London –

Die Insel der Schuldigen

| Lesedauer: 7 Minuten
Eva Ladipo

Großbritannien will mit den Pädophilievorwürfen aufräumen – und schießt über das Ziel hinaus

London.  Seine Gräueltaten waren seit Längerem nicht mehr erwähnt worden, sein Name nicht mehr gefallen. Die furchtbare Sache mit Jimmy Savile schien ausgestanden. Schließlich ist der Kinderschänder seit vier Jahren tot. Ungefähr genauso lange wissen die Briten, dass der Nationalheilige aus dem Fernsehen kein Engel war, sondern eher ein Teufel. Nachdem er die Schlagzeilen eine gefühlte Ewigkeit lang dominiert hatte, war es endlich still geworden um den perversen Superstar. Die Sache schien ausgestanden.

Dann allerdings geschah in der vergangenen Woche etwas, das alles wieder hochbrachte: den Ekel und den Unglauben, die Abscheu und die Selbstzweifel. Einen Tag und ein paar Stunden lang waren sich alle einig, dass eine weitere Schmerzgrenze durchbrochen und die Schande der Nation noch größer sei als gedacht. Von Dienstagmorgen bis Mittwochmittag fiel das Land wie von Sinnen über einen toten Mann her: Edward Heath, der ehemalige Premierminister, wurde ohne Beweise, doch dafür praktisch einstimmig zum Kinderschänder erklärt. Das Laster hatte es in die Downing Street geschafft. Jimmy Savile war überall, die britische Oberschicht generell unter Perversionsverdacht.

Genauso schnell, wie er begonnen hatte, war der Spuk dann wieder vorbei – zumindest auf den Titelseiten der Zeitungen. Es stellte sich heraus, dass die Hinweise gegen Heath falsch waren. Die öffentliche Empörung ebbte ab, die Polizei aber ermittelt trotzdem weiter gegen den verstorbenen Premier. Man will unbedingt ausschließen, dass etwas übersehen wird.

Falsche Anschuldigungen

Der Skandal der vergangenen Woche beweist, dass der böse Geist von Jimmy Savile mitnichten ruht. Er wütet noch immer, mit ungebrochener Kraft. Er hat dafür gesorgt, dass Vernunft, Besonnenheit und die Mechanismen des Rechtsstaats in einem Land, das wie kein anderes stolz ist auf seine Meinungsfreiheit, einen Tag lang außer Kraft gesetzt wurden. Als Jimmy Savile starb und ans Licht kam, welchen Neigungen er nachgegeben hatte, zerstörte das nicht nur das Andenken des Täters selbst. Es veränderte auch all jene, die sich mitschuldig fühlten, weil sie Jahr für Jahr, Sonnabend für Sonnabend vor dem Fernseher gesessen und sich von ihm hatten blenden lassen. Praktisch vor den Augen der Öffentlichkeit hat Savile Hunderte von Mädchen und Jungen vergewaltigen können – in seinem Wohnmobil, in der Umkleide, im Studio der ehrwürdigen BBC, in 14 Krankenhäusern und 20 Kinderkrankenhäusern. Er hat weder Zweijährige verschont noch 75-Jährige.

So kommt es, dass der einst so bewunderte DJ Savile ein ganzes Land von Schuldigen hinterlassen hat. Und wer sich schuldig fühlt, tut Buße, um sich besser zu fühlen: Seit Savile ist Großbritannien in einem Kreislauf von fast pathologischer Wiedergutmachung gefangen. Nie wieder! Das ist der Grundsatz, der eine neurotische Atmosphäre geschaffen hat. Anders als in den meisten Rechtssystemen verjährt der Tatbestand der Vergewaltigung nach britischem Recht nicht. So konnte die Polizei das Versäumte mit einer beispiellosen Serie von Ermittlungen nachholen.

Die Metropolitan Police richtete ein eigenes Dezernat ein, „Operation Yewtree“, und begann schon nach wenigen Wochen mit Verhaftungen und Verhören: In kurzer Folge wurden der Rockstar Gary Glitter verhaftet, der PR-Guru Max Clifford, der Moderator Dave Lee Travis, der Fernsehstar Rolf Harris, der Radiomoderator Chris Denning. Plötzlich stellte sich die gesamte Unterhaltungsindustrie als Sündenpfuhl dar.

Wie ein Flächenbrand griffen die Ermittlungen auf die nächste privilegierte Klasse über. Die Polizei ging Gerüchten über pädophile Politiker nach, die sie jahrzehntelang ignoriert hatte. Immer mehr Scheußlichkeiten aus der Vergangenheit traten so zutage. Zahlreiche hochkarätige Politiker wurden posthum des Kindesmissbrauchs überführt, darunter Sir Cyril Smith, Lord Leon Brittan und Margaret Thatchers parlamentarischer Privatsekretär Sir Peter Morrison. Ein Ring von Pädophilen wurde ausgehoben, der in den 80er-Jahren in zwei geheimen Häusern im Süden Londons regelmäßig Jungen missbraucht hatte. Hinweise tauchten auf und verschwanden wieder, dass ein weiterer Ring im Regierungsviertel operiert und drei Jungen umgebracht habe. Und mit jeder Enthüllung wuchs die Hysterie.

„Wir werden jeden Stein umdrehen!“, versprach Premierminister David Cameron im vergangenen Sommer, als er in der Endlosschleife der Aufklärung eine weitere Untersuchungskommission der Regierung ankündigte. „Wir werden die Wahrheit ans Licht bringen“, gelobte er, das sei „überlebenswichtig“.

Ermittlungen als Gratwanderung

Die erste dieser Wahrheitskommissionen kam zu einem ernüchternden Ergebnis: Hunderte von Akten aus den 80er- und 90er-Jahren voller Hinweise auf pädophile Umtriebe innerhalb des Regierungsviertels waren verschwunden. Innenministerin Theresa May entschied daraufhin, dass als Nächstes die Untersuchung untersucht werden müsste: Sie setzte eine weitere Kommission ein. Die ausufernden Ermittlungen, heißt es, betreffen mittlerweile 1433 Männer, darunter 261 „bekannte Persönlichkeiten“.

Wie schmal der Grat zwischen berechtigten Ermittlungen und öffentlicher Diffamierung ist, zeigt auch der Fall des britischen Musikers Cliff Richard. Die Polizei hatte die BBC vorab über eine Hausdurchsuchung bei dem Sänger informiert, das Fernsehen berichtete daraufhin live aus dem Hubschrauber. Anders als in Deutschland müssen die Namen von Verdächtigen in Ermittlungen in Großbritannien nicht geheim gehalten werden. Richard bestritt alle Vorwürfe des Kindesmissbrauchs, der in den 80er-Jahren geschehen sein soll. Seine Bitten, die Beweise einsehen zu dürfen, wurden abgelehnt.

Der Verdächtige aus der vergangenen Woche, Edward Heath, kann sich nicht mehr verteidigen. Er ist seit zehn Jahren tot. Der Premier war unverheiratet, galt als Eigenbrötler und ließ sich mit Jimmy Savile fotografieren. Diese Umstände genügten den Ermittlern offenbar, um Verdacht zu hegen. Ein pensionierter Polizist machte diesen in der vergangenen Woche öffentlich. Er erhob den Vorwurf, dass ein Strafverfahren gegen Heath in den 90er-Jahren stillschweigend eingestellt worden sei, um den früheren Premierminister vor der Entlarvung als Kinderschänder zu schützen. Die Boulevardzeitung „Daily Mail“ präsentierte daraufhin ein vermeintliches Opfer des Premiers, das behauptete als Zwölfjähriger das Bett mit Heath geteilt zu haben. Die Geschichte stellte sich nur einen Tag später als frei erfunden heraus, da hatten sie aber alle anderen Zeitungen schon abgeschrieben.

Die Kehrtwende spielt jedoch keine Rolle mehr. Der Name des Premiers, Wegbereiter nach Europa und Weltkriegsoffizier, ist beschmutzt und wird es wohl bleiben. Jimmy Savile hat es geschafft, ihn und die Unschuldsvermutung mit in den Abgrund zu reißen.

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