Ankara –

Militärische Fehleinschätzungen

| Lesedauer: 4 Minuten
Alfred Hackensberger

Washington bildet moderate Rebellen für den Kampf gegen den IS aus – und verliert viele davon

Ankara.  Das Blech glänzt und blitzt in der Sonne, als die 34 Geländewagen der Division 30 im türkischen Kilis die Grenze nach Syrien überqueren. Die Wagen sind nagelneu, wie auch die Flakgeschütze, die Munition und die Nachtsichtgeräte auf ihren Ladeflächen. Jeder Einzelne der 54 Männer im Konvoi hat eine 45-tägige Ausbildung der US-Armee in der Türkei hinter sich. Zum Ende des Militärtrainings wurden den Kämpfern noch ein M16-Gewehr in die Hand gedrückt sowie 400 Dollar und 400 türkische Lira.

Washington hat den Männern einen Kampfauftrag mit geringer Erfolgsaussicht erteilt. Die Rebellen sollen auf syrischem Boden die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) attackieren. 54 Männer gegen eine Heerschar radikaler Islamisten, die zum Äußersten entschlossen sind. Die Bilanz ist bitter: Nach zwei Wochen sind fünf Männer erschossen, mindestens vierzehn entführt, darunter zwei ihrer Anführer. Die Division 30 wurde von der Al-Nusra-Front, dem offiziellen Al-Qaida-Vertreter in Syrien, angegriffen. Washington hatte geglaubt, dass der Kampf gegen den gemeinsamen Feind IS die Al-Qaida-Kräfte zu Verbündeten machen würde. Ein Irrtum.

Damit ist die US-Mission in Syrien ein Desaster, noch bevor sie überhaupt richtig begonnen hat. Ein weiterer strategischer Fehler der Großmacht USA in Syrien. Seit Ausbruch des Bürgerkriegs suchen die Amerikaner nach Allianzen vor Ort, weil das kriegsmüde Washington selbst keine Soldaten mehr entsenden mag. Das US-Verteidigungsministerium lieferte Waffen an vermeintliche Freunde in Syrien, die wenig später bei al-Qaida-nahen Gruppen landeten. Der CIA schätzte die Stärke und Entschlossenheit der IS-Terrormiliz völlig falsch ein und wurde so von deren Offensive auf Mossul überrascht. Auch die Einnahme der irakischen Stadt Ramadi sahen die Amerikaner nicht voraus.

Im Mai beschloss Washington dann, moderate Rebellen für den Kampf gegen den IS zu rekrutieren. Für 500 Millionen US-Dollar sollen pro Jahr 5000 Rebellen ausgebildet und bewaffnet werden. Bisher ließen sich nur 54 Männer verpflichten, deren Leben die Militärstrategen leichtfertig aufs Spiel setzten – als würde es noch tausend weitere Kandidaten geben. Aber das Gegenteil ist der Fall. „Wir befinden uns im Anfangsstadium unseres Programms“, räumte der amerikanische Verteidigungsminister Ashton Carter bei einer Anhörung vor dem Senat am 7. Juli ein. Bisher habe man 7000 Freiwillige sondiert, die müssten allerdings gewisse Standards erfüllen: die Bereitschaft, gegen den IS zu kämpfen, und eine erfolgreiche Überprüfung durch den US-Geheimdienst. Die Zahl der Kandidaten, die danach übrig blieb, „ist weitaus geringer, als wir gehofft hatten“, gestand Carter vor dem Senat ein.

Das Pentagon sitzt nun in einer Zwickmühle, denn: „Partner am Boden sind entscheidend im Kampf gegen den IS“, sagte Carter. Die bisher einzig verlässliche Kooperation besteht mit der syrischen Kurdenmiliz YPG. Ihr gelang es mithilfe amerikanischer Luftunterstützung, bis zu 40 Kilometer nah an die Stadt Rakka heranzukommen, die Hauptbasis der Extremisten. Das hat bisher noch niemand geschafft. Aber Washington will keine kurdischen Truppen, die in die hauptsächlich von Sunniten bewohnte Stadt einmarschieren.

Amerika läuft die Zeit davon. US-Präsident Barack Obama scheint beschlossen zu haben, die wenigen Erfolge zu schützen. Er hat die US-Luftwaffe autorisiert, die Division 30 gegen Angriffe der Terroristen und des Assad-Regimes zu verteidigen. Die ersten Bomben fielen auf Stellungen der Al-Nusra-Front, und die mit al-Qaida verbündete Gruppe hat Vergeltung angekündigt. Damit dürfte auch der letzte Stratege verstanden haben, dass der Feind des Feindes nicht unbedingt ein Freund ist.

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