Politik

In Deutschland willkommen

Wenn ich mir die Asylpolitik angucke, wäre ich im Moment lieber Deutsche

Immer wieder gibt es in Deutschland Debatten darüber, ob man sagen darf, man sei stolz darauf, ein Deutscher zu sein. Ich bin überzeugt: In keinem anderen Land der Welt würde so eine Frage überhaupt nur gestellt werden. Über die vielen Jahre, die ich hier lebe, habe ich eine Reihe von Antworten insbesondere von deutschen Politikern erleben können. Wer antwortet, er sei „stolz, Deutscher zu sein“, ist jedoch schnell mit dem Vorwurf konfrontiert, er sei oder denke nationalistisch.

Im Jahr 2004 wurde Bundeskanzlerin Angela Merkel dann auch von Journalisten der „Bild“ gefragt, welche Emotionen in ihr hoch kämen, wenn Sie an Deutschland denke. Dies ist nichts anderes, als ein kreativer Versuch, die schwierige Frage nach dem Nationalstolz alternativ zu formulieren. Merkel hat nicht etwa geantwortet, sie liebe die Berge oder sie liebe Wagner, oder sie sei stolz über den wirtschaftliche Erfolg Deutschlands. Keineswegs. Sie sagte – und das werde ich nie vergessen: „Ich denke an dichte Fenster! Kein anderes Land kann so dichte und so schöne Fenster bauen wie Deutschland.“

Die Botschaft dieses Merkel-Zitats ist längst in Großbritannien angekommen, wo deutsche Fenster richtig im Kommen sind in den letzten Jahren (so wie skandinavische auch). Das war auch höchste Zeit – dort, wo Fremde ganz schnell zu dem Schluss kommen könnten, wir auf der Insel liebten die Zugluft, die durch unsere mangelhaften Fenster entsteht. Ich kann mir vorstellen und es ist zu hoffen, dass in nicht allzu ferner Zukunft viele Menschen, wenn sie gefragt werden, worauf Deutsche stolz sein können, antworten werden, es sei die Willkommenskultur.

Klar gibt es in Deutschland Stimmen, die furchtbar laut und schrecklich dagegen hetzen, dass so viele Flüchtlinge in letzter Zeit nach Deutschland gekommen sind. Aber es sind die anderen Geschichten, die auch zu hören sind: von Menschen, die Sprachkurse anbieten oder die Kleider und Lebensnotwendiges sammeln – wie neulich, als in meiner Nachbarschaft nach eine Schulmappe für einen afghanischen Neuankömmling gesucht wurde. Da sind auch die Architekten, die überlegen, wie zukünftig Unterkünfte für Flüchtlinge aussehen könnten, damit sie nicht an das Wort Ghettoisierung erinnern. Oder jene Menschen, die Flüchtlinge zu sich zum Abendessen einladen oder ihnen sogar ein Dach über dem Kopf anbieten.

Neulich, beispielsweise, war ich in einem Dorf in Schleswig-Holstein und habe gesehen wie dort eine syrische Familie aufgenommen worden ist: Mit Blumen und Kaffee und Möbeln wurde sie in ihrem neuen Zuhause begrüßt. Und der Bürgermeister persönlich ist auf eine Leiter geklettert, um für die syrische Familie eine Satellitenschüssel auf dem Dach zu installieren, damit der Fernsehempfang auch störungsfrei funktioniert.

Im Vergleich zu diesen herzlichen Schnappschüssen der Gastfreundlichkeit sehe ich mit zunehmender Abscheu, wie in meinem Heimatland momentan Flüchtlinge behandelt werden. Da heißt es nur: Zäune höher bauen, Löcher schneller reparieren, damit sie bloß ja nicht unsere Festung durchbrechen können.

Während die Bundeskanzlerin ihre Neujahrsrede dazu benutzt hat, um gegen Hetzerei der Marke Pegida zu warnen – mit den einprägsamen Worten: „Folgen Sie denen nicht, die dazu aufrufen ... Zu oft sind Vorurteile, ist Kälte, ja, sogar Hass in deren Herzen!“ – sprach Großbritanniens Premierminister unlängst über die „Schwärme von Menschen“ die auf eine Chance warteten, den Sprung über den Kanal zu schaffen. Während Merkel sagt, dass „die Kinder Verfolgter hier ohne Furcht groß werden können“, erzählt Cameron, Großbritannien würde „kein sicherer Zufluchtshafen für Flüchtlinge“.

Neulich sagte ein Engländer in einem Interview mit der BBC folgenden erschreckenden Satz: „Wir haben Hitler besiegt, warum können wir nicht diesen Ausländer-Strom besiegen?” Ich weiß nicht, ob ich gerade so stolz darauf bin, Engländerin zu sein.