Am Donnerstag hat Ägypten die Erweiterung des Suezkanals gefeiert. Einer lässt sich dafür besonders loben: Präsident al-Sisi

„Ägyptens Geschenk an die Welt“

| Lesedauer: 11 Minuten
Andrea Backhaus

Kairo.  Es war ein besonderes Schiff, das Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi wählte, um die zweite Fahrrinne und damit die Erweiterung des Suezkanals offiziell für den Schiffsverkehr freizugeben. Der Präsident fuhr auf der Jacht namens „El-Mahrusa“, auf Deutsch „Die Geschützte“. Das ist nicht nur der Spitzname Ägyptens, die Jacht war schon vor 146 Jahren das erste Schiff, mit dem der neue Suezkanal eingeweiht wurde. Bei ihrer Fahrt wurde die „El-Mahrusa“ von Kampfjets in Formationen überflogen. Drei Jahre waren für den Bau geplant, doch schon nach einem Jahr Bauzeit konnte Ägypten am gestrigen Donnerstag die Eröffnung des neuen Suezkanals feiern.

Den Ausbau nannte al-Sisi „Ägyptens Geschenk an die Welt“. An der Feier nahmen auch internationale Gäste wie Frankreichs Präsident François Hollande sowie Staatsgäste aus Russland und arabischen sowie afrikanischen Ländern teil. Auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel reiste dafür nach Ägypten. „Die Erweiterung des Suezkanals ist eine beeindruckende Ingenieursleistung, die auch dank der Beteiligung und des Know-hows deutscher Unternehmen in Rekordzeit gelungen ist“, sagte der SPD-Politiker. Auch für Deutschland als wichtige Exportnation sei die Wasserstraße von großer Bedeutung.

Eine hoffnungsvolle Zukunft

In Ägypten wurde die Eröffnung als historisches nationales Ereignis begangen. Auf dem Tahrir-Platz in Kairo feierten die Menschen, die Hauptstadt war überall mit Lichtern und Fahnen geschmückt. Der Donnerstag wurde zum nationalen Feiertag erklärt, die Benutzung der U-Bahn war kostenlos.

„Das Projekt wird alles verändern“, sagt Gamal Kamal und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Der Kanal ist wichtig für die ganze Welt.“ Kamal, Offizier und Sicherheitschef auf der Baustelle, streicht sich über den Schnurrbart, grinst. Hinter ihm ragen die Kräne der Bagger in den Himmel. Um ihn herum haben sich ein paar Arbeiter in den Schatten unter die Sonnenschirme des Cafés geflüchtet, Soldaten nippen an Cola, ihre Kalaschnikows stecken im Sand. Es sind mehr als 40 Grad. Das stört Kamal nicht. Immerhin soll hier in seiner Heimatstadt Ismailia, zwei Autostunden von Kairo entfernt, eine neue Zeitrechnung beginnen. Hier hat sein Präsident Abdel Fattah al-Sisi Ägyptens Zukunft eingeläutet.

Der Ausbau des Suezkanals soll das Jahrhundertprojekt von Ägyptens neuen Machthabern werden. In nur einem Jahr haben die Herrscher am Nil die 163 Kilometer lange Wasserstraße, die seit fast 150 Jahren das Rote Meer mit dem Mittelmeer verbindet, um eine kleinere Fahrrinne erweitern lassen. Mit der neuen Trasse, die auf 72 Kilometern parallel zum Hauptkanal verläuft, sollen mehr Schiffe den Kanal gleichzeitig und erstmals auf zwei Spuren befahren können.

Das soll die Kapazität des Kanals enorm erhöhen, wie die Regierung anpreist: Die Wartezeit der Frachter soll statt zehn nur noch knapp drei Stunden, die Durchfahrtszeit statt 18 nur noch elf Stunden betragen. Passieren heute am Tag rund 50 Containerschiffe den Kanal, sollen es bald doppelt so viele sein. Auch sind Häfen, Straßen, Schienen und Hotels, in Ismailia gar eine ganz neue Schwesterstadt geplant.

Kairo verspricht sich von dem gigantischen Infrastrukturprojekt Milliardeneinnahmen und weltweites Prestige. Und Präsident al-Sisi erhofft sich vor allem eines: dass seine Macht weiter gefestigt wird. Denn zwei Jahre nach dem Umsturz durch das Militär möchte der Ex-General sein krisengeschütteltes Land zurück auf die internationale politische und wirtschaftliche Bühne bringen. Unaufhörlich wirbt er für die Neubelebung am Nil: Er trifft Staatschefs, buhlt um Investoren, schließt Großaufträge ab. Ein Wolkenkratzer und ein Atomkraftwerk sind in Planung, auf der Wirtschaftskonferenz im März verkündete er den Bau einer neuen Hauptstadt, die als „Quelle des Stolzes“ alles überstrahlen werde. Doch gerade das Suez-Projekt hat al-Sisi zur Chefsache deklariert, solle es doch das „neue Ägypten“ symbolisieren. Das gründet vor allem auf: der Konstruktion von nationalen Mythen.

„Heute wollen alle nach Ismailia“, sagt Gamal Kamal und rückt sich die Sonnenbrille zurecht. Früher habe auf der kleinen Insel, auf der die Baustelle zwischen dem alten und dem neuen Kanal liegt, nur Einöde geherrscht. Jetzt setzten täglich Dutzende Autos mit der Fähre vom Festland herüber. Arbeiter, Besucher, ganze Delegationen reisen hierher, um auf einem der Versorgungsschiffe die neue Strecke entlangzuschippern. „Hier wird Geschichte geschrieben“, sagt Kamal. „Das wollen alle mit eigenen Augen sehen.“

Tatsächlich ist die Route zwischen dem Roten Meer und dem Mittelmeer traditionell ein Sehnsuchtsort der Ägypter. Schon die Pharaonen bauten – wenngleich mit anderem Streckenverlauf – einen ersten Kanal, der dann mehrfach erneuert wurde. Der heutige Kanal wurde 1869 unter Leitung des französischen Unternehmers Ferdinand de Lesseps eröffnet. Bis heute ist der Suezkanal eine der wichtigsten Handelsstraßen der Welt. Reedereien sparen sich mit dieser Abkürzung die Fahrt Tausender Kilometer um die Südspitze Afrikas. Doch werde erst mit der zweiten Fahrrinne die Leistung des Kanals wirklich ausgeschöpft, sagt Kamal. Denn je mehr Schiffe hier passieren, desto mehr profitiert der Staat: Nimmt Ägypten durch die Gebühren für die Durchfahrt schon jetzt mehr als viereinhalb Milliarden Euro im Jahr ein, soll sich diese Zahl bald mehr als verdoppeln.

Dafür wurde die alte Wasserstraße auf 37 Kilometern ausgeweitet, 35 Kilometer wurden neu ausgehoben, alles unter Aufsicht der Armee. Aus Sicherheitsgründen, wie es heißt – kommt es doch auf der angrenzenden Sinaihalbinsel seit dem Sturz von Mohammed Mursi immer wieder zu Anschlägen. Und auch wenn Experten die Lukrativität des neuen Kanals anzweifeln – der Suezkanal konkurriert mit dem Panamakanal, der gerade ebenfalls ausgebaut wird und durch einen neuen Kanal in Nicaragua Konkurrenz bekommt –, ist sich Kamal sicher: „Das Militär sichert die Zukunft der nächsten Generationen.“

Das denkt auch Omar, der in einem Café in der Innenstadt von Ismailia auf einem Holzstuhl hockt und in seinem Kaffee rührt. „Der Kanal wird uns höhere Einkommen und mehr Arbeitsplätze verschaffen“, sagt der Mittzwanziger, der Zeitungen verkauft. „Das brauchen wir dringend.“ Denn seit der Revolution steckt Ägypten in einer tiefen Wirtschaftskrise. Die Touristen bleiben weg, die Arbeitslosigkeit ist hoch wie nie, Armut weit verbreitet. Das Land ist politisch tief gespalten, Bombenanschläge sind fast an der Tagesordnung.

„Wir brauchen endlich Stabilität“, sagt Omar. Dass das Kanalprojekt die Besucher zurückbringt, davon ist er überzeugt. Deshalb hat seine Familie Anteilscheine gekauft. Mit den Investmentzertifikaten, die nur Ägypter erwerben konnten, wurden laut Regierung die rund 7,5 Milliarden Euro Baukosten gedeckt. Der Ansturm auf die Suez-Zertifikate, die zwölf Prozent Zinsen versprechen, war immens: Innerhalb von nur acht Tagen waren die Scheine laut ägyptischer Zentralbank ausverkauft.

Dass die Ägypter das Projekt derart euphorisch begrüßen, ist indes nicht zuletzt der gezielten Imagekampagne der Regierung geschuldet: „Schweiß und Blut“ seien die „Kinder des Landes“ bereit zu opfern, um der Heimat „eine bessere Zukunft zu geben“, heißt es etwa im Werbefilm der Suezkanalbehörde. Mehr noch: In Pressemitteilungen wird al-Sisi als direkter Nachfolger von Staatsgründer Gamal Abdel Nasser gelobpreist, jenem legendären General, der den alten Suezkanal verstaatlichte und sich mit einem Staudamm ein kolossales Denkmal setzte – und dessen Polizeistaat die Gesellschaft tyrannisierte.

Und das Militär inszeniert den Kanal auch als Symbol einer patriotisch überhöhten Aufbruchsbewegung, die jedwedem Chaos im Inneren zu trotzen vermag. Und al-Sisi als deren unbezwingbaren Anführer. Mit eiserner Hand befreie der neue starke Mann sein Land von den „Staatsfeinden“. Die Realität könnte indes kaum beängstigender sein: Anhänger der Muslimbrüder werden verfolgt und in Massenprozessen zum Tode verurteilt, Zehntausende Menschen sind in Haft. Folter, Ermordungen und mediale Hetze gegen Aktivisten, Atheisten und Homosexuelle sind Alltag. Die immer rigidere Beschneidung der Menschenrechte präsentiert das Regime als probates Mittel im „Antiterrorkampf“. Doch die Kritik an dem rabiaten Vorgehen wächst.

Korruption im Land

„Nasser, Sisi, das ist doch alles Propaganda“, raunt etwa Scherif, der sich an der Hauptstraße von Ismailia vor einem kleinen Klapptisch postiert hat und Tee verkauft. Es gebe einen Riss in der Gesellschaft, sagt er, zwischen denen, die al-Sisis Kurs unterstützen, und allen anderen. „Jeder, der nicht Sisis Meinung ist, wird bekämpft“, murmelt Scherif. „Das ist doch eine Diktatur.“ Dabei kümmere sich der Präsident nicht um sein Land. So besetze die Suezkanalbehörde die Jobs allein mit guten Freunden oder Leuten aus der eigenen Familie. „So läuft die Korruption in Ägypten“, sagt Scherif. „Uns normalen Leuten bringt das nichts.“ Mehr als 80 ägyptische Firmen sind an dem Ausbau beteiligt. Aber die guten Aufträge, sagt er noch, erhielten nur jene Unternehmer, die Schmiergeld zahlten.

Auf der Baustelle am Kanalufer scheinen solche Bedenken weit weg zu sein. „Das macht al-Sisi alles nur für sein Volk“, sagt Gamal Kamal und deutet auf ein Plakat. Einwohner haben es im Sand festgesteckt, es zeigt al-Sisis Konterfei, darunter steht: „Der Engel wird Ägypten am 3. Juli retten.“ Eine Anspielung auf al-Sisis Machtübernahme im Juli 2013. Ein paar Meter weiter hebt gerade ein Kran die gewaltige Statue eines Soldaten auf ihren Sockel. „Zum Glück haben wir heute Maschinen“, sagt Kamal. Von der Kritik an den schwierigen Arbeitsbedingungen im Sommer oder den Gerüchten über tödliche Arbeitsunfälle will er nichts wissen. „Für die Arbeiter ist es gut hier.“ Er fügt hinzu: „Das ist ja nicht mehr wie beim Bau der Pyramiden.“ Der Präsident komme gern auf die Baustelle. Er rufe dann den Arbeitern zu: „Ihr könnt das.“ Oder: „Lang lebe Ägypten.“

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