Am Paul-Lincke-Ufer ist seit Jahren eine Stelle direkt am Ufer durch einen Bauzaun abgesperrt. Warum das so ist, bleibt ein Rätsel

Posse am Landwehrkanal

Berlin.  Eines Morgens war der Zaun da. Vielleicht stand er ja aber schon seit ein paar Tagen, schwer zu sagen. Auf jeden Fall versperrte er jetzt am Rande des Bürgersteigs den Zugang zu dem breiten Stück Weg, das direkt an der Kottbusser Brücke den Landwehrkanal entlangführt. Und an dem Zaun war ein Schild angebracht, das erklärte, was die Sperrung hier sollte: „Einsturzgefahr“ stand da. Aha, denkt der Bürger, den Zaun hat vermutlich das Bezirksamt von Friedrichshain-Kreuzberg hierhin gestellt, um die Menschen vor Unheil zu bewahren. Und er akzeptiert die Sperrung und die Einsturzgefahr. Und der Sommer kommt, ohne dass der Bürger legal auf diese breite schöne Stück am Wasser könnte, das mit den Treppen. Und der Sommer geht. Und der Zaun ist immer noch da.

Und dann kommt der nächste Sommer. Der Zaun ist noch da, aber das Schild ist weg. Menschen klettern über die kleine Mauer und setzen sich trotzdem ans Ufer und auf die Treppen. Weil die Sonne da so schön draufscheint und man hier ein Bier trinken kann, oder ein Samosa essen, das einem der Samosa-Mann vorbeibringt. Dienstags, freitags und sonnabends wird es dort fast schon zu voll, da ist nämlich Markt auf der anderen Seite am Maybachufer. Wenn die Menschen gehen, bleibt Müll liegen. Manchmal liegen morgens auch Spritzen dort.

Der Zaun stört die Menschen, die jetzt hier sitzen, nicht groß. Jemand nutzt ihn, um Plakate aufzuhängen, die auf Konzerte hinweisen. Jemand anderes reißt sie wieder ab. Reste bleiben am Zaun hängen. Der Zaun ist längst schief. Die, die früher gekommen sind, Kinder zum Beispiel, Menschen, die Verbotsschilder und Zäune abschrecken, die müssen halt woanders hin.

Und als der dritte Sommer kommt und der Zaun immer noch da ist, und niemand erkennbare Anstalten macht, eine vermeintliche Einsturzgefahr an der abgesperrten Stelle zu beseitigen, da fragt man sich irgendwann, was das Ganze eigentlich soll.

Wer eine Anfrage an ein Amt in Berlin hat, muss erst anrufen und wird dann gebeten, eine Mail zu schicken. Diese Reihenfolge ist unbedingt einzuhalten. Wenn man direkt mailt, kriegt man keine Antwort. „Können Sie mir sagen, ob es Pläne gibt, diesen Zustand demnächst zu ändern?“, geht die Anfrage an die Bauaufsicht des Bezirksamt. Nichts passiert.

Am Landwehrkanal steht seit Längerem schon eine Sanierung an. Sechs Jahre dauerten die Diskussionen, dann hatten sich Naturschützer, Wasserverwaltung, Bezirke und Schifffahrt Ende 2014 endlich auf ein Konzept geeinigt. Die gesperrte Stelle am Paul-Lincke-Ufer gehört nicht dazu.

Vielleicht kann einer der Beteiligten aber dennoch weiterhelfen. „Warum ist das Gelände an der Kottbusser Brücke gesperrt?“, geht die Anfrage an das Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin (WSA Berlin). Immerhin sind sie für das Ufer zuständig. Und somit wohl auch für die Einsturzgefahr. Michael Scholz, Amtsleiter des WAS, reagiert sofort. Die Anfrage ist, wie sich herausstellt, eine unter sehr, sehr vielen.

Bei der WSA Berlin haben sie eine Zentrale Stelle für Öffentlichkeitsbeteiligung (ZÖB). Ihr Mitarbeiter Björn Röske erklärt, dass nicht das WSA, sondern das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg für die Sperrung verantwortlich sei. Beim WSA sei man auch überrascht über den Zaun und den Hinweis der Einsturzgefahr gewesen. Und auch nicht sonderlich erfreut: Schließlich muss das WSA nun seit geraumer Zeit Anfragen zu einem Missstand beantworten, den es nicht verantwortet.

Das Land, erläutert Röske, gehöre dem Bezirk, und unter der Stelle, im Untergrund, sei die BVG zum Teil zuständig. Das WSA wiederum sei für die Mauer am Kanal und den Abdeckstein auf der Mauer verantwortlich. Und da sei alles in Ordnung. „Unsere Wand ist nicht einsturzgefährdet“, erklärt Röske. Es gäbe regelmäßige Kontrollen durch Taucher und Peilungen. Allerdings habe auch Björn Röske gesehen, dass das Gelände verkomme. Ein erster Stein ist schon rausgerissen. Im Mai gab es noch mal eine Gesprächsrunde vor Ort mit dem Bezirksamt. Aber seitdem sei nichts mehr geschehen. Und warum die Absperrung? „Laut Bezirksamt gibt es einen Rattenbefall.“

Dann reagiert auch das Bezirksamt. Allerdings nur mit der Mitteilung, dass die Mail weitergeleitet wurde. Auf Nachfrage, wann man mit einer Antwort rechnen könne, wird auf die angespannte Personalsituation, Krankheit und Urlaub verwiesen.

Erst anrufen, dann mailen

Björn Röske aber hat eine Idee. Schließlich hat er in der Sache bereits mehrfach Kontakt mit dem Bezirksamt gehabt, wenn er die Anwohneranfragen weitergeleitet hat. Frau Meyer, Abteilung Planen und Wohnen, sei mit der Sache betraut. Ursula Meyer nimmt auch tatsächlich den Anruf entgegen und reagiert aber, wie zu erwarten, mit einer Bitte: „Schreiben Sie in der Sache doch eine Mail an Stadtrat Panhoff.“ Erst Anruf, dann Mail, das darf man niemals vergessen.

Es gibt noch einen anderen Grund, weshalb die jahrelange Sperrung der Fläche an der Kottbusser Brücke so ärgerlich ist: die Knödel mit Pilzen vom Koch aus dem „Übersee“. Das Restaurant nutzt nämlich normalerweise die Fläche als seine Terrasse von März bis November. Abendsonne, Knödel und Weißwein, das ist die perfekte Kombination. Im „Übersee“ kennt man sicher den Grund für die Sperrung. Auf dem Weg dorthin sieht man wieder Menschen hinter dem Zaun. Es ist Sommer in Berlin. Die Menschen trinken Wein aus Plastikbechern und Pappkartons. Die Becher und die Kartons liegen ein paar Tage später immer noch da.

„Ach, die Terrasse“, sagt Firat Aygül und fährt sich mit der Hand durch die schwarzen Locken. Eigentlich wolle er gar nicht mehr darüber reden. Und dann setzt er sich doch hin in den Garten des Cafés am Paul-Lincke-Ufer, in dem er Geschäftsführer ist, bestellt eine Apfelschorle und erzählt seine Geschichte von der Sperrung.

Elf Jahre lang habe er die Terrasse am Landwehrkanal bewirtschaftet. 150 Gäste hätten da Platz, in der Zeit wachse sein Team im Restaurant auf 50 Leute an. In jedem Jahr muss der Antrag für die Verpachtung neu gestellt werden. Pro Monat 2250 Euro Miete, plus tägliche Reinigung, versteht sich. Als er für den März 2013 anfragte, da habe ihn die Frau im Amt gefragt, wo denn die Hektik herkäme? „Ich habe das elf Jahre lang gemacht“, sagt Aygül. „Im März kommen nun mal die ersten Gäste. Warum mischt sich da jetzt auf einmal jemand ein?“

Die Diskussion mit der Frau vom Amt habe sich hochgeschaukelt. Beide Seiten scheinen ungehalten geworden zu sein. Auf jeden Fall blieb der Antrag erst mal ungenehmigt und die Terrasse zu. Kann denn das Bezirksamt so einfach auf die Miete verzichten? „Die Miete bekommt das Grünflächenamt.“ Ah, keine hundert Quadratmeter Fläche, aber schon vier Ämter, die potenziell zuständig sind.

Bis vor Kurzem konnte man die Terrasse vom „Übersee“ übrigens noch in der Broschüre bewundern, mit der der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg für sich wirbt. Da sieht man die Bäume und das Wasser und die Gäste als Untermalung für das Lebensgefühl in dieser Gegend.

Müll zieht Ratten an

Warum ist denn nun dieser Zaun da? „Das“, sagt Aygül, „weiß ich nicht.“ Zuerst sei es wohl die Einsturzgefahr gewesen, Unterhöhlung habe es geheißen, dann habe es ein Problem mit den Bäumen gegeben, dann seien die Ratten ins Spiel gekommen. Und mit ihr das fünfte Amt, das Gesundheitsamt. „Die Anwohner fragen mich, warum wir nicht mehr sauber machen“, sagt Aygül. Warum hier alles verkomme. „Aber das Kottbusser Tor ist eben nicht weit, und der Görlitzer Park auch nicht, und die Stelle durch den Zaun gut geschützt für Menschen, die hier Dinge machen wollen, die nicht jeder mitbekommen muss.“ Allerdings zieht der Müll im abgesperrten Stück die Ratten ja gerade an. Ein Rattenbiotop mitten in einem Bezirk, der gerade gegen eine Rattenplage kämpft, macht nicht viel Sinn.

Am Paul-Lincke-Ufer gibt es wunderschöne Wohnungen. Wer eine kaufen will, bekommt das Exposé direkt auf Englisch zugeschickt. Mit deutschen Käufern scheint man hier nicht mehr zu rechnen. Es müssen schon ausländische Investoren her, die sich 5000 Euro pro Quadratmeter leisten wollen. Und das über einem schief stehenden Bauzaun.

Ein Bürgerrecht auf Knödel mit Wasserblick gibt es nicht. Aber als Anwohner kann man schon erwarten, dass der Bezirk nicht eine Mülldeponie und ein Rattenbiotop unter seinem Balkon betreibt. Thorsten Dembsky wohnt seit zehn Jahren in der Gegend. Auch er ärgert sich über den Zaun, die Sperrung und den Dreck dahinter. Auch er habe bereits die Ämterodyssee hinter sich, erklärt er. Weiß er, warum der Zaun da steht? „Jeder redet sich raus, ein anderer sei zuständig“, erklärt er. Gemeinsam hätten ein paar Anwohner Unterschriften gesammelt, damit die Terrasse wieder geöffnet würde. An die 3000 seien zusammengekommen. Aber der Bezirk habe nicht reagiert. Ein paar Ecken weiter liegt die Gerhart-Hauptmann-Schule, deren Flüchtlingsdrama die Stadt in eine Krise gestürzt hat, die monatelang anhielt. So weit, dass es schließlich zur Haushaltssperre im Bezirk kam. „Ich setze mich jetzt mal in die Nesseln“, sagt Dembsky. „Das Geld für die Sanierung am Kanal ist doch sicher in die Hauptmann-Schule geflossen.“

Es geht momentan so einiges durcheinander im Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain.

Aber zurück zum Bezirksamt, Abteilung Planen, Bauen und Umwelt. Was ist nun los? Bäume, Ratten oder Einsturz? Sie könnten sich wenigstens für einen Grund entscheiden. Und überhaupt, was ist mit dem Müll? „Der Ufergrünzug“, so die ausweichende Antwort, soll „in den kommenden Jahren auch instand gesetzt werden.“ Der Zustand der Fläche werde sich in der Zeit „ohne intensive/tägliche Kontrollen und Reinigungen kurzfristig kaum verbessern lassen“. Die Fläche sei „nicht verkehrssicher“.

Das ist keine befriedigende Antwort. Wenn die Stelle wirklich einsturzgefährdet wäre, noch dazu über dem Gelände der U-Bahn, dann müssten doch hier Warnschilder stehen? Und wenn die Rattenplage der Auslöser für die Sperrung wäre, dann könnte man auch gleich das ganze Ufer sperren.

Auf die erneute Anfrage plus Frist kommt die Reaktion prompt noch nicht mal einen Tag später. „Es gab in dem Bereich Absackungen, deren Ursache geklärt werden musste“, schreibt die Referentin. Wie sie geklärt wurden, wird nicht deutlich. Die Frage, warum die Stelle gesperrt ist, bleibt unbeantwortet. Ein knapper Satz muss genügen: „Derzeit findet dort eine Rattenbekämpfung statt.“

Für die Rattenbekämpfung hat man auf jeden Fall jetzt mindestens zwei weitere Jahre Zeit. Denn „die Sanierung wird frühestens 2017 als Investitionsmaßnahme durchgeführt werden können“. Also wird doch etwas saniert? Aber was? Nur in einer Sache gibt es endlich Sicherheit. Nicht das Ordnungsamt hat die Stelle gesperrt, sondern der Fachbereich Straßen. Von einer Petition der Anwohner, so heißt es, wisse man im Bezirksamt nichts.

Es bleiben nur noch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), um das Geheimnis des Bauzauns zu lüften. Schließlich sind auch sie an dem Gelände beteiligt. Unterhalb des Uferwegs befinden sich Teile einer Wehrkammeranlage, die zum Beispiel bei möglichen Überflutungen zum Einsatz kommen kann. Gleich hier unterquert die U8 den Landwehrkanal. Die BVG aber hat mit der Sache mit dem Zaun nichts zu tun. „Die Anlagen“, so sagt ihr Sprecher, „sind nicht Auslöser der Sperrung. Sie erfolgte nicht im Auftrag oder auf Anweisung der BVG.“

Bezirksbürgermeisterin fragt nach

Vor einigen Tagen waren unter den letzten Gästen im „Übersee“ zwei Frauen. Das Personal ging schon zum Feierabendbier über, erzählt Firat Aygül, da fragte die eine, warum seine Terrasse eigentlich gesperrt sei. „Die Terrasse, ach, lassen wir das lieber“, habe Aygül geantwortet. Aber sie habe insistiert. Und dann habe er ihr alles erzählt, von dem Zaun, den Erklärungen, dem Müll und dem Briefwechsel mit den Ämtern, der so umfangreich sei, dass man damit wohl bald die vermeintliche Unterhöhlung stopfen könnte. Die Frau habe gesagt, sie werde sich der Sache mal annehmen. Warum sie das eigentlich so interessiere, habe Aygül gefragt. Daraufhin habe die Frau gesagt: „Ich bin Monika Herrmann, ich bin hier Bezirksbürgermeisterin.“

Jetzt hat Aygül wieder ein bisschen Hoffnung. Denn der Sommer ist noch lange nicht vorbei.