auch da, überließ das Wort aber dem eigens aus Ankara angereisten Botschafter.

Auch in jenen Tagen Ende Juni war die Türkei kein Hort des Friedens. Und doch klingt diese Episode heute wie aus einer weit entfernten Zeit. Denn der Krieg ist zurück in der Türkei, die Gewalt, der Terror. In der Nacht zu Montag eröffneten zwei Personen das Feuer auf das außerhalb des Stadtzentrums gelegene Gebäude des US-Konsulats.

Das Wachpersonal erwiderte das Feuer, einer der beiden Angreifer wurde festgenommen. Kaum hatte sich der Pulverdampf gelegt, begannen die Spekulationen, ob es sich bei den Tätern – ein Mann und eine Frau – um Mitglieder des „Islamischen Staates“ (IS) oder der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) handelte.

DHKP-C bekennt sich zu Anschlag

Die USA hat zwar für die türkische Beihilfe im Kampf gegen den IS Luftangriffe auf Stellungen der PKK in Kauf genommen. Aber auch in Washington hat man inzwischen bemerkt, dass sich die militärischen Anstrengungen der Türkei im Wesentlichen auf die PKK konzentrieren. Die wiederum hat erst in der vergangenen Woche die USA zu mehr Verantwortung aufgerufen. „Wir wollen vom Kongress und vom Weißen Haus, dass die USA eine wichtige Rolle im Friedensprozess einnehmen“, sagte Zübeyir Aydar, Mitglied des Exekutivkomitees der KCK, einer Art politischen Dachorganisation der PKK. „So wie die USA mit der Türkei im Dialog ist, muss sie auch mit den Kurden in einen Dialog treten. Die USA muss uns und die Türkei an einen Tisch bringen.“

Wer derlei Appelle an einen ausländischen Staat stellt, beschießt für gewöhnlich aber nicht dessen diplomatische Vertretungen mit Maschinengewehren. Am Mittag meldeten die türkischen Behörden dann auch, dass es sich bei der verletzt festgenommenen Frau um ein Mitglied der Revolutionären Volksbefreiungsfront/-partei (DHKP-C) handeln soll, die sich kurz darauf tatsächlich zu dem Anschlag bekannte.

Das wiederum passt. Die DHKP-C hat immer wieder US-Einrichtungen in der Türkei angegriffen. Anfang des Jahres 2013 starben bei einem Selbstmordanschlag auf die US-Botschaft in Ankara der Attentäter und ein Wachmann, außerdem wurde eine Journalistin schwer verletzt.

Die 1978 gegründete DHKP-C genießt in einigen Armenvierteln der Großstädte einen gewissen Rückhalt. Aber eigentlich ist sie selbst innerhalb der radikalen Linken isoliert. Mit Anhängern der PKK lieferte sie sich vor zwei Jahren Straßenschlachten. In ihrer Ideologie, Symbolik und der „Propaganda der Tat“, also dem Terrorismus, erinnert sie eher an die russischen Narodniki, den „Volkstümlern“, des späten 19. Jahrhunderts als etwa an klassische marxistisch-leninistische Organisationen.

Das Selbstmordattentat jedoch hat nicht sie in die türkische Geschichte eingeführt. Das war die PKK. Und vermutlich waren es deren Kämpfer, die wenige Stunden vor dem Anschlag auf das US-Konsulat eine Polizeiwache im Istanbuler Arme-Leute-Viertel Sultanbeyli und in der südostanatolischen Kleinstadt Silopi angriffen. Dabei starben zwei Angreifer und insgesamt fünf Polizisten.

Die PKK spricht von „begrenzten Vergeltungsaktionen“. Sie fühle sich weiterhin an den Friedensprozess gebunden und sei noch nicht zum Gegenangriff übergegangen, sagte PKK-Mitgründer Duran Kalkan kürzlich. Dass die prokurdisch-linke HDP die PKK seit Tagen in einer nie zuvor gehörten Deutlichkeit dazu aufruft, die Finger vom Abzug zu nehmen, scheint die PKK-Führung jedoch nicht zu interessieren.

Auf der anderen Seite gab es seit Beginn der türkischen Luftangriffe mehrfach Berichte, wie Sicherheitskräfte unbewaffnete Personen erschossen haben sollen. Zudem brennen in Tunceli und anderen kurdischen Provinzen die Wälder. Die Opposition beschuldigt die Sicherheitskräfte, die Feuer zu legen – um die PKK-Kämpfer leichter ausfindig zu machen.

Gewalttätige Atmosphäre

Nur eine Organisation ist in diese Eskalation bislang bemerkenswert wenig involviert – der „Islamische Staat“ nämlich. Wie am Wochenende bekannt wurde, wurden in der Türkei seit dem mutmaßlich von einem IS-Mitglied verübten Anschlag in Suruç im ganzen Land knapp 2000 Personen festgenommen – darunter jedoch weniger als 100 mutmaßliche Anhänger des IS.

In dieser gewalttätigen Atmosphäre gehen derweil die Koalitionsgespräche zwischen der AKP und der oppositionellen CHP unter – man hat ja schon fast vergessen, dass es eine Wahl gab und die AKP eigentlich keine Mehrheit mehr besitzt, um das Land zu regieren. Am Montagnachmittag werden sich die Parteivorsitzenden Ahmet Davutoglu und Kemal Kilicdaroglu zum Gespräch treffen. Wie die Berliner Morgenpost aus der Verhandlungsdelegation der CHP erfuhr, soll es eine Gruppe von 50 bis 56 AKP-Abgeordneten geben, die sich dem Drängen von Staatspräsident Erdogan nach einer Neuwahl widersetzen. Am Montag meldete sich zudem eine Reihe von Mitgründern der AKP zu Wort, die sich ebenfalls gegen eine Neuwahl aussprachen.

Die Frage ist nun, was Davutoglu machen wird. Die Bildung einer Regierung wäre vielleicht ein erster Schritt dazu, das Land zu beruhigen. Vielleicht. Die Frist läuft am 23. August aus.

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